„Es ist Zeit für einen neuen Präsidenten“: Trump stellt sich gegen Selenskyj – und Putin kassiert den Jackpot
Trump fordert neuen ukrainischen Staatschef – und spielt Putin direkt in die Hände
Stand: 14.10.2026, 13:39 Uhr
Donald Trump fordert Neuwahlen in der Ukraine – und stellt sich gegen Wolodymyr Selenskyj. Wladimir Putin nutzt die US-Rückendeckung sofort aus.
Moskau hat im Rahmen des Dieselabkommens von US-Präsident Donald Trump noch keinen einzigen US-Dollar auf seinem Bankkonto verbuchen können, doch Russlands Staatschef Wladimir Putin profitiert bereits auf andere Weise. Trump verkündete am Freitag, er habe mit seinem Amtskollegen im Kreml eine Vereinbarung ausgehandelt, die Sanktionserleichterungen im Gegenzug für russischen Diesel vorsieht. Das Abkommen wurde von Abgeordneten beider Parteien in Washington ebenso wie vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu Recht kritisiert. Doch Trumps Reaktion verhieß noch Schlimmeres.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.
„Ich schlage vor, dass sie sich einen neuen Staatschef suchen, der ein Abkommen zustande bringen kann“, sagte Trump am Samstag und machte Selenskyj dafür verantwortlich, dass der Krieg nicht beendet wurde und die Dieselpreise in den USA in die Höhe schießen. „Es ist Zeit, dass die Ukraine einen neuen Präsidenten bekommt“, betonte er. Für Putin könnten selbst enorme Dieseleinnahmen kaum mit einem solchen politischen Kapital mithalten. Und der Kreml hat kaum Zeit verloren, es einzusetzen.

Wahlen in Ukraine? 71 Prozent lehnen das zum jetzigen Zeitpunkt ab
Unter dem in der Ukraine geltenden Kriegsrecht sind Wahlen verboten. Wähler, Soldaten, Kandidaten und Wahlhelfer bräuchten zudem mehr als eine vorübergehende Unterbrechung des Beschusses, um eine glaubwürdige Wahl zu organisieren. Auch die Ukrainer selbst drängen keineswegs auf Wahlen. Eine September-Umfrage des Internationalen Instituts für Soziologie in Kiew (KIIS) ergab, dass 71 Prozent der Ukrainer Wahlen zum jetzigen Zeitpunkt ablehnen, während 24 Prozent eine Abstimmung während des Krieges befürworten.
Dennoch scheint Selenskyj bereit zu sein, unter den richtigen Bedingungen die Demokratie ihren Lauf nehmen zu lassen. Am Sonntag sagte der ukrainische Präsident gegenüber ABC News, wenn Trump wirklich wolle, dass die Ukraine wähle, solle er Putin dazu bewegen, einer vollständigen Waffenruhe für „zwei Monate, 60 Tage“ zuzustimmen. Der Kreml konnte es kaum erwarten, sich dazu zu äußern.
Durch Trumps Zurückweisung Selenskyjs ermutigt, wies Kremlsprecher Dmitri Peskow die Idee einer 60-tägigen Waffenruhe genüsslich als bloßen Trick zurück, mit dem Kiew seine Wunden lecken und sich neu aufstellen wolle. Er fügte hinzu: „Ich kann in seinem [Putins] Namen mit voller Verantwortung sagen: Wenn sie dort in Kiew wirklich Wahlen abhalten wollen, dann wird der russische Präsident, der Oberste Befehlshaber, bereit sein, den Befehl zu geben, die Ukraine am Wahltag nicht anzugreifen.“
Wende im Ukraine-Krieg? Moskau nutzt Trumps Rückendeckung
Peskow improvisierte nicht: Putin selbst hatte im Dezember 2025 ein nahezu identisches Angebot ins Spiel gebracht. Moskaus Position ist stets dieselbe geblieben. Verändert hat sich die Autorität, auf die es sich berufen kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, denn das Weiße Haus hat faktisch Moskaus langjährige Behauptung unterstützt, dass die Ukraine und nicht Russland dem Frieden im Weg stehe. „Wie ich bereits gesagt habe, hätte dieses Problem schon viele Male gelöst werden können. Doch aus irgendeinem Grund will Selenskyj kein Abkommen schließen“, sagte der US-Präsident am Wochenende vor Journalisten.
In einer gesonderten Erklärung am Montag versuchte Peskow, dieses Narrativ weiter voranzutreiben. Er griff Trumps Forderung nach einem neuen ukrainischen Staatschef bereitwillig auf und behauptete, Selenskyj sei nicht gewillt, die schwierigen politischen Entscheidungen zu treffen, die zur Beendigung des Krieges notwendig seien. Neben seinen abfälligen Äußerungen über Selenskyj beharrt Trump darauf, dass sowohl Russland als auch die Ukraine eine Waffenruhe für die Energieinfrastruktur einhalten, obwohl es überwältigende Belege für das Gegenteil gibt.

Trump hatte erstmals vor fast genau einem Monat verkündet, Moskau und Kiew hätten eine solche Vereinbarung getroffen. Doch das Vorhaben kam nie über den Ansatz hinaus. Schon wenige Stunden nach Trumps ursprünglicher Behauptung schlugen russische Raketen in ukrainischen Kraftwerken ein, während Kiews Drohnen auf russische Raffinerien niederregneten.
Trump und der Ukraine-Krieg: US-Präsident beharrt auf Waffenruhe für Energieinfrastruktur
Einen Monat später versucht Trump erneut dieselbe Taktik. Am Sonntag erklärte er, die Waffenruhe für die Energieinfrastruktur halte. „Sie haben zugestimmt, weil ich gesagt habe, dass sie zugestimmt haben“, sagte er vor Journalisten. Innerhalb weniger Stunden nach seiner Ankündigung trafen russische Angriffe laut Selenskyj ein Kraftwerk in Charkiw, eine Gasförderanlage und eine zivile Tankstelle. Bilder und Videos, die am Montagmorgen auftauchten, zeigten außerdem einen brennenden Wohnblock in Charkiw.
Als Trump am Montag im Weißen Haus nach den Verstößen gegen die angebliche Waffenruhe gefragt wurde, sagte er, er müsse diese prüfen. Es habe „Verstöße auf beiden Seiten“ gegeben, erklärte er, weigerte sich aber, an Putin dieselben Maßstäbe anzulegen wie an dessen Amtskollegen in Kiew. „Ich glaube tatsächlich, dass Putin mehr als Selenskyj ein Abkommen schließen will“, fügte Trump hinzu. Während sich der Kreml in Trumps Wohlwollen sonnt, scheint der ukrainische Präsident in einem Kampf mit dem Weißen Haus festzustecken, der einer Sisyphusarbeit gleicht.
Trump demütigt Selenskyj im Weißen Haus: Kiew bemüht sich um Besserung der Beziehungen zu den USA
Im Februar 2025 erlitt der ukrainische Präsident seine berüchtigte Demütigung im Oval Office, als Trump und US-Vize-Präsident JD Vance ihn vor den Augen der Welt beschimpften und drohten, Kiew im Stich zu lassen, sofern es kein Abkommen schließe. Seitdem hat Kiew mühsam daran gearbeitet, die Beziehung zu reparieren, mit Trumps Gesandten zusammenzuarbeiten und Washington davon zu überzeugen, dass Druck auf Moskau und nicht allein auf Kiew der Weg sei, um Verhandlungen in Gang zu bringen.
Im Juli 2025 verurteilte Trump Putins Angriffe auf ukrainische Städte als „schändlich“ und drohte Russland mit neuen Sanktionen. Im September desselben Jahres sagte er vor hochrangigen US-Militärs, er sei „so enttäuscht von Präsident Putin“, und spottete über Russlands Unfähigkeit, einen Krieg zu gewinnen, der seiner Aussage nach eine Woche hätte dauern sollen. Und beim G7-Gipfel im Juni 2026 erklärte Trump: „Russland sollte ein Abkommen schließen.“
Ukraine muss auf Trump setzen: Diplomatische Fortschritte stehen auf dem Spiel
Diese langsamen, aber scheinbar stetigen Fortschritte Kiews dabei, Trump davon zu überzeugen, dass Russland kein Interesse an Frieden habe, gipfelten am 18. September darin, dass Trump den Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act mit seiner Unterschrift in Kraft setzte. Das Gesetz, das im Kongress breite parteiübergreifende Unterstützung erhielt, sollte der russischen Wirtschaft durch verschärfte Sanktionen und einen Mechanismus zur Erhöhung von Strafzöllen gegen Moskaus wichtigste Handelspartner weitere Schmerzen zufügen.
Wenige Tage später bezeichnete Trump bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York sein Verhältnis zu Selenskyj als „sehr stark“ und lobte die „sehr kompetente Führung“ des ukrainischen Präsidenten. Nun besteht die Gefahr, dass ein großer Teil dieser mühsam erzielten diplomatischen Fortschritte innerhalb eines einzigen Wochenendes wieder zunichtegemacht wird.
Das Dieselabkommen selbst könnte noch scheitern. Sieben demokratische und republikanische Senatoren haben seine Rechtmäßigkeit infrage gestellt und argumentiert, es verstoße gegen den Ending Importation of Russian Oil Act von 2022. Dieses Gesetz verlangt unter anderem, dass Russland das Recht der Ukrainer anerkennt, ihre eigene Regierung zu wählen, bevor der Präsident das Importverbot aufheben kann. Doch Putin hat bereits etwas eingestrichen, das möglicherweise weit wertvoller ist als Zahlungen für Treibstoff: eine neue Gelegenheit, Moskaus Narrativ zu pflegen und die Ukraine weiter in die Enge zu treiben.