20 Jahre RPG-Gewohnheiten über Bord – und plötzlich begeistert mich The Outer Worlds 2

Das RPG-Studio Obsidian hat bei mir seit über 20 Jahren praktisch einen Stein im Brett, wenn es um grandiose Rollenspielkost geht. Knights of the Old Republic 2 bleibt für mich das beste Star-Wars-Spiel aller Zeiten, mit seiner herrlichen Ästhetik, coolen Quasi-Turnbased-Kämpfen und nach wie vor erfrischenden Sicht auf die Galaxie weit, weit weg. Aber dieses „gewisse Andere“ zeichnete auch andere Hits für mich aus – Alpha Protocol als wahres „Entscheidungen zählen“-James-Bond-RPG. Oder Fallout: New Vegas mit perfekter Atmosphäre, Feinschliff fürs Fallout-3-Gameplay und tollen Dialogen sowie Entscheidungsmöglichkeiten.

Und selbst wenn ich nicht mit allen Obsidian-RPGs warm geworden bin (mit dem Gameplay von Pillars of Eternity könnt ihr mich praktisch jagen), war ein neuer Release immer einen Blick wert. So auch bei The Outer Worlds, dem geistigen Nachfolger von Fallout: New Vegas: Ego-Shooter-RPG mit übersteigerter Kapitalismus-als-Maxime-Atmosphäre im 60er-Jahre-Weltraum und Entscheidungsfreiheit. Während das Spiel gute Ansätze hatte, merkte man aber, dass es viel Potenzial auf dem Tisch liegen gelassen hatte.

Wo The Outer Worlds enttäuschte

Begleiter waren eher laufende Inventare als abgerundete Teammitglieder, die bestimmte Rollen erfüllen konnten. Durch Skill-Gruppen (Lügen, Überreden und Einschüchtern als Teil von Redekunst etwa) konnte man irgendwann in praktisch allen Fähigkeiten stark sein. Kämpfe boten wenig Abwechslung, mangels besonderer Tools wie zusätzlicher Gadgets oder auch Granaten. Selbst das „Flaw“-System war nur ein simples „Nimm einen Nachteil in Kauf, hol dir aber einen Perk.“

Entsprechend freue ich mich aktuell sehr darüber, wie überraschend spaßig das Sequel ist: The Outer Worlds 2.

Jeden Freitag berichten wir euch von einem Spiel, das uns aktuell einfach nicht loslässt. Mal ist es ein brandneuer Release, mal ein alter Lieblingsklassiker, ein übersehener Geheimtipp oder einfach ein Titel, der gerade überraschend viel Spaß macht.

Dabei geht es nicht nur darum, was gespielt wird, sondern vor allem warum: Was zieht uns gerade daran rein? Welche Momente bleiben hängen? Was macht das Spiel besonders, spannend, entspannend, nervig oder einfach richtig gut?

Wer regelmäßig vorbeischaut, findet hier jede Woche persönliche Spieleindrücke aus der Redaktion - von großen Blockbustern über Indie-Perlen bis hin zu Titeln, die man vielleicht längst vergessen hatte.

The Outer Worlds 2: Endlich spiele ich es

Eher aus einer Laune heraus habe ich vor ein paar Tagen mit meinem Playthrough begonnen, den Release im Oktober hatte ich im Grunde ignoriert, weil ich gerade mit anderen Games zu tun hatte – und die fragwürdige Preispolitik eines zunächst als 80-Euro-PC-Spiel angekündigten Titels nervte mich auch eher.

Jetzt aber? Mein Feierabend gehört The Outer Worlds 2! Und das vor allem, weil ich mich von RPG-Klischees befreit habe, die meine Playthroughs oft dominieren. Damit meine ich schlicht und ergreifend, wie ich meine Figuren normalerweise spiele: Jedes Schloss will ich knacken können, jeden Dialog mit Charisma meistern und an jedem Gegner vorbeischleichen. Praktisch die Alltags-Power-Fantasy.

Der Charakter-Editor am Anfang des Spiels begeistert - und ist dank Third-Person-Ansicht im Gegensatz zu Teil 1 auch deutlich 'sinnvoller'.

Quelle: PC Games

Der Charakter-Editor am Anfang des Spiels begeistert - und ist dank Third-Person-Ansicht im Gegensatz zu Teil 1 auch deutlich “sinnvoller”.

Mein Ansatz: Schluss mit dem Alleskönner

Stattdessen habe ich mich für eine Glücksspielerin mit einem Faible für Explosives und Maschinen entschieden – sogar gepaart mit dem „Dumm“-Perk. Der blockt einige Skills komplett, wodurch ich direkt Redekunst, Führung, Schleichen, Hacken oder auch Schlösserknacken für diesen Durchgang gesperrt habe. Das Ergebnis? So viel Spaß wie seit Langem nicht mehr, vor allem wegen Dialogen, die sonst nie so relevant wären.

Auch wenn es etwa keine Gameplay-Auswirkung hat: Auf der Suche nach „Safe Rooms“ die dumme Antwort „Aber was, wenn sie alle Safes mit sich genommen hat, als sie gegangen ist?“ wählen, fühlt sich großartig an. Oder beim Explodieren eines Raumschiffs auf die Frage „Was zum Geier war das?“ nur mit einem fröhlichen Seufzen zu sagen: „Zündung. Verbrennung. Perfektion.“

Echte Gameplay-Vorteile gibt es aber auch: Wenn man das Schicksal eines Planeten bestimmen soll … und dank „Lucky“-Perk einfach einen Computer tritt und damit das Hacken umgeht. Jedes Mal Freude bereitet mir auch der direkt am Start des Spiels gewählte „Brawny“-Perk, der mich nicht nur Dialogpartner einschüchtern, sondern sogar defekte Türen mit bloßen Händen aufstemmen lässt. Viele coole Momente eben, die mir mit einem langweiligen Alleskönner-Charmeur-Schlossknacker-Build vielleicht entgangen wären.

Sprengstoff statt Silberzunge

Ich habe mich darauf eingelassen, dass ich nicht jeden um den Finger wickeln kann – stattdessen lässt mich Obsidian eben mit Sprengstoff- und Ingenieurswissen in Dialogen glänzen. Oder ich lasse einfach meine Waffen für mich sprechen, weil nicht jeder eine silberne Zunge statt einer Bleikugel verdient.

The Outer Worlds 2 sieht noch einmal beeindruckender und atmosphärischer als sein Vorgänger aus - auch wenn es weiterhin keine Grafikgranate wie Cyberpunk 2077 ist.

Quelle: Obsidian Entertainment

The Outer Worlds 2 sieht noch einmal beeindruckender und atmosphärischer als sein Vorgänger aus - auch wenn es weiterhin keine Grafikgranate wie Cyberpunk 2077 ist.

Das macht sich auch bei Begleitern bemerkbar – Ingenieur Niles freut sich etwa sichtlich in Dialogen darüber, wenn ich etwas zu seinem Faible für Maschinen, Mechs und Reparaturen beisteuern kann. Könnte ich mich auch anderweitig mit ihm anfreunden? Klar. Fühlt es sich gut an, dass meine charismalose Glücksspielerin doch etwas zum Bonden finden kann, indem sie über Katalysatoren und Sprengvolumen redet? Auf jeden Fall!

Mehr Flow in den Kämpfen

In Kämpfen selbst läuft auch vieles geschmeidiger als im Vorgänger ab. Die Waffen fühlen sich knackig an und bieten mit unterschiedlichen Elementen stets kleine Mini-Puzzles im Kampf, mit denen ich dann nach eigenem Faible vorgehen kann. Aber auch Booster-Schuhe, Granaten, das Erklimmen von Vorsprüngen u. Ä. sorgen dafür, dass man einfach einen besseren Flow in den Fights genießen darf.

Empfohlener redaktioneller Inhalt https://youtu.be/EQ_PNu2c87A An dieser Stelle findest du externe Inhalte von YouTube. Zum Schutz deiner persönlichen Daten werden externe Einbindungen erst angezeigt, wenn du dies durch Klick auf "Alle externen Inhalte laden" bestätigst:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Vor allem, wenn man sich noch entsprechende Perks holt: Ich renne Gegner im Kampf dank „Brawny“ einfach um, kann sie mit gezielten Granatentreffern gegen ihren Körper ins Straucheln bringen und richte aus nächster Nähe Extra-Schaden an. Dazu noch der „Flaw“ (Perk mit Vor- und Nachteil), dass ich ein größeres Waffenmagazin habe, aber weniger Schaden anrichte, wenn ich eine Waffe wirklich leer schieße und nachladen muss.

Das Ergebnis? Eine Mega-Gaudi, Sprengsätze hochzujagen und aus nächster Nähe und in Zeitlupe fünf Schüsse aus einer eigentlich dreiläufigen Schrotflinte entladen zu dürfen – ich liebe solchen „Gaming“-Irrsinn.

Nicht jede Schwäche von Teil 1 ist weg

Wobei The Outer Worlds 2 nicht alles an Kritik aus Teil 1 beseitigen konnte. Es leidet – wie viele moderne Obsidian-Spiele – an einer Story, die mich einfach nicht völlig abholen will. Dabei muss ich wohl betonen, dass es nicht das Fehlen jeglicher Romanzen ist (auch wenn das für mein Nerd-Herz stets schwer zu verkraften ist), sondern einfach ein Problem der Inszenierung oder auch des Story-Tempos.

Der bunte Cast an Begleitern ist cool gestaltet, bietet abwechslungsreiche Dialoge … und will trotzdem nicht so abholen wie die Figuren, die wir vor 20 Jahren von Obsidian vorgesetzt bekommen haben.

Quelle: Obsidian Entertainment

Der bunte Cast an Begleitern ist cool gestaltet, bietet abwechslungsreiche Dialoge … und will trotzdem nicht so abholen wie die Figuren, die wir vor 20 Jahren von Obsidian vorgesetzt bekommen haben.

An keinem Punkt baue ich wirklich eine Beziehung auf, bei der ich mir wahrlich Sorgen um Begleiter, Dörfer oder gar Planeten mache. Dafür ist The Outer Worlds 2 dann doch zu sehr in seinem Kapitalismus-Klamauk gefangen, sodass ich mich frage, warum in dieser absurden Welt irgendetwas ernst zu nehmen ist.

Immer noch kein New Vegas – aber verdammt viel Spaß

Entsprechend werde ich The Outer Worlds 2 bestimmt niemals im selben Atemzug wie KotOR 2 oder New Vegas nennen, aber ich habe aktuell wirklich viel Spaß damit, einfach wieder ein Sandbox-RPG zu genießen, dessen Welt und Charaktere mir zwar wenig bedeuten, aber dessen Gameplay-Möglichkeiten entzücken. Vor allem dank meiner Entscheidung, mal weg von meinem Klischeehelden zu gehen.

In diesem Sinne werde ich heute Abend wieder begeistert Schwachsinn, Mechaniker-Talk und Sprengstoff-Fanatismus als Dialogoption wählen … nur eben nichts, was annähernd für Charme, Diplomatie oder einen gesunden Geist spricht. Wie spielt ihr solche Rollenspiele am liebsten? Oder was für einen Helden bzw. Antihelden hattet ihr in Outer Worlds 2? Schreibt uns gern in die Kommentare!