WM 2026: 10 skurrile und berührende Episoden des Turniers

Thank you and goodbye – 10 WM-Episoden vom drolligsten Fan bis bis zum Phantom-Schiedsrichter

Fünf aufregende WM-Wochen gehen zu Ende. Alle Augen werden auf den Weltmeister gerichtet sein. Doch ein Turnier lebt auch von den kleinen Geschichten. Die lustigsten und tragischsten.

Sportredaktion NZZ19.07.2026, 05.30 Uhr

6 Leseminuten


Takk! Wir lieben euch

Bereit zum Rudern: Erling Haaland gibt den Takt an.

Bereit zum Rudern: Erling Haaland gibt den Takt an.

Frank Franklin II / AP

Wie hat Norwegen es geschafft, vom Aussenseiter zum WM-Liebling zu werden? Zum Beispiel wegen Erling Haaland. Er hat quasi im Alleingang die Erfolglosigkeit des norwegischen Fussballs beendet. Er ist auch eine «walking green flag», ein Beispiel für gesunde Männlichkeit. Trotz seiner Erscheinung als Naturgewalt. Dann das Rudern. Zuerst ein paar Fans auf einer Subway-Treppe, dann auf dem Times Square, im Parlament, vor dem Schloss und schliesslich in ganz Oslo. Die Welt staunt über so viel Synchronie, so viel Masse, so viel Nationalstolz. Norweger haben keine Mühe, Flagge zu zeigen. Sie weht überall. Das könnte erschrecken. Doch weil das kleine Völkchen aus dem hohen Norden kaum Feinde hat, ist es nur sympathisch. (bwi.)

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Mister Hollywood

Unser Kulttrainer: Murat Yakin.

Unser Kulttrainer: Murat Yakin.

Jared C. Tilton / FIFA via Getty

Als glamourös würde man die Schweizer Fussballer nicht bezeichnen. Müssen sie auch nicht sein, sie sollen gewinnen. Glamourös zu sein, ist die Aufgabe von Murat Yakin. Das sieht die ganze Welt. Perfekt verteilte graue Strähnen im Haar, die markante Brille, ein Blick wie ein Hollywood-Bösewicht. Eine Zeitung fragte sich, ob Yakin und der Schauspieler Mads Mikkelsen Brüder seien. Sie fand heraus: Sind sie nicht. Als einen, der in einer Schokoladefabrik Kokain verkaufen würde, bezeichnete ihn James Corden in seiner Late-Night-Show. Und der Fussballverband reagierte prompt. Er nahm ein Video auf, dort sagt Yakin: «Wir Schweizer sind keine Bösewichte, schlagen wollen wir andere nur auf dem Platz.» Die Schweiz – sie hat nun Humor. (bwi.)

Das hässliche Spiel

Seht, wie sie brüllen! Die Jungs intonieren ihr «Paraguayos, República o muerte» derart brachial, als habe man sie im Knast für die letzte Schlacht zwangsrekrutiert. Und so spielen sie auch: hässlich. Die Brasilianer prägten den Begriff vom «jogo bonito», dem schönen Spiel: Im Fussball sollte es nicht nur um das Ergebnis gehen, sondern auch um Ästhetik und Spielfreude. Heutzutage gewinnt man zwar allein mit Kabinettstückchen keinen Blumentopf mehr. Aber muss man gleich ins extreme Gegenteil verfallen? Im Achtelfinal gegen Frankreich war Paraguays Taktik wie folgt: Das Spiel verweigern, den Gegnern auf die Knochen hauen. Die Wende war wunderbar ironisch: Foul Paraguay, Penalty Frankreich. Und tschüss! (reg.)

«Ich doch nicht»: Paraguays Miguel Almiron wundert sich über seine rote Karte.

«Ich doch nicht»: Paraguays Miguel Almiron wundert sich über seine rote Karte.

Jeff Chiu / AP

Grösser als Yamal

Ein Knirps klaut einem Star die Show: Das passiert gerade Lamine Yamal. Sein dreijähriger Bruder Keyne ist der drolligste Fan an diesem Turnier. Nach dem Viertelfinal gegen Belgien entzückte er das Stadion, als er auf der Tribüne Faxen machte und die Zunge herausstreckte – zu sehen auf der Grossleinwand. Auf dem Rasen lachte der grosse Bruder mit. Er war vorbereitet. «Ich war beim Physio, er rief mich mit dem Telefon meiner Mama an und sagte mir, dass er morgen seine Zunge herausstrecken wird», erzählte Lamine später. Der Kleine bringt dem Team offenbar Glück. Schon beim EM-Titel 2024 war er dabei – damals noch mit Schnuller. Nicht auszudenken, was für einen Auftritt Keyne hinlegt, sollte Spanien Weltmeister werden. (cen.)

Glücksbringer: Lamine Yamals Bruder Keyne.

Glücksbringer: Lamine Yamals Bruder Keyne. 

Screenshot Instagram

Je Henderson, desto Tollpatsch

Der Pevchvogel des Turniers: Jordan Henderson.

Der Pevchvogel des Turniers: Jordan Henderson.

Paul Childs / Reuters

Jordan Hendersons Bilanz im Spiel gegen Mexiko: eine gelbe Karte, ein gebrochener Arm, Abtransport auf einer Trage, null Minuten Einsatzzeit. Kaum zu glauben. Wahrscheinlich dachte sich Henderson dasselbe. Eben noch hatte er hinter dem Tor Englands Sieg gefeiert, da lag er schon auf dem Rasen und krümmte sich vor Schmerz. Beim Überspringen der Werbebande war er ausgerutscht und hatte sich das Handgelenk gebrochen: Operation, WM-Aus. Vor dem Turnier hatten viele wegen seines Alters an Henderson gezweifelt. Thomas Tuchel erntete Kritik, weil er den 36-Jährigen jüngeren Konkurrenten vorzog. Eigenwerbung betrieb Henderson nicht. Dafür verewigte er sich in den Video-Archiven missglückter Jubelszenen. (bns.)

Der vierte Mann

In trostlosen Zeiten galt die Regel: Die Schweiz hat zwar kein WM-Team, dafür aber einen WM-Schiedsrichter. Jean Dubach, Bruno Galler, André Daina, Kurt Röthlisberger, Urs Meier und Massimo Busacca. Doch seit 2014 lautet die Regel andersherum: Die Schweiz hat eine WM-Equipe, aber keinen WM-Referee. Vor der WM spricht der Fifa-Schiedsrichter Sandro Schärer über «ein bisschen Sehnsucht» und über eine «Erlösung». Er hat einen Champions-League-Halbfinal geleitet, ist für die WM aufgeboten worden. Dort sieht er sich «nicht zuvorderst». Das bewahrheitet sich. Schärer erhält zwar acht Aufgebote als vierter Offizieller, aber keines als Spielleiter. Frust, vorzeitige Heimreise. Das Warten geht weiter. Schärer ist 38 Jahre alt. 2030? (bir.)

An der Seitenlinie statt auf dem Platz: Sandro Schärer.

An der Seitenlinie statt auf dem Platz: Sandro Schärer.

armen Mandato / FIFA via Getty

Sabotage am eigenen Team

Er wollte ja nur helfen. Und ein bisschen zeigen, wie mächtig er ist, das schon. Also rief Donald Trump den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino an und schaute, dass Folarin Balogun trotz seiner Rotsperre mittun durfte. Wobei die Begnadigung natürlich nichts mit dem Anruf zu tun hatte, sondern von der Fifa-Disziplinarkommission verfügt wurde. Genützt hat die präsidiale Machtdemonstration nicht. Die USA gingen gegen Belgien unter, es schien, als sei Trumps Intervention keine Hilfe gewesen, sondern Sabotage. Balogun berichtete später, wie aussergewöhnlich die Situation gewesen war und wie das für Nervosität gesorgt hatte. Ein gesperrter Stürmer wäre für die Spieler wohl einfacher zu verkraften gewesen als ein Präsident, der sich auf ihre Kosten inszeniert. (dow.)

So sad: Die USA scheiden im Achtelfinal aus.

So sad: Die USA scheiden im Achtelfinal aus. 

Charlie Riedel / AP

Cool, cooler, Victoria

Vor zwanzig Jahren mischte Victoria Beckham die WM in Deutschland auf. Als Königin der Wags, der «wives and girlfriends», wie sie damals despektierlich genannt wurden, beherrschte sie den Boulevard. An Coolness hat sie zwei Jahrzehnte später nichts eingebüsst. Wie kann man nur immer perfekt sein? Sie war bei den Partien der Engländer im Stadion sogar so Victoria-like stoisch, dass David Beckham sich gezwungen fühlte, zu versichern, seine Frau freue sich über Tore und Siege, doch mehr «innerlich». Einmal kam sie doch aus sich heraus: Beim Tor der Engländer im Halbfinal gegen Argentinien fiel sie David um den Hals. Ausgerechnet. Wie die Partie ausgegangen ist, wissen wir. Cool bleiben bis zum Schlusspfiff lohnt sich. (cen.)

Immer perfekt: Victoria Beckham, hier mit der Familie.

Immer perfekt: Victoria Beckham, hier mit der Familie.

Jean Catuffe / Getty

Gute Reise, Neymar

Es war nicht die WM von Brasilien und schon gar nicht die von Neymar. Der 34-Jährige spielte gesamthaft 37 Minuten, beim 1:2 im Achtelfinal-Aus gegen Norwegen erzielte er das Anschlusstor per Penalty. Es war sein 80. und zugleich letztes für Brasilien, Neymar tritt aus dem Nationalteam zurück. Langweilig wird es ihm nicht. Eben hat er sein Trostpflästerchen erhalten, eine 23-Millionen-Dollar-Jacht. Sechs Suiten soll das 46 Meter lange Luxusboot bieten. Wir mögen es ihm gönnen. Doch vielleicht hätte er die Lektion, die seinem Land an der WM erteilt worden ist, bedenken sollen. Mit Rudern kommt man weiter als mit Sonnenbaden auf einer mobilen Dreckschleuder. (cen.)

Trostpflaster: Neymars neue Yacht Enejota.

Trostpflaster: Neymars neue Yacht Enejota.

PD

From zero to hero

Eine grössere Bühne als die WM gibt es auf Social Media nicht. Zum Internet-Fame ist es da nicht weit, die Wege dorthin sind vielfältig. Das zeigten Vozinha und Tim Payne. Ersterer, der Goalie von Kap Verde, wurde mit seinen Paraden gegen Spanien und Argentinien zum Gesicht der Überraschungsteams.

Tim Payne, der neuseeländische Verteidiger, verdankte seinen Ruhm einem Mann mit der Berufsbezeichnung Content-Creator, der es sich zum Ziel gemacht hatte, Payne zum Internetstar zu machen. Vozinha startete mit 50 000 Followern auf Instagram, er steht nun bei 29,3 Millionen; Payne hatte vor dem Turnier 4700 und jetzt 5,6 Millionen. Der Hype trug ihm einen Wechsel ein, der mindestens so kurios ist: Der Neuseeländer spielt künftig für Olimpia Asunción in Paraguay. (dwi.)

Plötzlich berühmt: Vozinha, Goalie von Kap Verde.

Plötzlich berühmt: Vozinha, Goalie von Kap Verde.

Elton Monteiro / EPA

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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Schon vor dem Final steht fest: Diese WM hat beim Zuschauen Spass gemacht. Allerdings hat dieses Turnier auch deutlich gemacht, dass nicht mehr nur das Spiel im Zentrum steht, sondern dass wie auch in der Politik Polemiken und Verschwörungstheorien Einzug halten.

Der Argentinier hat alles erledigt, was es zu erledigen galt. Im WM-Final kulminiert seine Karriere voller Superlative und Mystik im Duell mit der zweiten Heimat Spanien.

Was anderen grossen Fussballnationen an diesem Turnier fehlte, haben die Finalgegner Spanien und Argentinien. Beide haben eine klare Identität und wissen in jeder Phase des Spiels, was zu tun ist.