TV-Kritik: Bei „Illner“ wird nach der Erzählung gegen die AfD gesucht

Er könne es nicht mehr hören, sagte Armin Laschet irgendwann, der einmal Vorsitzender der CDU gewesen ist, bis ihn der amtierende CDU-Bundeskanzler Merz 2022 ablöste: Dieses Gerede davon, die eigene Politik besser erklären zu müssen, emotionaler, empathischer werden zu müssen, um die Leute für sich zu gewinnen. „Furchtbar“, sagte Laschet. Denn zum einen sei es ein alter Leitspruch, nicht über solche Strategien zu reden, sondern einfach in ihrem Sinne zu handeln. Und dann, und das bezog sich an diesem späten Donnerstagabend bei „Maybrit Illner“ ganz aktuell auf den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt: Würde es eben nicht stimmen, was Kanzler Merz nach der Niederlage seiner Partei bei dieser Wahl reumütig behauptet hatte. „Wir haben es nicht falsch erklärt“, sagte Laschet, „die Leute haben bewusst so entschieden.“

Es ging bei Illners Talkrunde im ZDF an diesem Donnerstagabend sofort um den Kanzler und seine Fehler, seine ablaufende Uhr, sein Standing in der Partei: Wie einsam sei er denn, fragte die Moderatorin, die Solidaritätsadressen der Ministerpräsidenten blieben ja offenbar aus? „Jetzt steht zwischen Merz und dem Scheitern nichts mehr“, behauptete der Politikjournalist Robin Alexander, und weil seit dem Wahlabend ja vor allem über den Kanzler geredet worden ist, Illners Format sich aber sonst angenehm von solch einem Politikdeutungsmikroskopismus absetzt, war das eigentlich enttäuschend. Es brauchte auch hier Laschet, sich aus dem Fokus auf Merz zu lösen. „Er ist nicht allein“, sagte der also,  „weil jeder weiß: Es ist nicht nur der Bundeskanzler.“

Es braucht eine Art Flucht nach vorn

Was ist es dann, wenn es nicht nur um Personalien geht? „Wir arbeiten uns doch komplett an der Agenda ab, die die AfD vorgibt“, erklärte Cem Özdemir, seit kurzem grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Darin war sich die Runde weitgehend einig: Es braucht eine Art Flucht nach vorn. Eine Vision, eine irgendwie mitreißende Zielvorgabe, vielleicht nicht unbedingt den Entwurf von „Luftschlössern“, um Wahlen zu gewinnen, wie die ebenfalls eingeladene Journalistin Sabine Rennefanz gerade im „Spiegel“ geschrieben hatte, aber doch „ein bisschen republikanischen Stolz“ (Özdemir). Eine Zukunftserzählung, aber zugleich seriöse Lösungen für die Probleme, die der Status quo macht: Inflation, Rente, Energiepreise.

Und ein bisschen redeten sie sich in Fahrt darüber, wie so was aussehen könnte. Was bei aller Dramatik der Lage sogar fast unterhaltsam war. Und wie zum Beweis, dass so eine Wahrung der Diskurshoheit aber auch wirken kann, war plötzlich minutenlang von der AfD nicht mehr die Rede, der Name fiel gar nicht. Sondern davon, was in der Ukraine verteidigt wird. Oder wie die Subventionen aus der EU auch der Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt helfen.

Wer hat wem nicht genug zugehört?

Und natürlich ging es bei „Maybrit Illner“ an diesem Abend auch darum, aus der Polarisierung heraus zu kommen. Spätestens da aber verschwanden die bestehenden ideologischen Differenzen fast aus dem Blick, die sich ja nicht durch Gesprächsbereitschaft allein aus der Welt schaffen lassen. „Wir kennzeichnen Dinge als unsagbar“, behauptete die Rechtswissenschaftlerin Frauke Rostalski, zögen eine „gesellschaftliche Brandmauer“ hoch: Wer als AfD-Wähler gekennzeichnet sei, so beschrieb Rostalski es, dem müsse man nicht mehr zuhören. Wenn irgendwem in den vergangenen Jahren aber doch intensiv zugehört worden ist, dann dem vielbeschworenen AfD-Wähler: Denn sonst wäre es ja nicht so, dass man sich an der Agenda der Partei „abarbeiten“ (Sabine Rennefanz) würde.

Özdemir forderte Orte zurück, in denen Menschen miteinander in den Austausch kommen und, wer etwas Falsches sagt, in den Arm genommen wird. Einmal von der Frage abgesehen, was das für Orte gewesen sein sollen und wann genau es sie gegeben haben soll, leben sehr viele Menschen in diesem Land, die Rassisten bestimmt nicht in den Arm nehmen wollen. Die Juristin Rostalski wiederum beschwor zur Überwindung der „gesellschaftlichen Brandmauer“ das Ziel „gleichberechtigter Gesprächspartner“ im Austausch von „Sachargumenten“. Aber schon, als sie dann von „100 Milliarden für die Ukraine“ sprach, die im deutschen Sozialhaushalt fehlten, und Robin Alexander ihr entgeistert vorrechnete, woher das Geld für die Ukraine tatsächlich kommt, worauf Rostalski sich damit verteidigte, sie gebe hier doch nur Positionen wieder, die unter AfD-Wählern kursierten und mache sie sich nicht zu eigen: Da zeigte sich doch, wie weit das mit „Sachargumenten“ her ist.

Das kurze Hin und Her offenbarte dann, dass es mit goodwill und einer anderen Zukunftserzählung allein nicht getan sein wird, aber das war ja eh klar. Dass aber auch ein Verbotsverfahren der AfD, vor allem nach diesem Wahlsieg, keine politische Auseinandersetzung ersetzen kann, darin war sich die Runde einig. Robin Alexander kam dann am Ende der Sendung doch noch einmal auf Merz zurück, der im Bundestag der AfD bescheinigt hatte, „ethnische Säuberungen“ zu planen. „Wenn er es ernst meint“, sagte Alexander, müsse Merz das Verbot prüfen lasen, „wenn nicht, darf er das nicht sagen.“