Tödliche Klicks: Soziale Medien befeuern illegalen Wildtierhandel
Stand: 06.09.2026, 13:12 Uhr
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Couch statt Dschungel: Exotische Tiere im Wohnzimmer sind auf Social-Media-Plattformen beliebt. Dabei heizen die vermeintlich süßen Filmchen den illegalen Wildtierhandel an. Mit tödlichen Folgen für Tiere.
Hamburg – Auf Instagram posiert ein Mann mit Giftschlange, ein anderer fährt Auto mit Löwenbaby auf dem Schoß, ein Gleitbeutler mit Knopfaugen kuschelt sich in eine Hand. Filmchen wie diese werden auf Plattformen wie TikTok, Instagram und YouTube geteilt und gefeiert, erreichen Millionen-Klickzahlen. Was andere mit „Wie süß!“ oder Herzchen kommentieren, findet Andreas Dinkelmeyer gefährlich. „Für Klicks und Likes werden Tiere aus ihrem natürlichen Lebensraum gerissen und erheblichem Stress ausgesetzt“, sagt der Kampagnenleiter der Tierschutzorganisation IFAW in Deutschland.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Im Moment sei Coolness im Trend: „Dafür posieren Menschen mit gefährlichen Schlangen oder einem Serval, einer afrikanischen Raubkatze“, beobachtet Dinkelmeyer. Ganz nebenbei vermitteln solche Beiträge den Eindruck, dass es in Ordnung sei, Wildtiere privat zu halten. „Exotische Haustiere sind in Mode“, sagt der 58-jährige Biologe. Kriminelle würden dabei die Reichweite sozialer Medien gezielt nutzen, um Nachfrage zu schaffen.

Schwierige Haltung
Doch die Haltung exotischer Tiere sei nicht so einfach, wie es im Netz aussieht. „Wildtiere sind keine Haustiere, sie haben oft komplexe Anforderungen an ihre Lebensumgebung, die selten ausreichend nachgebaut werden können“, weiß Dinkelmeyer. Exoten seien teuer, bräuchten spezielle Haltungsbedingungen und Pflege, die Menschen ihnen oft nicht bieten können. Viele würden übersehen, dass zum Beispiel manche Reptilien über 60 Jahre alt werden können.
Welche Folgen das illegale Geschäft für die Tierwelt hat, zeigt die aktuelle IFAW-Kampagne „Liked to death“, die auch auf Social Media läuft. „Liken, Teilen und Herzchen verteilen ist nicht harmlos, sondern kann das grausame Geschäft des weltweiten illegalen Wildtierhandels enorm anfeuern“, sagt Dinkelmeyer.
Weltweites Milliardengeschäft
„Es ist erschreckend, dass der globale Handel mit Wildtieren inzwischen zu einem Milliardengeschäft geworden ist“, sagt Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht vom Hamburger Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels. Mit dem tierischen Geschäft werde mehr umgesetzt als etwa im Drogenhandel. „Gleichzeitig verlieren wir Wildtiere in dramatischer Weise. Nicht zuletzt durch Jagd und Wilderei sind die Bestände vieler Arten in beängstigender Weise eingebrochen“, sagt der Biologe.
Millionen Wildtiere würden jährlich für den Handel gefangen oder in Gefangenschaft gezüchtet. „Viele sterben bereits beim Fang oder Transport, andere leiden ein Leben lang unter nicht artgerechter Haltung“, weiß Dinkelmeyer. Diese Ausbeutung schade nicht nur den einzelnen Tieren, sondern gefährde ganze Ökosysteme und damit die biologische Vielfalt.
Vor allem durch den Tierhandel sei etwa bei Kongo-Graupapageien die Wildpopulation in den vergangenen 50 Jahren teilweise um rund 90 Prozent zurückgegangen. Laut IFAW werde so das Überleben von bereits bedrohten Arten ernsthaft gefährdet. Um an Jungtiere zu kommen, würden zum Beispiel auch erwachsene Schimpansen getötet.
Steigende Fallzahlen beim Zoll
Deutschland gilt in Europa als Zentrum des Wildtierhandels, Drehkreuze sind der Flughafen Frankfurt und der Hafen Hamburg. IFAW schätzt den weltweiten Wildtierhandel auf sieben bis 23 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Er zähle zu den größten illegalen Märkten weltweit. Dinkelmeyer: „In Deutschland haben Reptilien, besonders Schildkröten, Geckos und Schlangen den größten Anteil.“
Im vergangenen Jahr meldete der deutsche Zoll über 1.300 Aufgriffe von artengeschützten Tieren, Pflanzen und daraus hergestellten Waren: Mehr als 56.600 Tiere, Pflanzen oder Produkte seien beschlagnahmt worden - ein deutlicher Anstieg. Im Jahr zuvor waren es rund 30.200 Stück.
Um das Leid zu verringern, fordern Tierschützer mehr Zoll-Kontrollen und eine Positivliste. Sie legt fest, welche Tierarten für den Handel und die Privathaltung geeignet und erlaubt sind. Aber auch jeder Einzelnen könne etwas beitragen. Dinkelmeyer: „Wer online Wildtiere sieht, die als Haustiere gehalten werden, sollte das nicht liken, kommentieren oder teilen.“ (von Evelyn Sander)