Tod auf dem Gerstenfeld – Knecht wird 1903 bei Aßling mit der Sense enthauptet

Stand: 16.10.2026, 07:03 Uhr

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Mordserie Nordhof

Auf einem Getreidefeld zwischen Aßling und Glonn hat 1903 ein 19-jähriger Knecht sein Leben verloren. Ein älterer Knecht hatte im Streit zur Sense gegriffen und war damit auf den Jüngeren losgegangen. © STEFAN ROSSMANN Augustinerstr. 11 85560 Ebersberg [email protected] stefanrossmann.com

Ein 19-jähriger Knecht aus Aßling kommt seinem Arbeitskollegen beim Mähen zu nah. Der hatte ihn zuvor gewarnt, genau das zu unterlassen.

Aßling – Es ist ein Augustnachmittag im Jahr 1903. Auf den Feldern um den Weiler Nordhof zwischen Aßling und Glonn steht die Gerste reif. Die Zeit drängt. Wer zupacken kann, schuftet draußen auf dem Feld. Es ist ein anstrengender Tag für alle – und für einen jungen Knecht der letzte seines Lebens. Er findet einen gewaltsamen Tod – unter der Sense eines anderen.

„Um seinen Kopf kürzer“ gemacht

Die Ernte ist schlecht in diesem Jahr. Der Sommer 1903 war nach historischen Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes in Südbayern extrem nass und unterkühlt. An diesem 10. August ist es endlich trocken genug für die Ernte. Sie duldet keinen Aufschub. Für die Bauern ist jetzt keine Zeit zu verlieren, und Maschinen, die später einmal die schwere Arbeit auf den Feldern erleichtern werden, sind bislang nicht im Einsatz. Die Männer mähen das Getreide mit der Sense, Halm für Halm, Schlag um Schlag.

Serie

Die Ebersberger Zeitung hat Mordfälle im Landkreis Ebersberg aus 400 Jahren recherchiert. In einer losen Artikelserie berichten wir über einige spektakuläre Verbrechen. Folge 23.

Auf einem Gerstenfeld des Nordhofer Huberbauern stehen an diesem Tag zwei Knechte bei der Arbeit. Einer von ihnen ist gerade einmal 19 Jahre alt: Josef Schickinger, im Dorf nur der „Schickinger Sepp“ genannt. Der junge Mann stammt aus dem drei Kilometer weiter gelegenen Aßlinger Gemeindeteil Obereichhofen.

Als sogenannter Unterknecht gehört er zu jener großen Zahl von Männern und Frauen, die um 1900 auf den Höfen im Landkreis ihren Dienst tun. Die Knechte und Mägde schlafen unter demselben Dach wie die Bauernfamilie. Für die Dauer ihres Dienstes sind sie Teil der Hofgemeinschaft. Ihr Arbeitsalltag kennt gerade in der Erntezeit kaum Schonung.

So hat auch der Schickinger Sepp an diesem Augusttag nichts anderes vor als seine Arbeit. Er steht mit der Sense in der Hand auf dem Gerstenfeld. Vor ihm arbeitet ein kräftiger, großer Knecht, ein Niederbayer. Und der ist bereits verärgert, weil der Sepp beim Mähen immer wieder zu dicht hinter ihm herkommt. Bei einer Sense ist das nicht ungefährlich. Die scharfe Klinge schwingt bei jedem Schnitt durch das Getreide. Ein falscher Schritt, eine unbedachte Bewegung kann mit einer Verletzung enden.

Der Niederbayer wird schließlich zornig und warnt den Jüngeren: „Noch einmal mäh so scharf hinter mir her, dann hau’ ich dir den Schädel ab!“ So schildert es Hans Lebmeier, Aßlings Bürgermeister von 1972 bis 1996, der den Tod von Josef Schickinger für sein Buch „Aßling auf dem Weg ins 20. Jahrhundert“ recherchiert hat.

Der Sepp hört die Warnung des Älteren und mäht weiter. Dann kommt er dem anderen wieder zu nahe. Da dreht sich der Niederbayer plötzlich um und macht seine Drohung wahr. Mit der scharfen Sense trifft er den 19-Jährigen tödlich am Kopf. Der Sepp, so schreibt Lebmeier, wird auf dem Feld „um seinen Kopf kürzer“ gemacht.

Entbehrungsreiches Leben als Knecht

Der Sepp stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater Josef Schickinger, ein Mollergütler in Obereichhofen Nummer 16, ist bereits 1896 gestorben – mit erst 47 Jahren. Der Sohn wächst mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Kathi bei der Mutter Therese auf. Nach dem frühen Tod ihres Mannes bewirtschaftet die Schickingerin den kleinen Hof weiter. Trotzdem muss der Sohn offenbar seinen Lebensunterhalt als Knecht verdienen.

Sein Leben unterscheidet sich damit deutlich von dem eines jungen Menschen heute. Wer damals als Dienstbote auf einem Hof arbeitet, kennt kaum eine Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben. Die Arbeit beginnt früh und endet, wenn eben nichts mehr zu tun ist. Besonders zur Erntezeit kann das erst sehr spät am Abend der Fall sein. Und die Arbeit ist körperlich ausgesprochen anstrengend.

Lebmeier hat sein Kapitel über den Schickinger Sepp mit den Worten „Rauhe Sitten“ überschrieben und spielt damit wohl auch auf die harten Lebens- und Arbeitsbedingungen an. Knechte und Mägde waren wirtschaftlich abhängig, die Arbeit war schwer, die Hierarchien auf den Höfen ausgeprägt.

Was nach dem tödlichen Hieb geschieht, ist in Lebmeiers Darstellung kaum überliefert. Kein Gerichtsprozess, keine Verurteilung. Man erfährt nur, dass der 19-Jährige auf dem Lorenzenberger Friedhof im Familiengrab der Schickingers bestattet wird.

Seine Schwester Kathi wird später ihr ganzes Leben als Dienstmagd verbringen, zunächst beim Gaar, später beim Singer in Lorenzenberg, Aßling. Sie stirbt 1960. Die Mutter Therese lebt noch bis 1920 und bewirtschaftet das kleine Anwesen in Obereichhofen weiter.