„Irgendwie langweilig – aber positiv“: Warum gerade Kanada und Carney jetzt Trumps Gegenspieler werden könnten
„Trumps wirklicher Gegenspieler“: Wird gerade ein kanadischer Ex-Banker zur Galionsfigur der freien Welt?
Stand: 26.08.2026, 22:03 Uhr
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Ist er die neue Leitfigur der „Mittelmächte“? Mark Carney bietet Trump die Stirn und kommt damit gut an. Er hat es aber auch etwas leichter als Friedrich Merz. Eine Analyse.
Ein Königreich für eine Leitfigur – oder in diesem Fall vielleicht besser eine repräsentative Demokratie. Denn die sind in der Krise: Die globalen Schlagzeilen gehören Autokraten, Krawallbrüdern und Kriegstreibern. Gegnern der liberalen Demokratie. Deren Freunde hingegen wirken hingegen vergleichsweise blass, teils auch tolpatschig. Etwa wenn sie versuchen, zusammen Kampfjets und Panzer zu bauen. Nicht nur, aber auch deshalb rückt ein eher unwahrscheinlicher Kandidat für den Posten des demokratischen Inspirationsgebers in den Fokus. Ein Mann mit seriösem Scheitel und makellosen Anzügen. Ein Ex-Banker. Der Mann, der Donald Trump gerade entgegentritt. Kanadas Premier Mark Carney.

Carney wagt dieser Tage, was sich die EU nicht traute – und das große China nur, weil es die so gefragten Seltenen Erden besitzt. Er bietet Donald Trumps übergriffiger Zoll-Politik die Stirn. Kanada ließ trotz wochenlangen Drohungen Trumps Verhandlungen mit den USA platzen und kündigte harte Gegenzölle an. Der Ausgang des Experiments scheint offen, auch ein Handelskrieg fordert schließlich schwere Opfer. Aber die Blicke ruhen auf Carney. In Brüssel ist Kanada seit Monaten ein großes Thema, ein Hoffnungspunkt geradezu. Aus Europas Hauptstädten ist ebenso wachsendes Interesse zu vernehmen. Dabei ist ein Teil von Carneys Geheimnis sehr simpel gestrickt. Und, natürlich, die Ausgangslage vergleichsweise günstig.
„Einer der wirklichen Gegenspieler Trumps“: In Teilen der EU schaut man zu Mark Carney auf
Der Politologe Siebo Janssen hat beide Seiten des Atlantiks im Blick, er befasst sich mit US- und mit EU-Politik. In einem Teil der EU-Mitgliedsstaaten werde zu Carney als „einem der wirklichen Gegenspieler Trumps aufgeschaut“, sagt er dem Münchner Merkur von Ippen.Media. Auch, weil viele mit der Rolle der eigenen obersten Handelspolitikerin, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, eher unglücklich seien. Vom Zollstreit 2025 blieb nicht zuletzt in Erinnerung, wie von der Leyen schicksalsergeben lächelnd neben Trump saß, um eine Art „Not-Deal“ einzufädeln. „Man hört schon auch in Brüssel: ‚Ach, hätten wir doch mal jemanden wie Carney, der Trump auch wirklich mit aller Schärfe entgegentritt.‘“
Natürlich ist die Lage für Europa etwas komplexer. Kanada hat – abgesehen vielleicht von Trumps USA – geopolitisch kaum etwas zu befürchten. Wladimir Putin erachtet Nordamerika nicht als Teil seines imperialen Einflussbereichs, China ist mit Taiwan beschäftigt. Und selbst Trump redet Kanada zwar ehrabschneidend als „51. Bundesstaat“ klein, hat aber eher Grönland im Visier. Europa hingegen wird im Angesicht Putins und der eigenen Verteidigungsschwächen Trump bei der Stange halten müssen, wie Experten betonen. Insofern wirkt es schnell unklug, wenn Friedrich Merz einmal (von einer Sauerländer Schule aus) klare Kante gen Trump zeigt. Kanada wiederum macht eine klare Haltung zum sehr gefragten Partner.
Als Kanada kurz vor dem jüngsten NATO-Gipfel den Kauf von U-Booten beim deutschen Konzern TKMS bestätigte, schien das lange die beste Nachricht des Treffens zu sein – auch weil Carneys Regierung damit auf eine Kooperation von Deutschland und Norwegen aufsprang: ein Zeichen für dauerhafte enge Zusammenarbeit. Der EU-Parlamentarier Tobias Cremer (SPD) wirbt seit Langem vehement für mehr gebündelte Kräfte bei der Verteidigung. Und sieht dabei Kanada als einen wichtigen Eckstein: „Kanada und Europa sind stolz auf die offenen Gesellschaften“, sagte Cremer schon vor Wochen – und sie teilten auch sicherheitspolitisch Interessen. Damit sei Kanada das vielleicht „europäischste“ Land. Mittlerweile ist es Teil des SAFE-Programms der EU für gemeinsame Rüstungskäufe. Experten beschäftige auch schon die Frage, ob Kanada Mitglied der EU werden könne, sagt Janssen.
Ein Grundstein für sein – und Kanadas – neues Standing hat Carney indes schon im Januar gelegt, beim Weltwirtschaftsgipfel von Davos. Trump irritierte sein Publikum bei dem Treffen mit wirren Erklärungen zu seinem „Friedensrat“. Carney erhielt Standing Ovations für eine Rede, die Balsam auf die Seelen vieler demokratisch gesonnener Politiker war. Kanadas Premier räumte einen „Bruch in der Weltordnung“ ein. „Aber ich möchte Ihnen auch darlegen, dass andere Länder, insbesondere Mittelmächte wie Kanada, nicht machtlos sind“, sagte er. Es sei möglich, eine neue Ordnung aufzubauen – durch Redlichkeit mit allen Handelspartnern, Kooperation und Pragmatismus. Die positive Botschaft schlug durch. Vielleicht gerade, weil es um mehr ging, als das Schlimmste zu verhindern.
„Ein irgendwie langweiliger Typ“: Carney wird zum Trump-Herausforderer – weil er seinen Auftrag erfüllt
Ian Bremmer, einer der einflussreichsten Geopolitik-Analysten der USA, sah Carney damit eine Art Bann brechen. Die Vereinigten Staaten seien nicht mehr bereit, Führung in Institutionen und Geopolitik zu übernehmen; sie seien keine Vertreter von kollektiver Sicherheit, Freihandel, offenen Grenzen und keine Unterstützer der Demokratie in aller Welt mehr, sagte Bremmer kurz darauf bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Carneys Rede habe das „realer, greifbarer“ gemacht. Bremmer verglich die Lage mit der beim Klimawandel. „Man kann es nicht angehen, bevor man die Realität nicht anerkennt. Jetzt sehen wir alle die Realität.“
Der ungarische Politikberater und Autor Gergö Papp hält Carney zudem für ein Positivbeispiel in Sachen Selbstdarstellung. Papp hat ein Buch über den Aufstieg des Orbán-Bezwingers Péter Magyar geschrieben – und glaubt, dass eine politische Kampagne einen gewissen Populismus benötigt. Aber eben nicht immer auf die Trump-Weise. „Der kanadische Premier ist ein gutes Beispiel, finde ich“, erklärte er unserer Redaktion. „Er war ein Zentralbanker, ein irgendwie langweiliger Typ, aber auf eine gute Art.“ Carney sei „authentisch in der Art, wie er kommuniziert“. Das sei als Erfolgsrezept wichtiger als eine ausgefeiltere Strategie für Instagram oder Facebook.
Mark Carney
Carney ist nicht seit Geburt Teil der Oberschicht wie der selbsterklärte Anti-Eliten-Politiker Donald Trump – der kanadische Premier wuchs nach eigenen Angaben als Sohn eines Lehrerpaares in Edmonton auf. Universitätsabschlüsse und einen Doktortitel erhielt er aber an den Prestigeunis von Harvard und Oxford. Einem größeren Publikum bekannt wurde er, als er die Bank von Kanada durch die Finanzkrise von 2008 manövrierte. 2013 übernahm er den Chefposten der Bank von England und behielt diesen über die Brexit-Jahre hinweg. Ab 2020 arbeitete Carney als Sondergesandter der UN für Klima und Finanzen, aber auch in der Privatwirtschaft. Seit 2021 trat er als Unterstützer der Liberalen auf, ein erstes hohes Parteiamt dort übernahm er erst Ende 2024 als Chef einer Taskforce für Wirtschaftswachstum.
Dass der liberale Demokrat Carney auf diese Weise Publikum erreichen und politisch beherzt handeln kann, hat aber auch mit den besonderen Umständen zu tun. Namentlich mit Trump. Noch Wochen vor der Parlamentswahl im April 2025 lagen die Liberalen weit zurück. Bis Carney auf Justin Trudeau folgte und sich als Gegenspieler Trumps in Szene setzte. Kontrahent Pierre Poilievre galt als stilistisch wie auch inhaltlich Trump-näher. Noch heute dringt der Konservative auf einen vorsichtigeren Kurs gegenüber den USA. Allerdings befürworten laut einer aktuellen Umfrage des Angus-Reid-Instituts 76 Prozent der Kanadier das Ende der Zollverhandlungen mit den USA. Das ist ein gewaltiger Rückenwind in polarisierten Zeiten.
Insofern tut Carney vor allem eines: Er erfüllt seinen Auftrag. Den ihm ein ungewöhnlich eigensinniges Wahlvolk gegeben hat. Eine andere Frage wird sein, ob dieser Auftrag zu einem erfolgreichen Ende zu führen sein wird. Und wie viel Zuspruch aus dem Ausland Carney in den kommenden Jahren ernten wird. Der Kreis der einflussreichen klassischen offenen Gesellschaften schrumpfte zuletzt eher – und könnte es laut Umfragen von Frankreich bis Großbritannien oder auch Deutschland weiter tun. Womöglich helfen aber konstruktive Botschaften gegen diesen Trend.
Als eine Art Frühwarnsystem für die Entwicklung hochmedialisierter Gesellschaften gelten indes vielen die USA. Ob Carney hier aktuell durchdringen kann, sei fraglich, meint Experte Janssen. Die Demokraten sähen den Kanadier positiv, als jemanden, der „Trump mit der nötigen Verve entgegentritt“. „Aber das Problem der Demokraten ist natürlich, dass sie sich im Moment in einem, man kann fast schon sagen, ‚Überlebenskampf‘ befinden.“ Da richte die Partei den Blick kaum nach außen – sei es nach Europa. Oder nach Kanada. (Quellen: Eigene Gespräche und Recherchen, Angus-Reid-Institut, pm.gc.ca)