Heinrich Böll: Wie seine Kurzgeschichte Frankreich erobert
Ganz früher, in grauen Vorzeiten, waren der Gesang und das Geschichtenerzählen vermutlich einmal eine Sache, aber seitdem ist viel passiert, und die Welten der sogenannten Hochliteratur und die der Hitparaden berühren sich eher selten – obwohl beide Formen sind, Geschichten zu erzählen. In Frankreich laufen die beiden Welten in diesem Sommer aber wieder zusammen: In Supermärkten, in Bars und im Radio wird der Song „Petit Pêcheur“, zu deutsch: „kleiner Fischer“ rauf- und runtergespielt, der melodiöse Sprechgesang wurde über 19 Millionen Mal gestreamt und ist der Überraschungshit der Saison.
Als Kind las ihr Vater ihr Bölls Kurzgeschichte vor
Geschrieben wurde das Lied vom Manon Lisa, die lange Songs für Stars wie Céline Dion, Maëlle oder Grand Corps Malade komponiert und getextet hat. Zu einer von Manu Chao ausgeborgten Melodie erzählt sie die Geschichte eines Fischers, der nur am Morgen auf Fang geht und dann in der Sonne auf seinem Boot döst. Ein Geschäftsmann tritt an ihn heran und fragt ihn, warum er nicht noch mal aufs Meer fahre, da seien noch so viele Fische, die man fangen und verkaufen könne, da mache er doppelt so viel Geld und könne sich ein viel größeres Boot kaufen, ein Flottenimperium aufbauen, und dann werde er ein reicher und glücklicher Mann. Der Fischer fragt, was Glück bedeute, und der Geschäftsmann sagt: Wenn er reich sei, könne er sich ausruhen, Zeit mit der Familie verbringen, im Sand dösen und seine Töchter aufwachsen sehen. Woraufhin der Fischer sagt, all das habe er doch auch so.
Die Franzosen lieben die „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“
Der Grundton des Songs – man kann auch mit weniger klarkommen, die Natur muss nicht bis aufs Letzte ausgebeutet werden, Faulenzen ist besser für die Umwelt und die Psyche, als sich totzuarbeiten – trifft offenbar den Nerv einer Generation in Frankreich. Lisa wurde einem größeren Publikum bekannt, als sie nach der Geburt ihres Sohnes begann, auf Instagram berühmte Hip-Hop- und Rap-Songs aus einer feministischen Perspektive umzuschreiben und erreichte damit schnell über 750.000 Follower. Ihr Durchbruch aber ist „Petit Pêcheur“.
Es ist kein Wunder, dass diese Geschichte in Frankreich, wo vor dem Wahlkampf wieder über die Anhebung des Renteneintrittsalters und der Wochenarbeitsstunden diskutiert wird, so einschlägt. Ihren Ursprung hat sie allerdings in einer deutschen Kurzgeschichte aus dem Jahr 1963. Wie Manon Lisa in Interviews erzählt, hat ihr Vater, der Lehrer war, ihr die Geschichte als Kind oft erzählt. Sie stammt von Heinrich Böll und erschien auf dem Höhepunkt der Wirtschaftswunderjahre unter dem Titel „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“.

Böll erzählt teils wörtlich, nur mit einem in der Gegenwartsliteratur weitgehend verloren gegangenen scharfen Humor, die gleiche Geschichte: Ein Tourist sieht im Hafen einen dösenden Fischer, das idyllische Bild und die im Alltag der deutschen Wirtschaftswunder-Rekordjagd verschwundene vormoderne Ruhe des mediterranen Lebens berühren ihn, er macht ein Foto: „Blauer Himmel, grüne See, schwarzes Boot, rote Fischermütze. Klick.“ Doch gleich darauf will der Tourist den Fischer überzeugen, den ganzen Tag zu fischen, die Natur ordentlich auszubeuten für die Maximierung seines Profits: „Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber herumfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben“, jubelt der Tourist, und wenn der Fischer dann reich sei, könne er „beruhigt im Hafen sitzen und in der Sonne dösen“. Und der Fischer sagt, wie bei Manon Lisa, das tue er ja schon jetzt; nur das Klicken der Kamera habe ihn gestört.
Vor zehn Jahren hat ein französischer Zeichner Bölls Geschichte als Kinderbuch aufbereitet, vielleicht ist die wachstumskritische Parabel auch auf diesem Weg in die französischen Charts geraten. Der Fall zeigt, dass Literatur manchmal wie eine Flaschenpost funktioniert: Eine Botschaft, die 1963 in den Rhein geworfen wurde, treibt 2026, auf dem Höhepunkt der Klima- und Arbeitsmarktkrise, als Sommerhit an den Stränden Frankreichs an.