Tiermärchen und -fabeln verlaufen im Upland etwas anders

Stand: 06.08.2026, 13:45 Uhr

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Illustration von Otto Ubbelohde zum Märchen Der Wolf und der Fuchs

Bekannte Märchen wie „Der Wolf und der Fuchs“ illustrierte unter anderem Otto Ubbelohde aus Goßfelden nahe Marburg. © Digitale Bibliothek/Wikicommons

Im Upland läuft es anders als bei Äsop und den Grimms: Ein Blick ins Märchenbuch zeigt, wie bekannte Geschichten sich regional verändern.

Willingen (Upland) – Was die Brüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen zusammenführten und letztlich weltberühmt machten, hatten sie zuvor aus vielen Quellen gesammelt – viele Geschichten wurden landauf, landab erzählt, oft in eigenen Varianten. So macht Marius Querl auf in Upländer Platt geschriebene Varianten bekannter Tierfabeln aufmerksam.

Er entdeckte sie in einer Sammlung von Charlotte Oberfeld, „Märchen des Waldecker Landes“ von 1969. Sie baute damit auf Louis Curtzes „Volksüberlieferungen aus dem Fürstenthum Waldeck“ auf – woher genau die Fassung stammt, weiß er jedoch nicht.

Hervor hebt er „Der Fuchs und der Wolf“: In einer Zeit, in der die Tiere hungern, schleicht der schlaue Fuchs sich durch ein Loch in den Keller eines reichen Bauern, voller „fleischk, butter, milk un süss nach läwensmiddel“. Er frisst sich satt, aber nur so viel, dass er durch das Loch auch wieder hinauskommt. Das macht er eine ganze Zeit lang so. Der Wolf bemerkt letztlich, wie gut es dem Fuchs geht, und überzeugt ihn, zu teilen. Zwar meint der Fuchs noch „dat will ick leewer alleine ääten“ – „das will ich lieber alleine essen“ –, doch letztlich gibt er nach. „Der Wolf kennt aber kein Maß“, fasst Querl zusammen – auf dem Rückweg bekommt er noch den Kopf durch das Loch, bleibt dann aber stecken, kam „weeder hingerrücks noch vürrwärts“ wieder raus. Der Fuchs entkommt und denkt sich, er wolle den Wolf „einmal dran kriegen“: Er macht Krach am Gänsestall. Als der Bauer schließlich den Wolf entdeckt, wird auf ihn eingedroschen. Er entkommt, muss sich aber vom Fuchs auslachen lassen.

Die Unterschiede zur Grimmschen Fassung sind groß: Dort zwingt der Wolf den Fuchs bei verschiedenen Gelegenheiten, ihm Futter zu holen. Der Keller mit dem schmalen Loch ist für den Fuchs letztlich der Ausweg, den Wolf loszuwerden: Er selbst achtet peinlich darauf, durch die Öffnung zu passen, der Wolf bleibt auch hier stecken, wird aber totgeschlagen.

„Das Märchen ist national bekannt, aber hier heimisch geworden“, fasst Querl zusammen – es wurde im Upländer Platt an die Region angepasst. „Das ist einleuchtend, weil es mit der Lebensrealität der Menschen zusammenhängt.“ Der Wolf spielte in besonders ländlichen Regionen eine große Rolle. So waren Tiermärchen überall verbreitet, doch die Sammlerin Oberfeld habe festgehalten, dass sie in der Region besonders prominent waren. Warum der Wolf in dieser Geschichte weniger boshaft erscheint, aber mit dem Leben davonkommt, weiß Querl aber nicht zu erklären.

Teils wurden Märchen auch in der Region verortet, etwa „Asse de Woulf woll Beamte wären“ – „Als der Wolf Beamter werden wollte“ –, das ein Erzähler in Schwalefeld beginnen ließ. Dies ist aber eher eine Wahl des Erzählers, um die Geschichte anschaulich zu machen, als eine ortsgebundene Erzählung, bestätigt Querl.

Letztlich gibt es nicht nur Überschneidungen mit den Brüdern Grimm, sondern auch solche, die viel weiter zurückreichen: Äsop mit seinen Fabeln aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. „Die Stadtmaus und die Landmaus“ erzählten sich Upländer als „De Feldmuus un de Huusmuus“. In beiden Fassungen besucht die Feld- oder Landmaus die Haus- oder Stadtmaus, die Zugriff auf viel mehr Vorräte hat. Bei Äsop vertreiben Diener die Mäuse aus einem Speisesaal und die Landmaus beschließt, lieber nach Hause zurückzukehren. In der Upländer Erzählung fliehen sie vor einer Katze ins Mauseloch. Die Feldmaus schaut trotz Warnung noch mal hinaus und wird gefangen – doch der „niggeschierigen“, also neugierigen Hausmaus geht es nicht anders: Sie schaut, wie es der Feldmaus ergeht, und wird selbst verspeist.

„Solche Geschichten zirkulieren in Europa, und werden an verschiedenen Orten heimisch“, bilanziert Marius Querl – so angepasst, wie sie den Erzählern in Erinnerung blieben.