„trotzdem da!“ zeigt Kinder aus verbotenen Beziehungen
Stand: 20.07.2026, 17:54 Uhr
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Die Wanderausstellung „trotzdem da!“ in den Adlerwerken widmet sich Kindern aus „verbotenen Beziehungen“ zwischen Zwangsarbeitern und Einheimischen.
Es ist ein Satz, der hängenbleibt: „Wäre der Krieg nicht gewesen, wärst du nicht da“, hat Detlef Klingenhägers Mutter einst zu ihrem Sohn gesagt. Klingenhäger ist eines jener Kinder, die aus einer von den Nationalsozialisten sogenannten „verbotenen Beziehung“ stammen. Sein Vater war ein polnischer Zwangsarbeiter. Bei der Eröffnung der Ausstellung „trotzdem da!“ im geschichtsträchtigen Frankfurter Gedächtnisort Adlerwerke bricht ihm vor dem Publikum die Stimme. Seine Tränen zeigen, dass der Schmerz von damals bis heute nachwirkt. „Man fragte nicht, man schwieg“, beschreibt er die bleierne Atmosphäre der Nachkriegszeit.
Die Wanderausstellung, konzipiert von der niedersächsischen Gedenkstätte Lager Sandbostel, widmet sich einem bislang kaum beleuchteten Kapitel der NS-Geschichte: den Kindern von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern sowie Einheimischen. Dass die Schau nun in einer eigens für kleinere Räume entwickelten, kompakten Version in den Adlerwerken Station macht, ist kein Zufall, sondern stellt eine historische Verknüpfung dar.
Abtreibungen noch im sechsten Monat
Die Historikerin Katherine Lukat vom Stadtarchiv Wiesbaden ordnet die Thematik bei der Eröffnung ein. Sie schlägt den Bogen von der allgemeinen Zwangsarbeit über die brutalen Bedingungen in den Adlerwerken – im Außenlager „Katzbach“ des KZ Natzweiler-Struthof mussten Tausende unter elendesten Bedingungen schuften – hin zu den menschlichen Begegnungen, die trotz totaler Überwachung stattfanden. Kinder, die daraus hervorgingen, seien teils noch im sechsten Monat der Schwangerschaft abgetrieben worden. Die Ausstellung an diesem Ort könne ein tiefes Nachdenken über die Realität der Zwangsarbeit erzeugen, sagt Lukat.
Wie unerbittlich das NS-Regime und die spätere bundesrepublikanische Bürokratie agierten, zeigt das Beispiel von Katharina Sämann. Ihre Mutter war wegen „verbotenen Umgangs“ mit einem Zwangsarbeiter zu einer Zuchthausstrafe verurteilt worden. Der Antrag auf Entschädigung im Nachkriegsdeutschland wurde eiskalt abgelehnt – mit der Begründung, die Haftstrafe sei „keine NS-Verfolgungsmaßnahme“ gewesen. Erst 2002 konnte Sämann eine geringfügige Zahlung für ihre Mutter erreichen. Dokumente wie diese sind als Fotografien auf den Aufstellern zu sehen und machen das Unrecht greifbar.
Kuratorin Lucy Debus erklärt die grundsätzliche Herausforderung des Projekts: „Am Anfang wussten wir nicht, wie wir Betroffene finden und für die Idee gewinnen können.“ Die Recherchearbeit habe auch bei den Protagonist:innen selbst gelegen, die ihre eigenen Lebensgeschichten oft erst erforschen mussten. Es sei erfreulich, dass so viele Besucher:innen kämen, auch an anderen Orten. Es könne mehr zum Thema geforscht werden, wenngleich wohl nie eindeutig belegbar sei, wie viele Kinder aus „verbotenen Beziehungen“ entstanden, sagt Debus.
Wie ein Spiegel in die Seelen der Betroffenen
Sie führt durch die Ausstellung, bei der man auch darauf Wert gelegt habe, sensibel mit der historisch belasteten Tätersprache umzugehen. Wie sehr sich Debus mit den Geschichten der einzelnen Protagonist:innen beschäftigt hat, wird in ihren detailreichen Erzählungen deutlich. Die großformatigen Porträtaufnahmen fesseln den Blick. Sie wirken wie ein direkter Spiegel in die Seelen der Betroffenen, deren Leben von Stigmatisierung und der Suche nach der eigenen Identität geprägt war.
Das Publikum zeigt sich tief bewegt. „Detlefs Vortrag war mitreißend“, sagt Sabine Schmitt, die im Gallusviertel arbeitet. „Er hat verdeutlicht, wie viel Schmerz vorhanden ist.“ Für Stefan Spieß aus Darmstadt ist der Besuch ein persönliches Anliegen. Sein Großvater sei einst zur Arbeit in den Adlerwerken gezwungen worden. „Deshalb ist es für mich wichtig, heute hier zu sein.“
Schon kurz vor seiner Rede hebt Klingenhäger im Gespräch die Aktualität des Themas hervor. „Die aktuelle politische Lage zeigt, dass es an der Bildung scheitert“, warnt er. „Es ist ein Skandal, dass die Gelder für Demokratieförderung gekürzt werden.“ Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) etwa hatte zuletzt angekündigt, die Mittel für das Programm „Demokratie leben!“ drastisch zu reduzieren.
„Die Ausstellung macht Schicksale an Gesichtern fest“, sagt Klingenhäger. An die Vergangenheit und an die Gegenwart bleiben Fragen. Auf einer der Postkarten, die zum Mitnehmen ausliegen, steht eine, die nachhallt: „Sind Freundschaft und Liebe politisch?“ Im Nationalsozialismus waren sie es – mit tödlicher Konsequenz.