Theater über Simson in Suhl: Nicht nur für DDR-Moped-Fans

Regisseur Janek Liebetruth und Autor Aron Boks bei der Premiere von "Simson: Freiheit", auf der Bühne stehen zwei Mopeds

AUDIO: "Freiheit: Simson": So war die Premiere in Suhl (10 Min)

Premiere

"Hier wird verramscht": Theaterstück über Simson, die Wende und Suhl

Stand: 03.10.2026 13:19 Uhr

In Suhl hat am Freitag das Theaterstück "Freiheit: Simson" über das Kultmoped Premiere gefeiert. Es erzählt die Geschichte der Simson-Werke mit Fokus auf die DDR und fragt zugleich, wie die Wendezeit die ostdeutsche Industriestadt verändert hat. Das Publikum applaudierte zur Uraufführung stehend. Zu den Gästen gehörte auch Dennis Simson, der aus New York angereist war.

von Stefan Petraschewsky, MDR Kulturdesk

  • Das Stück erzählt, welche Bedeutung die Simson-Werke bis heute für Suhl haben.
  • Ihre Geschichte und die der Beschäftigten wird mit Fokus auf die DDR und die 80er-Jahre erzählt.
  • Das Theaterstück ist auch eine Wertschätzung ihrer Lebensleistung.

"Wem gehört die Simson?", fragt die Werksführerin zu Beginn ins Publikum und lässt die Antwort vorerst offen. Das Publikum, das sind rund 240 Zuschauer, die im Kultursaal des ehemaligen Werksgeländes in Suhl Platz genommen haben. Es sitzt auf einer Tribüne, die den halben Raum ausfüllt. Davor bleibt viel Platz zum Spiel. Der Saal mit DDR-Patina, viel Holz und Kronleuchtern ist vielleicht 30 x 15 Meter groß, hat eine große Fensterfront, Parkettboden und am Kopfende eine Bühne mit Vorhang, vor dem jetzt ein Rednerpult steht.

Publikum bei der Premiere des Stücks "Simson: Freiheit" in Suhl.

Die Premiere des Theaterstücks "Freiheit: Simson" im ausverkauften Kultursaal des ehemaligen Werksgeländes in Suhl.

Vom Schicksal der Simson-Stadt Suhl

In "Freiheit: Simson" geht es nur auf den ersten Blick um das Freiheitsgefühl, das mit dem DDR-Mopeds verbunden war. In Interviewschnipseln, beim Platznehmen, hören die Zuschauer zunächst, wie sich 15-Jährige mit einer S51 unabhängig fühlten wie nie zuvor, oder mit der Schwalbe in ihren ersten Ostseeurlaub fuhren.

Das ehemalige Simson-Werk in Suhl, ein dunkles Gebäude vor grauem Himmel.

Ehemaliges Simson-Werk in Suhl: Wo heute Theater gespielt wird, rollten bis zur Wende Millionen Motorräder und Mopeds vom Band.

Aber schnell geht es um etwas viel größeres: um die Geschichte der Simson-Stadt, denn die Simson-Werke waren hier der größte Arbeitgeber. 4.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hätten zu DDR-Zeiten pro Jahr 180.000 Motorräder und Mopeds gebaut, heißt es im Stück.

Waffen für den Krieg, Mopeds für die DDR

Zunächst war Simson aber eine Waffenfabrik, die von einem jüdischen Familienunternehmen geführt wurde. 1866 im Krieg der Preußen gegen Österreich hatte man mit modernen Hinterladern eine gute Zeit. In den nächsten Kriegen auch. Während der Nazizeit wurde der Betrieb enteignet, die Simsons flohen ins Exil. In DDR-Zeiten baute man dann die Schwalbe, die S50, oder die S51.

Eine Szene aus der Inszenierung Freiheit:Simson, in der ein älterer Mann im Anzug einen Jüngeren zurechtweist.

Das Stück widmet sich auch den Schattenseiten der DDR-Erfolgsgeschichte Simson.

Nach der Wende wurde der volkseigene Betrieb abgewickelt. "Wir sind nicht dazu da, um Sie zu retten. Wir sind dazu da, um Sie zu liquidieren", so bringt es "die Treuhand" auf den Punkt, die hier als als allegorische Figur auftritt. Aber natürlich hängt die Seele der Stadt immer noch an dem Werk. Wenn man es schließt, durchtrennt man die Nabelschnur.

Wir sind nicht dazu da, um Sie zu retten. Wir sind dazu da, um Sie zu liquidieren. Zitat der Treuhand im Stück "Freiheit: Simson"

Simson zwischen Stolz und Mangel

Die Handlung des Stückes beginnt 1904 mit dem Tod Gerson Simsons, der die Firma groß gemacht hatte; sie endet im Hier und Jetzt, 2026. Die Weltkriege, die Nazi-Zeit und die ersten DDR-Jahrzehnte werden eher kurz abgehandelt. Der Schwerpunkt liegt auf den 80er-Jahren.

Eine Szene aus der Inszenierung Freiheit:Simson, bei der zwei Personen an einem Tisch sitzen, zwischen ihnen steht ein Dritter.

Aus dem Produktionsalltag wird schnell die Geschichte einer Mangelwirtschaft. Teile fehlen für die Produktion, zum Beispiel Räder für die S51, weswegen am Montageband immer wieder die gleichen Räder angebaut werden. Der Direktor sagt: "Also schieben wir die Fahrzeuge auf den Hof, bauen die Räder aus und stellen sie wieder ans Band, damit wir die nächsten runternehmen können. Dann steht der ganze Hof voll Fahrzeuge. Ohne Räder. Das ist absolut total idiotisch."

Nach der Wende: "Hier wird verramscht"

Für das Stück haben Regisseur Janek Liebetruth und Autor Aron Boks seit dem Frühjahr Interviews mit ehemaligen Werksmitarbeitern gesammelt und zu einem Text verdichtet, der auf drei Schauspielerinnen und drei Schauspieler aufgeteilt ist. Figuren wie "die Betriebsärztin" oder "die Facharbeiterin mit Abitur" stehen jetzt auf der Bühne, aber auch ein "Arbeiter, der blieb" - nach der Wende. Er beklagt:

Die Stimmung in Suhl ist nicht gut — alle wissen, hier wird verramscht. Manche würden am liebsten heulen. Viele sind seit zwei, drei Jahren arbeitslos. Ein großer Teil will wegziehen, in andere Bundesländer, nur um Arbeit zu finden. Zitat aus "Freiheit: Simson"
Eine Szene aus der Inszenierung Freiheit:Simson, in der eine Person mit resigniertem Gesichtsausdruck an einer Bar sitzt.

Das Stück bringt den Frust über die Treuhandpolitik auf die Bühne.

Vertragsarbeiter in Suhl bekommen eine Stimme

Die Treuhandpolitik hat auch noch eine andere Seite: Der Frust richtet sich gegen Vertragsarbeiter, die die DDR ins Land geholt hatte. "Da fielen dann die N-Worte. Sie haben eine Schlägerei angefangen", berichtet ein Mann aus Mosambik, der von der Polizei "gerettet", d.h. im Januar "mitten im Wald" ausgesetzt worden sei.

Das Rednerpult, wahlweise mit Hakenkreuz-, DDR-, oder BRD-Emblem, ist im Stück der Ort für die offiziellen Statements. Dazu verhalten sich die Werksmitarbeiter an unterschiedlichen Orten: links gibt es zwei rote Sessel mit Couchtisch - Stichwort Führungsebene, rechts steht ein Grill, wo man die Zeit der Arbeitslosigkeit mit Bier und Bratwurst totschlägt; vorne auf der großen Parkettfläche stehen Tische und Stühle, die an eine Kantine erinnern.

Eine Szene aus der Inszenierung Freiheit:Simson, die dunkle Schemen vor einem hellen Hintergund zeigt.

Das Stück erzählt auch von Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit nach dem Aus für das Simson-Werk.

Songs von Karat bis zum Rennsteiglied

Dazu wird mit viel Videomaterial aus der Nazi-Wochenschau, der Aktuellen Kamera oder der Tagesschau gearbeitet und damit quasi eine zweite Ebene eingezogen. Diese Videobilder werden noch einmal grafisch verstärkt, werden mit dicken, weißen Strichen mit einem Beamer über die ganze Bühnenbreite nachgezeichnet. Das ist ein irrer Effekt, der große Kraft entfaltet. Dazu kommt noch ikonische Musik der Zeit: Vom Rennsteiglied, zu dem das Publikum gleich den Rhythmus mitklatscht, über "Unsere Heimat" bis zum "Blauen Planeten" von Karat.

Schluss mit Simson: Werksführerin räumt Bühne

Wem gehört die Simson? Es schwingt noch eine zweite Frage mit: War diese Entwicklung zwangsläufig, die aus der Industriestadt Suhl, die vor der Wende gut 56.000 Einwohnern hatte, eine Stadt mit nur noch 37.000 Einwohnern gemacht hat? Gab es Alternativen? Der Nachwende-Direktor kommt hier zu dem Schluss:

Es hätte einen Weg gegeben. Wir waren in Norwegen Marktführer. 680 Fahrzeuge in dreieinhalb Jahren, mit dem Dreirad. Die norwegische Post ist damit gefahren. Zitat aus "Freiheit: Simson"
Eine Szene aus der Inszenierung Freiheit:Simson, in der ein Mann im Anzug fragen die Hände hebt.

Auch die Frage, ob das Simson-Werk nach der Wende eine Zukunft hätte haben können, wird verhandelt.

Facettenreiche Geschichte eines Untergangs

Die Werksführerin führt wie ein Conférencier durch dieses facettenreiche Untergangsszenario – nicht im Blaumann, sondern in einem weißen Glitzerkostüm, als gäbe es etwas zu feiern. Sie lächelt quasi alles weg, was die Widersprüche dann umso größer erscheinen lässt, auf die die Handlung fokussiert.

Nur einmal erlaubt sie sich einen persönlichen Kommentar. Da schiebt sie mit fast übermenschlicher Kraft eine ganze Wand mit einem riesigen Simson-Schriftzug in den Nebenraum einfach beiseite, und markiert damit: Das war's jetzt. Simson gibt's nicht mehr. Schluss mit lustig! Und am Ende geht sie an den Sicherungskasten, um per Knopfdruck die Vorhänge vor den Fenstern wegzuziehen und die Fenster zu öffnen. Willkommen zurück in der Realität!

Die Figur der Werksleiterin im weißen Anzug im Stück "Freiheit: Simson" neben zwei schwarzgekleideten Personen.

Werksführerin führt durch das facettenreiche Untergangsszenario.

Suhl heute: Simson statt Lastenrad

Das Publikum war wirklich beeindruckt und applaudierte stehend. Mit dabei war auch Dennis Simson, der die Familienbelange nach außen vertritt, der aus New York angereist war. Es war deutlich zu merken, dass die Zuschauer, die zum Großteil ein Teil der Simson-Geschichte waren, sich gesehen fühlten. Das Theaterstück ist eine Wertschätzung ihrer Lebensleistung.

Wenn die AfD die Simson im Wahlkampf gegen Lastenräder ausspielt, die in großen Städten angeblich von linksgrünen Menschen gefahren werden, dann instrumentalisiert sie die Simson für ihre Politik. Das Theaterstück in Suhl setzt dieser verkürzten AfD-Interpretation ein anderes Narrativ entgegen: eine Erzählung, die nicht agitieren und ausgrenzen will, sondern die Simson bei allen Menschen lässt. Und das ist auch die Antwort auf die Frage, "Wem gehört die Simson?", die die Werksführerin am Stückbeginn gestellt hatte.

"Freiheit: Simson"
Premiere am 2. Oktober 2026

Adresse:
Simsonstraße 9, 98527 Suhl

Weitere Vorstellungen:
3., 4., 8., 9., 16.,17. und 18. Oktober, jeweils 18:30 Uhr
7. und 19. Oktober, jeweils 10:30 Uhr


Redaktionelle Bearbeitung: vp