Junge Schweinswale vor Sylt sterben – warum?
Schleswig-Holstein
Trauriger Fund am Nordseestrand: Tötet Gift die jungen Wale?
Trauriger Fund am Sylter Strand: Ein Spaziergänger entdeckt einen angespülten Jungschweinswal. Der Fund ist kein Einzelfall, der Bestand vor der Insel schrumpft beständig. Eine der Gefahren rostet seit über 80 Jahren am Meeresgrund. Mit einer anderen hatte niemand gerechnet.
Kurz nach 21 Uhr, Abendspaziergang an der Himmelsleiter in Kampen: Im Spülsaum liegt ein toter Schweinswal, ein Jungtier, gerade erst von der Flut angeschwemmt. „Der lag einfach da, anscheinend hatte sich noch niemand für das Tier interessiert“, erzählt Franz Pfleger. Der gebürtige Sylter, zu Besuch bei Verwandten, sieht so etwas zum ersten Mal – und macht intuitiv alles richtig: Er fasst das Tier nicht an, sondern ruft die Polizei. „Ich dachte, ich müsste jemanden informieren, der das wissen sollte.“
Der Bestand schrumpft Jahr für Jahr
„Die Schweinswale haben direkt vor Sylt ihre Kinderstube“, sagt Dennis Schaper von der Schutzstation Wattenmeer. Im Sommer kalben sie hier, geschützt vom angrenzenden Walschutzgebiet. Doch die Population nimmt laut Untersuchungen seit Jahren deutlich ab. Noch leben einige Tausend Tiere vor der Insel, Tendenz sinkend.
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Die Gründe: Der Lärm der Offshore-Windparks stört die Echoortung und verscheucht die Tiere über 30 km weit. Nahe einer Rammstelle kann ein Tier sogar ertauben. „Ein Schweinswal, der sein Gehör verliert, ist dem Tod geweiht“, sagt Schaper.
Dazu Schiffsverkehr, Meeresmüll – und das giftige Erbe des Zweiten Weltkriegs: Tonnenweise versenkte Munition liegt am Meeresgrund, und je weiter das Salzwasser die Hüllen zerfrisst, desto mehr Sprengstoffchemikalien sickern ins Wasser. „So langsam rostet all das am Meeresgrund durch“, warnt Schaper. Dazu der Boom elektrischer Wassersportgeräte im Schutzgebiet: schnell, laut, Kollisionsgefahr. „Wir müssen als Menschen viel mehr für den Schutz der Meere tun.“
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Ein Sylter Feind, von dem niemand wusste
Und die Jungtiere haben einen Feind, mit dem niemand gerechnet hat: Kegelrobben. Erst vor wenigen Jahren entdeckten Forscher, dass Deutschlands größtes Raubtier junge Schweinswale jagt – und sogar Seehunde attackiert. Aufgefallen war es an toten Tieren, deren Fleisch auf eigentümliche Weise abgezogen war. Die Bissspuren stammten eindeutig vom Kiefer einer Kegelrobbe.
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Auch vor Sylt trieb zeitweise ein besonders angriffslustiges Exemplar sein Unwesen, mehrfach wurden damals verletzte Tiere angeschwemmt. Warum die Robben töten, ist bis heute ein Rätsel. „Manchmal wohl, um sich zu ernähren – aber das scheint die Ausnahme zu sein. Scheinbar ist es eine Art Spiel“, sagt Schaper. Immerhin: Solche Attacken bleiben Einzelfälle.
Wale beobachten – ganz ohne Schiff
Dabei ist Sylt einer der wenigen Orte in Deutschland, an dem sich Wale direkt vom Strand aus beobachten lassen – „eine Top-Adresse fürs Whale Watching, ohne dass man aufs Schiff steigen muss“, schwärmt Schaper. Die besten Chancen: bei Hochwasser und ruhiger See, überall entlang der Westseite.
Zu erkennen sind die höchstens 1,80 m kleinen Wale an ihrer Rückenfinne, und die zeigt sich oft: Rund acht Stunden täglich jagen die Meerestiere vor der Küste. Lange abtauchen können sie dabei nicht, nach spätestens acht Minuten müssen sie zum Atmen an die Oberfläche.
Ruhig bleiben bei Begegnungen
„Das ist ein besonderer Moment, den viele ihr ganzes Leben nicht vergessen“, sagt Schaper: Wer beim Schwimmen oder Stand-up-Paddling plötzlich eine Finne neben sich auftauchen sieht, erlebt etwas, wofür andere aufs Schiff steigen müssen. Wer großes Glück hat, sieht aus nächster Nähe sogar den Blas, den feinen Atemstoß, mit dem der Wal das Wasser über seinem Blasloch zerstäubt. Wichtig ist nur: ruhig bleiben und das Tier entscheiden lassen, ob es näher kommen will. Niemals hinterherschwimmen oder hinterherpaddeln.
Mehr Vorsicht verlangen Kegelrobben: Die neugierigen Tiere können zubeißen, und schon ein Kratzer kann wegen der Keime auf Zähnen und Haut krank machen. Rastet eine Robbe am Strand, gilt: möglichst 200 Meter Abstand halten, auf Sylts schmalen Stränden so viel wie eben geht. „Man geht niemals zwischen Tier und Wasserkante entlang“, betont Schaper, der Fluchtweg ins Meer muss frei bleiben. „Diese Empfehlungen kommen nicht von ungefähr. Das ist gelebter Tierschutz.“
Totfunde am Sylter Strand: nicht anfassen, sondern melden
Wer wie Franz Pfleger ein totes Tier entdeckt, meldet es über die Robben-App oder die Polizei – und fasst es nicht an: „Auf der Haut von Meeressäugern sitzen unzählige Mikroorganismen und Bakterien, die unserer Gesundheit ernsthaft schaden können“, warnt Schaper. Das gilt genauso für Hunde: Schnüffeln sie an einem Kadaver, können sie richtig krank werden.
Die Bergung übernehmen die vier ehrenamtlichen Sylter Seehundjäger. 88 tote Schweinswale zählten sie in diesem Jahr bereits, 63 davon Jungtiere. „Das ist im langjährigen Mittel völlig normal“, sagt Seehundjäger Sönke Lorenzen.
„Die Wurfzeit ist im Sommer, da haben wir in sechs Wochen immer um die 60 Stück.“ Nur zu Zeiten der Offshore-Bauarbeiten seien es deutlich mehr gewesen. Die Tiere kommen in eine Gefriertruhe und später ans ITAW in Büsum – Schweinswale werden dort ausnahmslos untersucht. Woran das Jungtier von Kampen starb, wird sich erst dann zeigen. Jeder Fund ist ein Puzzleteil für die Frage, warum die kleinen Wale vor Sylt immer weniger werden.
(Dieser Artikel erschien zuerst auf SHZ.de)