700 Milliarden Euro drohen zu verpuffen: Ein Top-Ökonom warnt vor fataler Fehlplanung bei der Bundeswehr

Top-Ökonom wirft Pistorius fatale Fehlplanung vor: Milliarden-Programm für Bundeswehr droht zu verpuffen

Stand: 10.08.2026, 06:41 Uhr

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IfW-Chef Moritz Schularick kritisiert den Kurs bei der Rüstungsbeschaffung. Sein Gegenentwurf reicht weit über neue Waffen hinaus.

Berlin – KI und Drohnen statt Panzer und Fregatten: Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Moritz Schularick, wirft Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) vor, falsche Akzente bei der Rüstungsbeschaffung für die Bundeswehr zu setzen. Statt die ihm zur Verfügung stehenden Mittel gezielt in Waffensysteme der Zukunft zu investieren, gebe Pistorius einen Großteil des Geldes für veraltete Technik aus, kritisierte der Top-Ökonom im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Boris Pistorius

Setzt Verteidigungsminister Boris Pistorius falsche Akzente bei der Rüstungsbeschaffung für die Bundeswehr? (Archivbild) © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Das 700 Milliarden Euro schwere Programm zur Modernisierung der Bundeswehr droht nach den Worten von Schularick deshalb weitgehend zu verpuffen. „Wir haben viel Kapital, viel industrielles Know-how und in Teilbereichen auch immer noch hochmoderne Technologien“, sagte der IfW-Chef. „Was wir nicht haben, sind Hunderttausende Menschen, die in Panzer steigen und an die Front fahren möchten. Das heißt: Statt auf mehr Soldaten, mehr bemannte Fahrzeuge und mehr Kasernen müssen wir – wo immer möglich – auf KI, Robotik, Drohnen und Satellitentechnik setzen.“

IfW-Chef Schularick fordert zentralen Koordinator für militärische Beschaffung 

Ein einzelnes und zudem „sehr langsames“ Ministerium ist aus Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers mit der Neuorganisation der deutschen und europäischen Verteidigungsstrategie überfordert. Stattdessen sei jemand nötig, „der mit politischer Macht ausgestattet ist, Industrie, Start-ups und Ministerien zusammenbringt, Friktionen ausräumen kann und alles auf ein Ziel konzentriert“. Er könne sich etwa den früheren Telekom-Vorstandschef René Obermann oder Ex-Airbus-Chef Tom Enders als einen solchen Koordinator im Kanzleramt vorstellen, sagte der Ökonom.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 hat sich IfW-Chef Schularick intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Deutschland verteidigungsfähig werden und zugleich die Wachstumskrise überwinden kann. In diesem Zusammenhang hatte er Verteidigungsminister Pistorius wiederholt kritisiert.

„Bundesregierung und Industrie müssen sich umstellen“

Aus Sicht Schularicks müssen die Bundesregierung und die Industrie ihre Herangehensweise bei der Rüstungsbeschaffung komplett umstellen. Es reiche nicht, viel Geld auszugeben und die Bestände der Bundeswehr aufzufüllen. „Vielmehr müssen wir von Beginn an mitdenken, wie die wirtschaftlichen Prozesse aussehen müssen, damit die nötigen Waffensysteme im Fall der Fälle auch wirklich rasch und in ausreichender Menge nachproduziert werden können“, sagte er. 

IfW-Präsident Moritz Schularick

IfW-Chef Moritz Schularick fordert die Einsetzung eines zentralen Koordinators für die militärische Beschaffung im Kanzleramt. (Archivbild) © Frank Molter/dpa

Statt hochkomplexe, maßgefertigte Panzer in kleiner Stückzahl oder 200 Flugabwehrraketen zu ordern, müsse es darum gehen, die Produktionskapazitäten aufzubauen. „Anders ausgedrückt: Wir bestellen nicht mehr das einzelne Gerät, sondern die ganze Fabrik, die dann im Ernstfall sehr rasch 2000 statt 200 Raketen pro Jahr produzieren kann“, sagte Schularick. Weil sich das Vorhalten einer solchen Fabrik in Friedenszeiten für ein Unternehmen nicht rechne, müsse der Staat eine Prämie dafür zahlen. (Quellen: dpa, AFP) (cs)