Trump provoziert mit Sozi-Wahn und fordert ewige Treue (B+)
Die Stimmung an der Afterparty nach der «Trumpapalooza»-Parteiversammlung der Republikaner in Dallas, Texas, war richtig gut. So gut, dass die Betreiber der Bar The Rustic Trumps Vertraute (unter ihnen sein ältester Sohn Donald Trump Junior) zu sehr später Stunde rausschmeissen mussten. Der Grund für die Feierlaune: US-Präsident Donald Trump (80) hat in ihren Augen geliefert und seine Anhänger vor den «Midterms» am 3. November noch einmal so richtig angepeitscht.
Ein nüchterner Blick auf den 48-stündigen Parteitag aber zeigt: Man muss schon ziemlich tief in die texanischen Gläser schauen, um sich die ungewöhnliche Convention schön zu trinken. Trump hat seiner Partei mit der Texas-Show gehörig geschadet – gleich in doppelter Hinsicht.
Erstens scheint Trump die Inflation (Sorge Nummer eins der Amerikaner) komplett egal zu sein. Die am Freitag publizierten Wirtschaftsdaten zeigen: Auch im August ist das Leben in den USA wieder um 0,4 Prozent teurer geworden. Der Dollar verliert an Wert, die Ölpreise steigen, für den amerikanischen Staat wird es Tag für Tag kostspieliger, sich noch Geld zu leihen.
Die grösste Wirtschaftsmacht der Welt müsste ihr Portemonnaie also dringend in den Griff bekommen, wenn sie die anhaltende Teuerung in den Griff bekommen will. Doch Trump denkt nicht mal daran, mit dem sorg- und kopflosen Geldverteilen aufzuhören. An der Texas-Convention brachte er die Idee auf, jeder Amerikaner sollte vom Staat 5000 Dollar erhalten, wenn seine Partei bei den Zwischenwahlen siege: eine finanzpolitische Idee wie aus den Parteibüchern sozialistischer Despoten wie Hugo Chávez (†2013), der sein Volk vor den Wahlen jeweils mit Cash-Zahlungen gefügig machte.
5000-Dollar-Wahn zeigt: Die Teuerung ist ihm schnuppe
Der Vorschlag – ganz egal, wie ernst er gemeint war – ist nicht nur illegal (Wählerbeeinflussung) und korrupt, sondern wirtschaftlich brandgefährlich. Bei 245 Millionen erwachsenen Amerikanern würde der Trump-Wahn mehr als 1200 Milliarden Dollar kosten. Das Geld aufzutreiben, würde die Inflation noch mal massiv antreiben und einen weiteren Anstieg der Lebenshaltungskosten mit sich bringen.
Dass Trump im gleichen Atemzug entgegen dem gut belegten Anstieg der Verbraucherpreise (4,3 Prozent seit seinem Amtsantritt) behauptet, die ganze Teuerung sei eh nur eine «Fake-Story» der Demokraten, wird bei Millionen von finanziell angeschlagenen Amerikanern Wut und Enttäuschung auslösen. Trump selbst kanns egal sein. Der Multimilliardär macht weiter das grosse Geld. Für ein Foto mit ihm am Rande der Texas-Convention verlangte er von seinen Fans 88'600 Dollar.
Das in Dallas eingeforderte Treue-Gelübde ist der zweite Move, mit dem Trump seiner Partei den Wahlsieg erschwert. Vorweg: Am 3. November wählen die Amerikaner das gesamte Repräsentantenhaus (der US-Nationalrat) und ein Drittel des Senats (der US-Ständerat). Viele der Rennen sind knapp. Die Republikaner sind drauf und dran, in beiden Kammern ihre Mehrheiten zu verlieren.
Und auffällig viele republikanische Kandidaten versuchen, sich von Trumps zunehmend wahnwitziger Politik (Iran-Krieg, Kanada-Streit, Grönland-Gedöns) zu distanzieren, um die Wechselwähler in der Mitte für sich zu gewinnen.
Mit seinem Treue-Schwur reisst er alle in den Abgrund
Trump aber macht es den gemässigten Figuren seiner Partei extrem schwer, sich aus seinem Schatten zu lösen. Er hat angekündigt, 400 bis 500 Millionen Dollar aus seinen Wahlkampforganisationen in die Zwischenwahlkampagnen zu stecken. Klar scheint, dass Trump das nur für Kandidaten tut, die ihn bedingungslos unterstützen.
Wer also nicht an die Texas-Veranstaltung reiste, um dem Präsidenten zu huldigen, darf kaum auf den finanziellen Zustupf aus dem Weissen Haus für die entscheidende Wahlkampfphase hoffen. Und wer angereist ist, der musste am Donnerstagabend vor laufenden Kameras einen Treueschwur auf Trump – den «grossartigsten Präsidenten der Geschichte der Vereinigten Staaten» – schwören.
Damit kettet der Präsident, der landesweit laut dem «Economist» gerade noch auf 33 Prozent Zustimmung kommt, die ganze Partei einmal mehr an seine Person. Ein hochriskantes Unterfangen.
Vance feiert Glanzmoment
Immerhin ein Republikaner hat es geschafft, die Trump-Show für sich zu nutzen: Vize-Präsident J. D. Vance (42). Der frischgebackene Vierfachvater (sein Sohn Alec kam Mitte Juli zur Welt) präsentierte sich in seiner 40-minütigen Ansprache als enthusiastischer Familienpolitiker mit feinem Gespür für die Sorgen und Ängste der gebeutelten Amerikaner.
Trumps Katastrophenentscheide von Iran über Kanada bis hin zu Grönland liess Vance bewusst aus und setzte voll und ganz auf inländische Themen. Auf die «2028»-Rufe aus dem Publikum reagierte er gelassen und breit lächelnd. «Lasst uns jetzt auf den November konzentrieren. Danach schauen wir, was als Nächstes kommt», rief Vance.
Dass er es sein wird, der auf der republikanischen Seite als Nächstes kommt, wird immer wahrscheinlicher. Umso mehr, als sich US-Aussenminister Marco Rubio (55) offenbar nicht zur Verfügung stellen will. Vances Kandidatur ist damit fast so wahrscheinlich wie die üble Klatsche, die seine Partei dank ihres alternden Chefs in sechs Wochen an den Zwischenwahlurnen kassieren wird.
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