Tragischer Unfall: Theater-Esel „Fritz“ kommt ums Leben – „Wollte mit ihm alt werden“

Stand: 07.08.2026, 18:00 Uhr

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Auf der Bühne präsent: Der Esel spielt „Tylls“ (Maximilian Bender, l.) Begleiter, nimmt aber in erster Linie eine symbolische Rolle ein.

Auf der Bühne präsent: Der Esel spielt „Tylls“ (Maximilian Bender, l.) Begleiter, nimmt aber in erster Linie eine symbolische Rolle ein. © Dominik Bartl

Er war ein Hochzeitsgeschenk und stets treuer Wegbegleiter: Andreas Reiser und seine Familie mussten sich nach einem Unfall von ihrem geliebten Esel verabschieden. Der Verlust wiegt schwer.

Farchant/Oberammergau – Seelenruhig steht er auf der Drehbühne des Passionstheaters. Dass sich der Boden unter seinen Hufen bewegt, scheint den Esel nicht im Geringsten zu stören. Ebenso wenig, dass es um ihn herum nur so von Darstellern wimmelt oder tausende Zuschauer ihren Blick auf ihn richten. Stattdessen dreht der schwarzbraune „Fritz“ dem Publikum gern einmal Rücken und Hinterteil zu. Dabei ist er weit mehr als nur eine haarige Requisite in Christian Stückls Inszenierung „Tyll“. Mit seiner ruhigen Art entwickelt sich der Esel zum heimlichen Star der Oberammergauer Sommerproduktion – und erobert die Herzen. Die vier Tage nach dem letzten Auftritt jäh brechen, als Fritz in seinem Heimatort Farchant bei einem dramatischen Unfall ums Leben kommt.

Gemeinsam mit zwei weiteren Artgenossen büxt Fritz nachts durch einen defekten Zaun von seiner Weide aus und läuft auf die Hauptstraße. Direkt vor ein Auto. Dem Fahrer gelingt es nicht mehr, rechtzeitig zu bremsen. Durch den Aufprall wird der Esel über den Wagen geschleudert. Schwer verletzt bleibt er auf der Straße liegen (wir berichteten). „Er war querschnittgelähmt“, sagt sein Besitzer Andreas Reiser.

Ein Bekannter ist um 3.10 Uhr auf dem Weg zur Arbeit und erkennt Fritz. Noch vor der Polizei informiert er seinen Spezl persönlich über das Unglück. Reiser setzt sich sofort aufs Rad und eilt zur Unfallstelle. Doch für seinen Esel gibt es keine Rettung mehr. „Man konnte ihn nur noch erlösen.“

Fritz war überall dabei – bei Faschingsveranstaltungen oder beim Bierholen

Der Verlust sitzt tief. „Das war ein Schock“, sagt der 47-Jährige mit gebrochener Stimme. Nicht nur für ihn, sondern auch für seine Frau und die drei Kinder, die mit Fritz aufgewachsen sind. Vor zwölf Jahren trat der Esel völlig ungeplant in Reisers Leben. Damals verbrachte der Feinmechaniker mit seiner Lebensgefährtin und seiner Tochter einen Kurzurlaub am Schliersee. Die Betreiber ihrer Unterkunft hielten Esel – und Reiser schwärmte später seinem Stammtisch von den Tieren vor. Ohne zu ahnen, welche Folgen das haben würde. Zur Hochzeit machten ihm seine Freunde schließlich ein Geschenk mit Fell: den damals zweijährigen Fritz.

Zunächst blieb es bei einem Esel, dann waren‘s drei: Nach eineinhalb Jahren durfte sich der Hengst über weibliche Gesellschaft freuen, später über Tochter Finni. Reiser und dessen Kinder begleitete Fritz weiterhin auf Schritt und Tritt. Ob Faschingsveranstaltungen, Kindergeburtstage, Bergtouren auf den Krottenkopf oder Besuche im Getränkemarkt, um Bier zu holen – er war dabei. „Ihn kannte fast jeder“, erzählt der Farchanter.

Geeignet für die Theaterbühne

Mitten unter Menschen zu sein, war der Esel gewohnt. Genau das qualifizierte ihn für die Auftritte im Passionstheater. „Er war sehr tolerant“, sagt der 47-Jährige. Vor allem aber vertraute Fritz ihm blind. Also wagten die beiden ihr erstes Theaterabenteuer – und das äußerst kurzfristig. Weil das ursprünglich eingeplante Langohr ausfiel, sprang der Farchanter Kollege ein. Erst am Dienstag, vier Tage vor der ersten Aufführung, wurde Fritz engagiert. „Wir sind ins kalte Wasser geschmissen worden.“

Reiser wusste anfangs nicht einmal, ob die Anreise überhaupt klappt. Noch nie zuvor war der Esel in einem Anhänger transportiert worden. Nun ging es regelmäßig nach Oberammergau und wieder zurück in den heimischen Stall. „Er war ein Pendler“, sagt Frederik Mayet. Der Geschäftsführer der Passionstheater GmbH erfuhr vom Tod des Esels von seinem Kollegen Walter Rutz. „Ich hab‘ dieses Mal zwar nicht mitgespielt, aber mich hat’s auch richtig getroffen“, sagt der zweimalige Jesus-Darsteller bei der Passion. Damit stand er nicht allein. Fritz hatte schnell die Zuneigung des Ensembles gewonnen. An Streicheleinheiten mangelte es ihm nie, sogar Gelbe Rüben wurden extra für ihn geschält. „Er war total lieb und brav“, erzählt Mayet. Ein echter Pfundskerl, der das besondere „Passionsfeeling“ verbreitete. Etwa, wenn er mit Reiser in den Pausen gemütlich zur Eisdiele spazierte und dort unzählige Kinderaugen zum Leuchten brachte.

Fritz bleibt für immer im Herzen

An diese Wochen denkt Reiser gern zurück. „Das war eine gute Zeit und Erfahrung“, betont er. Zum Abschluss ging‘s am letzten Abend sogar noch zum Pizzaessen im Ort – mit Fritz, versteht sich.

Noch glücklich vereint: Andreas Reiser mit Sohn Andreas und Fritz bei der Premiere von „Tyll“.

Noch glücklich vereint: Andreas Reiser mit Sohn Andreas und Fritz bei der Premiere von „Tyll“. © bju

Heute fehlt dem Familienvater sein treuer Begleiter. Ob er sich nochmal einen Esel anschafft, weiß er nicht. Vielleicht darf Günther bleiben. Das eineinhalbjährige Tier war einem anderen Farchanter zur Hochzeit geschenkt worden. Der hat für den Vierbeiner aber gar keinen Platz. Also fand der Esel bei Reiser ein Zuhause. „Er ist aus einem Zirkus raus und zum Knuddeln.“

Fritz aber wird niemand ersetzen. „Ich wollte mit ihm alt werden.“ Stattdessen mussten sich die Reisers von ihrem tierischen Familienmitglied verabschieden. Das war ihnen möglich. Nach dem tragischen Unfall lag der Esel noch für einen Tag daheim. „Wir haben eine Haarsträhne abgeschnitten.“ Als Erinnerung an einen Esel, der für immer einen Platz in ihren Herzen haben wird.