Ukraine-Krieg: Warum Behinderte in Kiew Schutzräume nicht erreichen

Rollstuhlfahrer in Kiew mit zerstörten Panzern im Hintergrund

AUDIO: Ukraine: Kaum barrierefreie Schutzräume in Kiew (4 Min)

Barrierefreiheit

Ukraine: Luftschutzräume für Menschen mit Behinderung meist unerreichbar

Stand: 22.09.2026 19:56 Uhr

Die Menschen in der Ukraine leben seit Jahren mit russischen Luftangriffen. Für viele, gerade in Kiew, gehören nächtliche Luftalarme und der Weg in den Schutzraum fest zum Kriegsalltag. Doch die meisten Schutzräume sind nicht barrierefrei. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen, die durch den Krieg mit Behinderungen leben – darunter verwundete Veteranen und zivile Kriegsopfer.

von Jule Wild, Kiew

Wenn in Kiew die Sirenen Luftalarm geben, setzt sich die Stadt in Bewegung. Mittlerweile routiniert greifen die Menschen nach den für diesen Fall gepackten Taschen mit Schlafsäcken und Decken, ziehen die Kinder an, nehmen ihre Haustiere mit und machen sich auf den Weg zum nächsten Schutzraum. Während im Hintergrund oft bereits Explosionen zu hören sind, eilen sie zu Metrostationen, in Keller oder Unterführungen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: Einige russische Raketen können die ukrainische Hauptstadt, je nach Abschussort, in weniger als vier Minuten erreichen.

Kaum Luftschutzräume für Rollstulfahrer

Doch für viele Menschen ist der Weg in den Schutzraum kaum zu bewältigen. Einer von ihnen ist Artem Proschtschenko. Der 37-jährige Anwalt ist seit einem Unfall auf einen Rollstuhl angewiesen. Die umliegenden Schutzräume sind für ihn wegen der Treppen unerreichbar. "Ich nutze keine Schutzräume. Es ergibt für mich schlicht keinen Sinn, es zu versuchen, wenn ich weiß, dass ich sie nicht benutzen kann", erzählt er dem MDR.

Menschen schlafen während eines russischen Luftangriffs auf Feldbetten in einer Metro-Station in Kiew (Ukraine)

Menschen suchen während eines massiven russischen Raketenangriffs am 8. September 2026 Schutz in einer Kiewer Metrostation. Für die Einwohner gehören Nächte in unterirdischen Stationen inzwischen zum Alltag.

Der Grund: Rampen oder Rollstuhllifte zu den meist unter der Erde liegenden Schutzräumen gibt es nur selten. Doch für Proschtschenko beginnen die Barrieren oft schon lange vor dem Eingang. Im vergangenen Winter, als Russland das ukrainische Energiesystem verstärkt angriff, kam es immer wieder zu langanhaltenden Stromausfällen. Die Aufzüge standen still. Wie Hunderte andere saß auch Proschtschenko dadurch auf der Etage seines Mehrfamilienhauses fest.

Manche Menschen hätten Glück und eine Tiefgarage in der Nähe, sagt er. Auch sie werden als Schutzräume genutzt und sind meist barrierefrei zugänglich. Abseits davon gebe es für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen jedoch kaum erreichbare Schutzräume.

Tonsignale für Sehbehinderte sind Ausnahme

Inna Palii steht vor einer anderen Herausforderung. Sie kam mit einer Sehbehinderung zur Welt. "Wenn ich die Straße entlanglaufe und den Luftalarm höre, kann ich den Schutzraum nicht finden", erzählt sie in einem Café in Kiew. Tagsüber kann sie andere Menschen um Hilfe bitten, nachts ist das schwieriger. Zeichnet sich ein Angriff ab, fährt sie deshalb schon am Abend mit der Straßenbahn zu einer Metrostation und verbringt vorsorglich die ganze Nacht dort.

Inna Palii aus Kiew ist sehbehindert. Bei Luftalarm hat sie Schwierigkeiten, Schutzräume zu finden.

Inna Palii ist sehbehindert. Ohne akustische Hinweise kann sie die Eingänge vieler Schutzräume in Kiew nicht selbstständig finden.

Kommt der Angriff überraschend, bleibt ihr nur das innenliegende Badezimmer – der in ihrer Wohnung am besten geschützte Raum. Helfen würden ihr Tonsignale an den Eingängen der Schutzräume. Bislang gibt es solche Signale jedoch nur an Metrostationen.

Mehr Menschen mit Behinderung durch den Krieg

Dabei wächst der Bedarf an barrierefreien Schutzräumen. Seit Beginn der Vollinvasion ist die Zahl der Menschen mit Behinderung in der Ukraine um rund 600.000 auf etwa 3,4 Millionen gestiegen. Rund 300.000 Menschen haben nach Schätzungen des European Disability Forums infolge von Kriegsverletzungen eine Behinderung erworben. Genaue Angaben sind wegen Fluchtbewegungen, Binnenmigration und fehlender Informationen aus den besetzten Gebieten allerdings nur eingeschränkt möglich.

Mangelnde Barrierefreiheit ist in der Ukraine kein neues Problem: Bereits 2021 beschloss die Regierung eine nationale Strategie zum Abbau baulicher und anderer Barrieren. Durch den Krieg und die wachsende Zahl von Menschen mit Behinderungen hat das Thema jedoch zusätzlich an Dringlichkeit gewonnen. Eine Evaluierung des ukrainischen Ministeriums für Regionalentwicklung ergab Ende 2024, dass landesweit nur acht Prozent der Schutzräume barrierefrei zugänglich waren. In Kiew waren es 14 Prozent. Nach welchen Kriterien die Barrierefreiheit dabei geprüft wurde, beantwortete das Ministerium auf MDR-Nachfrage nicht.

Kriegsveteran im Rollstuhl empfängt Auszeichnung von Präsident Selenskyj (Ukraine)

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht am Unabhängigkeitstag in Kiew mit einem verwundeten Soldaten im Rollstuhl. Seit Beginn der Vollinvasion erhielten rund 600.000 Menschen in der Ukraine einen Behinderungsstatus, viele infolge von Kriegsverletzungen.

Auch neuere stichprobenartige Kontrollen weisen auf anhaltende Probleme hin: Das Büro des ukrainischen Ombudsmanns überprüfte 2025 mehr als 50 Schutzräume in allen zehn Kiewer Stadtbezirken. Bei bis zu 27 Prozent fehlte ein barrierefreier Zugang für Menschen mit Behinderungen.

Wie barrierefrei sind Kiews Schutzräume wirklich?

Natalija Parchytko, stellvertretende Leiterin der Organisation Dostupno (auf Deutsch etwa "Zugänglich"), die sich für Barrierefreiheit und Inklusion einsetzt, zweifelt die Ergebnisse der landesweiten Evaluierung von 2024 an. "In Kiew ist die Situation sehr schlecht", sagt sie dem MDR.

Die Organisation forderte die Liste der überprüften Schutzräume an und nahm einige davon selbst in Augenschein. "Wenn man zu den laut Ministerium zugänglichen Schutzräumen geht, merkt man, dass sie in Wahrheit überhaupt nicht barrierefrei sind", sagt Parchytko. Sie kritisiert, dass die Evaluierung nicht von Fachleuten durchgeführt worden sei. So seien etwa Schienenrampen für Kinderwagen als barrierefrei eingestuft worden. Für Rollstuhlfahrer sind sie jedoch nicht geeignet: Wegen einer Steigung von bis zu 45 Grad besteht selbst mit fremder Hilfe akute Kipp- und Sturzgefahr.

Baustelle eines neuen Luftschutzraums in Kiew - große Betonplatte mit rausstehenden Metallstäben und einem Kran im Hintergrund

Arbeiter bauen im März 2025 an einem neuen unterirdischen Schutzraum an einer Schule in Kiew. Viele bestehende Anlagen lassen sich nur schwer barrierefrei nachrüsten - zugleich entstehen in der Hauptstadt bislang nur wenige neue Schutzräume.

Auf Grundlage ihrer Erfahrungen schätzt Parchytko, dass weniger als fünf Prozent der Schutzräume in der Hauptstadt tatsächlich für Menschen mit Behinderung zugänglich sind. Eine Kollegin sei deswegen bereits ausgewandert: "Yuliia hat das Land verlassen. Genau aus diesem Grund. Sie hat klar gesagt: 'Solange es keinen Schutzraum für mich gibt, komme ich nicht zurück.'" Auch Parchytkos Bruder und Gründer der Organisation, Dmytro Schtschebetjuk, ist betroffen. Auch er hat keinen Schutzraum in seiner Nähe, den er mit dem Rollstuhl erreichen kann.

Barrierefreier Umbau meist unmöglich

Eine einfache Lösung gebe es nicht, sagt Parchytko. Die meisten vorhandenen Schutzräume ließen sich nicht barrierefrei umbauen. Rollstuhlgerechte Rampen benötigen viel Platz, für Lifte sind die Treppenabgänge häufig zu schmal. Zudem können Stromausfälle solche Lifte außer Betrieb setzen.

Eine Lösung sieht Parchytko in mobilen Schutzräumen. Diese oberirdischen Konstruktionen aus Stahlbeton bieten Platz für bis zu 50 Menschen und könnten an verschiedenen Orten in der Stadt aufgestellt werden. Sie schützen vor Druckwellen und Trümmerteilen, bieten bei einem direkten Treffer jedoch deutlich weniger Schutz als unterirdische Schutzräume.

Mobilder Schutzraum in Kiew (Ukraine)

Der erste mobile Schutzraum Kiews wurde im Juni 2023 aufgestellt. Solche oberirdischen Konstruktionen könnten Menschen mit Behinderung eine leichter zugängliche Alternative bieten, schützen bei direkten Treffern aber deutlich schlechter als unterirdische Schutzräume.

Zu wenige Schutzräume in Kiew

Auch unabhängig von der Barrierefreiheit wird in Kiew derzeit der Mangel an geeigneten Schutzräumen kritisiert. Ein Großteil der rund 4.400 offiziell registrierten Anlagen sind sogenannte "einfachste Schutzräume" - meist Keller oder andere unterirdische Räume mit begrenzter Schutzwirkung. Bei Kontrollen beanstandete die Stadt unter anderem fehlende Stromversorgung, zu wenige Sitzplätze und einen mangelhaften sanitären Zustand.

Während Russland seine Angriffe intensiviert, werden die Forderungen nach mehr und besser geschützten Zufluchtsorten lauter. Seit Beginn der Vollinvasion wurden in Kiew lediglich zehn neue Schutzbauten errichtet – sechs davon sind bislang noch nicht in das offizielle Verzeichnis aufgenommen worden. Die Stadtverwaltung teilte auf MDR-Anfrage mit, dass die Neubauten die in den staatlichen Bauvorschriften festgelegten Anforderungen an die Barrierefreiheit erfüllen.

Sie bleiben trotzdem in der Ukraine

Trotz der schwierigen Lage wollen sowohl Artem Proschtschenko als auch Inna Palii in der Ukraine bleiben. "Ich werde nicht gehen", sagt Proschtschenko. "Wenn alle gehen, wer hält dann hier die Stellung?" Seiner Erfahrung nach sind es vor allem NGOs und Aktivisten, die Veränderungen anstoßen.

Folgen eines russischen Luftangriffs in Kiew: Zerstörte Gebäude und Autos

Zerstörte Gebäude und Fahrzeuge nach einem Angriff in Kiew. Gerade bei Luftalarm zählt jede Minute - doch viele Schutzräume der Stadt sind für Menschen mit Behinderungen nur schwer oder gar nicht erreichbar.

Auch Palii ist überzeugt, dass das Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen wächst – wenn auch langsam. Neben ihrer Arbeit beim ukrainischen Blindenverband gibt sie Führungen im Museum in the Dark ("Museum im Dunkeln"), wo sie Besuchern Einblicke in die Lebensrealität blinder Menschen vermittelt.

Auch Proschtschenko engagiert sich als Aktivist und Berater für mehr Barrierefreiheit. "Wichtig ist vor allem, dass die Menschen nicht still bleiben, sondern über dieses Problem sprechen." Denn Barrierefreiheit ist im Krieg keine Frage des Komforts. Wenn die Sirenen heulen, kann sie auch über Leben und Tod entscheiden.

(baz)

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