Container statt Kündigung in Winterthur: Wenn das Zuhause zur Baustelle wird
In Winterthur werden 368 Wohnungen im bewohnten Zustand saniert – Betroffene leben zwei Monate zwischen Container und Baustelle.
20.09.2026, 08:08
Sanierungsbedürftig sind sie zweifellos, die Wohnungen an der Burgstrasse und Eckwiesenstrasse in Winterthur-Wülflingen. An den Balkonen bröckelt der Putz, die Fassaden sind gräulich verfärbt und in der Küche hat auch der fehlende Dampfabzug seine Spuren hinterlassen. Oder wie ein Mieter im Viertel es mit einem Schmunzeln ausdrückt: «Es ist das hässlichste Haus in der Umgebung.»
Innerhalb von acht Jahren bekommen hier in Wülflingen 368 Wohnungen aus den 50er- und 60er-Jahren neue Küchen, Bäder, Strangleitungen und Balkone. Die Fassaden werden gedämmt, Fenster energetisch verbessert und Heizungen durch Wärmepumpen ersetzt.
Totalsanierung in bewohntem Zustand
Bei solchen Totalsanierungen flattert auch einmal die Kündigung ins Haus. Leerkündigungen sorgen immer wieder für Schlagzeilen und gesellschaftlichen Unmut – so etwa im Fall der Massenkündigung der sogenannten «Sugus-Häuser» im Zürcher Kreis 5.
In diese Container müssen die Mietenden während der Bauphase zum Kochen und Duschen ausweichen.
SRF
So weit will man es in Winterthur-Wülflingen nicht kommen lassen. Hier hat sich die zuständige Immobilienfirma Terresta entschieden, einen anderen Weg zu gehen: eine Totalsanierung im bewohnten Zustand. Man wolle sozialverträglichen Wohnraum weiterhin erhalten und möglich machen, sagt Claudia Suter, Leiterin Entwicklung und Bau bei der Terresta.
Hört man sich bei anderen Mieterinnen und Mietern um, so tönt es bei den meisten gleich: «Es ist mühsam, aber Hauptsache, wir können bleiben.» Bleiben im eigenen Zuhause, das aktuell aber vielmehr einer Baustelle gleicht.
Campingfeeling im eigenen Daheim
Im Juli dieses Jahres hat das Grossprojekt begonnen. In einer ersten Etappe werden vier Häuser bis etwa Mitte September saniert. In einer dieser Wohnungen wohnt die 35-jährige Jasmin Freitag. 2019 ist sie mit ihrem Partner und ihrer damals einjährigen Tochter an die Eckwiesenstrasse gezogen – unter anderem wegen der günstigen Miete. Jasmin Freitag zahlt rund 1400 Franken für ihre Vierzimmerwohnung. Nach der Sanierung soll der Mietzins um circa 400 Franken ansteigen.
Mieterin Jasmin Frei hat sich in der Stube eine provisorische Vorratskammer eingerichtet.
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Als sie vor etwa einem Jahr von den Sanierungsplänen erfuhr, schaute sie sich zuerst nach einer Alternative um – ohne Erfolg. Nun habe sie sich an die Situation gewöhnt. «Wir gehen gerne campen und hier ist es gerade wie auf einem Campingplatz», meint Freitag.
So sieht Jasmin Freitags Küche aktuell aus.
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Küche und Bad bei ihr zu Hause sind vollständig herausgerissen und durch Staubschutzwände von der restlichen Wohnung abgetrennt. Im Wohnzimmer hat Freitag eine improvisierte Vorratskammer eingerichtet. Wenn es ans Kochen geht, packt sie hier Zutaten und Kochgeschirr zusammen und geht in den Innenhof. Hier stehen Sanitärcontainer und ein Küchencontainer für die 30 aktuell betroffenen Mieterinnen und Mieter.
Man trifft die Nachbarn im Pyjama
Es sei schon speziell, am Morgen im Pyjama in den Container zu stolpern und die Nachbarn von nebenan zu treffen. «Man kommt sich automatisch näher», sagt Freitag. Die Situation erfordere viel Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Gelassenheit. Denn der ständige Baulärm und das Hin und Her zwischen Wohnung und Container mache besonders älteren Nachbarn zu schaffen, sagt Freitag. «Ich bin eine entspannte Person und kann mich gut anpassen.»
Im Küchencontainer treffen sich diejenigen, deren Küche gerade saniert wird.
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Der Mieterverband Zürich nennt die Vorgehensweise der Terresta in Winterthur den Königsweg. Es sei eine Unsitte, Mietende aufgrund ökonomischer Interessen herauszuschmeissen, sagt Walter Angst, Leiter Kommunikation beim Mieterverband. «Wenn man es richtig macht, ist eine Sanierung im bewohnten Zustand eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.»