Trotz Wirtschaftswachstum - OECD empfiehlt der Schweiz höhere Steuern und mehr Wohnungsbau
Die OECD lobt die Schweizer Wirtschaft, sieht aber in verschiedenen Bereichen Handlungsbedarf. Die Übersicht.
Teilen
Erhöhung der Staatsfinanzen: Trotz der soliden Finanzlage der Schweiz warnt die OECD in ihrem Wirtschaftsbericht vor steigenden Ausgaben durch die Alterung der Bevölkerung sowie etwa höhere Gesundheits- und Verteidigungskosten. Um die Schuldenbremse langfristig einzuhalten, brauche es zusätzliche Einnahmen und Reformen. Konkret empfiehlt die OECD, die Mehrwertsteuer stärker anzuheben als derzeit geplant. Zudem fordert sie regelmässige Ausgabenüberprüfungen, Effizienzsteigerungen im Gesundheitswesen sowie eine langfristige Sicherung der Altersvorsorge. Dabei spricht sie sich erneut dafür aus, das Rentenalter künftig an die steigende Lebenserwartung zu koppeln.
Wirtschaftsredaktorin Benita Vogel: «Ans Tabellenende gerutscht»
Box aufklappen Box zuklappen
«Die Schweiz ist sich Top-Plätze in internationalen Wettbewerbs-Rankings gewohnt. Stabilität, Offenheit, Effizienz – lauten die Attribute für die hiesige Wirtschaft und Institutionen. Doch inzwischen haben ihr andere Länder den Rang abgelaufen. Die Zahl der regulatorischen Verpflichtungen unter Bundesrecht ist in den letzten zwanzig Jahren um 50 Prozent gestiegen. Nachbarländer wie Deutschland, Frankreich und Italien – alle haben eine tiefere Regulierungsdichte. Ein Unternehmen bezahlt pro Mitarbeiter rund 1114 Franken für jährlichen Abgaben, Gebühren und Bewilligung. Besonders kleine und mittlere Unternehmen sowie Startups seien, davon betroffen, so der OECD-Bericht. Es trifft also das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft. Die OECD empfiehlt daher gezielte Reformen. Vereinfachen und harmonisieren lautet die Losung, etwa im Bausektor, wo viele unterschiedliche Vorschriften gelten, und viele Instanzen involviert seien. Anders gesagt: weniger Föderalismus und mehr Mut wären gefragt.»
Erhöhung des Rentenalters: Mit Blick auf die Bevölkerungsalterung empfiehlt die OECD weitere Reformen der Altersvorsorge. Insbesondere sollte das gesetzliche Rentenalter nach 2035 schrittweise an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Dies würde dazu beitragen, die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen zu sichern und den aus dem demografischen Wandel resultierenden Ausgabendruck zu begrenzen. Zudem verweist die OECD darauf, dass eine solche Anpassung die Finanzierung der Rentensysteme langfristig stärken würde.
So geht es der Schweizer Wirtschaft
Box aufklappen Box zuklappen
Die OECD attestiert der Schweiz in ihrem Länderbericht eine robuste Wirtschaft. Nach einem Wachstum von 1.6 Prozent im Jahr 2025 erwartet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein Wachstum von 2.0 Prozent im Jahr 2026 und 1.4 Prozent im Jahr 2027. Inflation und Arbeitslosigkeit dürften tief bleiben, während die Binnenwirtschaft die wichtigste Stütze des Wachstums bleibt.
Erhöhung des Wohnungsangebots: Besonders kritisch beurteilt die OECD den Wohnungsmarkt. Bezahlbarer Wohnraum werde vor allem in Städten und touristischen Regionen immer knapper, weil das Angebot nicht mit der Nachfrage Schritt halte. Die Organisation spricht von einer bemerkenswert langsamen Reaktion des Angebots auf die steigende Nachfrage. Als zentrale Hindernisse nennt die OECD komplexe Bauvorschriften, hohe Baukosten und langwierige Bewilligungsverfahren. In einzelnen Kantonen könnte die Genehmigung von Baubewilligungen fast 500 Tage dauern. Die OECD empfiehlt deshalb eine stärkere Harmonisierung der Bauvorschriften zwischen den Kantonen, digitale Verfahren und den Einsatz neuer Technik, um Bewilligungsprozesse zu beschleunigen.
Die OECD empfiehlt einfachere und einheitlichere Regeln sowie schnellere Verfahren, um den Wohnungsbau zu beschleunigen.
Keystone
Anpassung bei Mietrecht und Regulierung: Reformbedarf sieht die OECD auch bei der Mietregulierung. Die Unterschiede zwischen bestehenden und neu abgeschlossenen Mietverträgen hätten zugenommen und könnten dazu beitragen, dass Wohnungen nicht optimal genutzt werden. Die Organisation empfiehlt deshalb, Mieten bei bestehenden Verträgen stärker an die Entwicklung der lokalen Marktmieten anzupassen. Auch die Besteuerung von Immobilien soll nach Ansicht der OECD überdacht werden. Häufigere Neubewertungen von Liegenschaften sowie eine stärkere Besteuerung von ungenutztem oder untergenutztem Wohnraum könnten dazu beitragen, das vorhandene Angebot effizienter zu nutzen.
Stärkung des Wettbewerbs: Weitere Reformen sieht die OECD bei der Produktivität. Sie fordert weniger Bürokratie für Unternehmen, tiefere nichttarifäre Handelshemmnisse und mehr Wettbewerb in regulierten Märkten. Besonders im Strommarkt sieht die Organisation Potenzial für zusätzliche Produktivitätsgewinne. Strukturreformen könnten das BIP pro Kopf gemäss OECD langfristig deutlich erhöhen.
Diskutieren Sie mit:
SRF 4 News, 15.9.2026, 12 Uhr ; srf/koua;schc;rama