Therapiebegleithund Lorenzo besucht Senioren – und eine streichelt ihn kurz vor ihrem Tod
Stand: 17.09.2026, 19:40 Uhr
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Ein andalusischer Straßenhund besucht alle zwei Wochen eine Seniorenresidenz in Grävenwiesbach. Selbst eine Dame, die nicht mehr auf Ansprache reagierte, begann ihn plötzlich zu streicheln.
Usinger Land – Georg Hübenthal und Erika Stamm leben seit Jahren in der Grävenwiesbacher „Residenz Wiesinbach“. Im Foyer warten sie gespannt darauf, dass die Tür aufgeht. „Da kommt er“, sagt der 87-Jährige, und ehe er sich versieht, sitzt „er“ auch schon auf seinem Schoß und will gestreichelt werden. „Er“ heißt „Lorenzo“, seines Zeichens etwa kniehoher andalusischer Straßenhund, der vor sechs Jahren das Glück hatte, von Eva Meinecke im Tierheim ausgesucht zu werden.
Meinecke, ehemalige Weilroder und Usinger Pfarrerin und Ex-Dekanin, ist schon vor vielen Jahren „auf den Hund gekommen“. Früher waren sie noch größer, nun tut es auch der deutlich kleinere „Lorenzo“. Was in dem Mix alles drin ist, weiß Eva Meinecke nicht: „Etwas Dackel, vielleicht auch ein wenig Chihuahua, von der Stimme her wohl auch etwas Größeres, ist auch egal“, sagt sie. Hauptsache ist, dass „Lorenzo“ ein äußerst freundlicher, menschenzugewandter Hund ist. Er beißt und knurrt nicht, sonst hätte er den Job als Therapiebegleithund auch nicht bekommen.
Als Schutzhund eine Fehlbesetzung
„Er ist dafür perfekt geeignet, als Schutzhund wäre er eine glatte Fehlbesetzung“, sagt Meinecke, die mit ihm seit vier Jahren regelmäßig alle zwei Wochen freitags in die Grävenwiesbacher Seniorenresidenz geht und dort in Absprache mit der Heimleitung pro Termin drei bis vier Senioren besucht. Meinecke und „Lorenzo“ haben sich beim DRK-Kreisverband Hochtaunus zum Therapiebegleithundeteam ausbilden lassen, werden bei den Besuchen aber von Pflegeassistent Robert Hofmann fachkundig begleitet.
„Anfangs haben wir noch Gruppen besucht, die Heimleitung wollte dann aber, dass auch Bewohner, die an ihr Zimmer gebunden sind, in den Genuss kommen. Deshalb sind es jetzt Einzelbesuche“, sagt Meinecke, die von anrührenden Begegnungen berichten kann. So sei „Lorenzo“ einer alten Dame nicht von der Seite gewichen, weil die immer Leckerli für ihn hatte. Mit Kauen habe er sich gar nicht aufgehalten – „schnapp und schluck und weg“. Dass die Dame bei jedem Leckerli „Aber du musst doch kauen“ gesagt hat, kümmerte ihn nicht, lacht Meinecke.
Gar nicht zum Lachen sei eine andere Begegnung gewesen. Eine auf Ansprache nicht mehr reagierende alte Dame habe plötzlich begonnen, „Lorenzo“ zu streicheln. „Sehr bewegend, zwei Tage später war die Frau gestorben“, erzählt Meinecke, noch immer tief berührt.
Senioren blühen auf
„Wir sind über die Besuche sehr froh, denn sie machen etwas mit unseren Bewohnern“, sagt Mareike Dönges, Leiterin Soziale Betreuung. Sie ist „zuständig für alles, was unseren alten Leuten Spaß macht“.
Während der Kontakte mit „Lorenzo“ blühten die Senioren auf und oft zeigten sich auch danach noch positive Auswirkungen. Man sehe das an ihrer Mimik und Gestik, sagt sie. Aber auch bei Trauerfällen habe „Lorenzo“ schon durch seine bloße Anwesenheit Trost gespendet, so Dönges. Offenbar wecke der körperliche Kontakt mit dem Hund bei vielen Senioren lange verschüttete Erinnerungen an frühere Zeiten, in denen sie vielleicht selbst Hunde hatten. Wie Georg Hübenthal, der erzählt, dass er früher einen Dackel und einen schottischen Schäferhund hatte. Er hat sich mit „Lorenzo“ auf dem Schoß fotografieren lassen, das Bild als Geburtstagsgruß verschickt und „Wir beide wünschen dir alles Gute“ druntergeschrieben.
Tiergestützte Therapieverfahren gelten als durchaus geeignet, Symptome bei psychiatrischen, psychisch/neurotischen und neurologischen Erkrankungen und seelischen oder geistigen Behinderungen zu lindern. Bevor die Ausbildung starten kann, nehmen die Hunde und deren Führer an einem Eignungstest teil. Dort werden Wesensfestigkeit, Gehorsam des Hundes und sein Verhalten gegenüber anderen Menschen und auch Artgenossen überprüft. Erst nach dem bestandenen Eignungstest ist die Teilnahme an der Ausbildung als ehrenamtliches Besuchs- und Therapiebegleithundeteam möglich.