Teuer und entbehrlich? Wie Unternehmen Babyboomer aus dem Beruf drängen
Personalabbau
Teuer und entbehrlich? Wie Unternehmen Babyboomer aus dem Beruf drängen
Hohe Gehälter und Vorurteile machen Ältere zur Zielscheibe beim Stellenabbau. Warum das für Betriebe aber zum Bumerang werden könnte
Natascha Ickert
Die Politik fordert, dass ältere Menschen länger im Erwerbsleben bleiben. 45 Arbeitsjahre und Ruhestand frühestens ab 65 Jahren, so lautet ein aktueller Vorschlag des Tiroler Landeshauptmanns Anton Mattle (ÖVP), DER STANDARD hat berichtet. Gleichzeitig hat es die Generation der Babyboomer, also Menschen, die circa zwischen 1946 und 1964 geboren sind, auf dem Arbeitsmarkt derzeit besonders schwer. Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage bauen viele Unternehmen Stellen ab. Davon sind häufig ältere Beschäftigte betroffen, die aus Kostengründen nicht selten schon vor dem Pensionsantritt aus dem Beruf gedrängt oder zu einer Reduktion ihrer Arbeitszeit bewegt werden.
Gewollt, aber teuer
Arbeitsmarktexpertin Elisa Aichinger, Partnerin bei Deloitte, sieht für die schwierige Situation mehrere Gründe. Viele Unternehmen würden ihren Personalstand nach wie vor über sogenannte Headcounts steuern – also die reine Zahl der Beschäftigten. In Branchen mit senioritätsabhängigen Gehaltssystemen seien ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer daher bei Personalabbau kurzfristig häufiger betroffen. Laut dem ÖGB-Arbeitsmarktexperten Alexander Prischl ist ein höheres Gehalt in solchen Diskussionen oft negativ besetzt. Dabei werde häufig übersehen, dass es vor allem die über Jahre erworbene Erfahrung und Qualifikation widerspiegelt – und deshalb in vielen Kollektivverträgen entsprechend höher eingestuft ist.
Hinzu kommt, dass in vielen Firmen geschaut wird, wie viel eine Person kostet – aber nicht, wie viel eine Person zum Erfolg des Unternehmens beiträgt. Dabei wird auf den Wissensschatz, die Schnelligkeit und das gute Netzwerk, das sich viele über Jahrzehnte aufgebaut haben, vergessen.
Kurzfristig mag es zwar attraktiv erscheinen, teure Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abzubauen. "Mittel- bis langfristig ist diese Rechnung jedoch oft nicht effizient", sagt Aichinger. Denn fehlendes Know-how müsse später häufig durch teure Interimskräfte, Leiharbeiterinnen oder externe Spezialisten ersetzt werden. Aus einer Gesamtkostenperspektive kann ein solcher Personalabbau sich daher als deutlich kostspieliger erweisen als zunächst angenommen, erklärt Aichinger.
Altersteilzeit und Abfindung
Aber Kündigung ist nicht die einzige Möglichkeit, Kosten zu sparen. Viele Unternehmen wollen oft noch das Wissen und die Arbeitskraft erhalten. So kommt es, dass Firmen älteren Menschen eine frühzeitige Altersteilzeit anbieten. Laut Fachleuten kann dieses Modell durchaus sinnvoll sein. Wenn Personen beispielsweise in physisch belastenden Jobs arbeiten oder Angehörige pflegen, kann es hilfreich sein, die Arbeitsstunden zu reduzieren und trotzdem noch ein Einkommen zu haben, auch damit die Pension nicht viel geringer ausfällt.
Werden Arbeitnehmenden aber in die Altersteilzeit gedrängt, wird dieses Modell von Arbeitgebern zweckentfremdet. Das Problem: Die Beweisführung ist schwierig. Denn schriftlich gibt es diese Forderungen selten.
Eine weitere Option ist das Anbieten einer Abfindung. Der Deal: Wenn die betroffene Person geht, erhält sie einen bestimmten Betrag. Dieser kann je nach Sozialplan, Arbeitsjahren und Verhandlungsgeschick auch recht hoch ausfallen und damit attraktiv für die jeweilige Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer sein.
Vorurteile
Altersdiskriminierung ist ein häufiger Faktor, wieso ältere Menschen gekündigt werden. Immer noch halten sich Vorurteile: Sie kämen bei der rasanten Digitalisierung nicht mit, seien weniger innovativ oder belastbar. Dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer weniger leisten würden, sei durch keine Evidenz belegt, sagt aber ÖGB-Arbeitsmarktexperte Alexander Prischl. Die Vorurteile würden sich trotzdem hartnäckig halten, insbesondere in Unternehmen, in denen kurzfristige Kostenziele im Vordergrund stehen.
Dass Firmen aufgrund dieser Vorurteile Menschen nicht mehr im Betrieb haben wollen, ist schwer beweisbar. Altersdiskriminierung ist in Österreich außerdem verboten. Und trotzdem deuten Berichte von Betroffenen immer wieder darauf hin, dass sie aus diesen Gründen den Job verlassen mussten.
Warum ältere Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren oder sich für Altersteilzeit entscheiden, wird jedoch statistisch nicht erfasst. Aktuelle Daten von AMS und Statistik Austria zeigen aber, dass die Arbeitslosigkeit bei Menschen über 50 weiter steigt. Im Juni 2026 waren mehr als 94.000 Personen dieser Altersgruppe arbeitslos gemeldet – knapp fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Besonders betroffen sind Menschen kurz vor dem Pensionsalter, von denen viele zudem langzeitarbeitslos sind. Gründe für den Anstieg sind unter anderem auch die schrittweise Anhebung des Frauenpensionsalters.
Folgeeffekte
Das Problem: Einstellungsstopps oder Sparprogramme zeigen oft erst Jahre später ihre Folgen, sagt Deloitte-Expertin Elisa Aichinger. So fehle später womöglich eine ganze Generation, wenn diese noch vor der Pension aus der Firma gedrängt werde. Unternehmen analysieren deshalb zunehmend, wie ihre Altersstruktur aussieht und welche Risiken daraus entstehen, erklärt Aichinger.
Politisch setzte die Regierung Maßnahmen, um Ältere länger auf dem Arbeitsmarkt zu halten. Ab dem kommenden Jahr erhalten arbeitende Pensionistinnen und Pensionisten etwa deutliche Steuer- und Sozialversicherungsentlastungen. Und auch Unternehmen erkennen mitunter ihren Wert: So sehen laut einer Deloitte-Befragung von 550 Unternehmen diese ihre älteren Beschäftigten zunehmend als Erfolgsfaktor. Nur müssen auf die Worte auch Taten folgen. (Natascha Ickert, 8.8.2026)
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