Die Front steckt fest, doch im Hintergrund eskaliert der Ukraine-Krieg – was jetzt droht
„Ukraine verliert strategische Initiative“: Experte sieht eine Möglichkeit zur Eskalation im Ukraine-Krieg
Stand: 29.08.2026, 07:17 Uhr
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Die Frontlage in der Ukraine wird von einer Pattsituation bestimmt. Militärexperte Reisner meint, dass beide Seiten eine Möglichkeit zur Eskalation haben.
Kiew/Moskau – In den vergangenen Monaten konnten weder Russland noch die Ukraine größere Geländegewinne vermelden. Der Militärexperte Markus Reisner identifiziert auf der taktischen und operativen Ebene eine überwiegende Pattsituation. Beide Kriegsparteien könnten nur auf der strategischen Ebene eskalieren, sagt Reisner der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Zudem erklärt er, warum die ukrainische Armee zurzeit die strategische Initiative aus seiner Sicht verliert.

Wie ist die aktuelle Lage im Ukraine-Krieg?
Auf der taktischen Ebene wird im fünften Kriegsjahr alles vom Drohneneinsatz beherrscht. Diese vielen Tausenden Drohnen führen dazu, dass keine Seite wirklich in der Lage ist, Bewegungen beziehungsweise Manöver durchzuführen, die unerkannt bleiben. Daher sehen wir auf der taktischen und operativen Ebene zurzeit eine Pattsituation. Denn beide Seiten versuchen, Gebiet zu erobern, scheitern aber im Großen mit wenigen Ausnahmen im Kleinen.
Ukraine-Krieg: Experte Reisner hebt zwei Zahlen hervor
Das begünstigt vermutlich die Ukraine als Verteidiger.
Genau, die ukrainische Armee kann sich verbergen, tarnen und auf den Angreifer warten. Der Angreifer ist im Nachteil, weil er sich exponieren muss, um mit Vorstößen Gebiete zu erobern. Nach schwersten Verlusten in den vergangenen Jahren haben die Russen ihre Angriffsverfahren geändert.
Inwiefern?
Wir sehen kaum noch mechanisierte Angriffe oder Angriffe mit kleinen Fahrzeuggruppen. Tatsächlich beobachten wir größtenteils Vorstöße mit drei bis vier Soldaten, die Gelände einnehmen und halten wollen, bis ihre Kameraden nachfolgen und versuchen, von dort aus den nächsten Vorstoß durchzuführen. Das bedeutet, dass wir in den vergangenen Monaten relativ wenige Bewegungen an der Front gesehen haben.
Was passiert auf der operativen Ebene?
Hier möchte ich zwei interessante Zahlen hervorheben. Einmal die Zahl 745. So viele Quadratkilometer hat die Ukraine laut Selenskyj in den ersten sechs Monaten dieses Jahres in Besitz genommen. Und die Zahl 2200 Quadratkilometer. So viel Gelände haben die Russen nach eigenen Angaben im gleichen Zeitraum erobert. Dabei handelt es sich um die fünffache Fläche von Wien, also keine geringe – auch wenn sie sich über die 1300 Kilometer lange Front verteilt.
Auf welche Gebiete Russland seine Angriffe in der Ukraine konzentriert
Konzentrieren sich die russischen Angriffe weiterhin auf den Festungsgürtel der Städte Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka?
Ja, die Russen greifen hier mit einer Zangenbewegung an. Einmal im Norden bei Lyman und im Süden bei Kostjantyniwka. Die letztgenannte Stadt ist ungefähr zu 50 Prozent unter russischer Kontrolle. Wobei ich bei den Zahlen auf eine Problematik verweisen möchte.
Auf welche?
Häufig sehen wir das Hissen von Flaggen in der beschriebenen Grau- beziehungsweise Todeszone, in der kaum Bewegungen möglich sind. Und sobald eine Flagge gehisst wurde, folgt nach wenigen Minuten bereits ein Drohnenangriff der Gegenseite, wodurch die Soldaten getötet werden und das Gelände wieder ins tödliche Niemandsland zurückfällt.
Gibt es einen weiteren Schwerpunkt?
Ja, die Russen versuchen, den Festungsgürtel über die Stadt Dobropillja zu umfassen, um hinter die ukrainischen Versorgungslinien zu gelangen, die in diese Festungsstädte hineinführen, was für beide Seiten sehr entscheidend ist. Denn die Ukraine kann diese Städte nur so lange halten, wie ihre Logistiklinien offenbleiben. Wenn diese Logistik gekappt wird, stehen die Städte unmittelbar vor dem Fall. Das haben wir in der Vergangenheit bereits bei anderen Städten wie Bachmut oder Pokrowsk gesehen, wo sich dieselben Dramen abgespielt haben.
Ukrainische Luftangriffe basieren laut Reisner auf vier Erfolgsfaktoren
Glauben Sie, dass sich diese überwiegende Pattsituation ändern kann?
Die einzige Möglichkeit für beide Seiten, den Krieg zu eskalieren, ist die strategische Ebene, auf der wir insbesondere die verheerenden Luftangriffe berücksichtigen müssen. Beide Seiten führen massive Luftangriffe durch und sind jeweils sehr erfolgreich. Die ukrainische Langstreckendrohnen-Kampagne ist das Ergebnis von vier Faktoren. Der erste entscheidende Faktor ist die Zielaufklärung durch Satelliten, welche die USA für die Ukraine größtenteils durchführen. Der zweite Faktor sind die sogenannten US-amerikanischen Tech-Bros wie Elon Musk. Seine Unterstützung mit seinem privaten Satellitensystem Starlink ist eine weitere enorm wichtige Unterstützung für die Ukraine. Daraus resultiert der dritte Faktor.
Welcher?
Das Unternehmen Palantir von Alex Karp, mit dem die Ukraine viele Daten zusammenführen und analysieren kann. Der vierte Faktor sind die vielen in Europa gebauten Drohnenbauteile, die in die Ukraine geliefert werden. Nur dadurch kann die ukrainische Armee täglich Hunderte Drohnen in Richtung Russland schicken und diese Angriffe haben gut messbare Erfolge. Wegen dieser Faktoren hatte die Ukraine die strategische Initiative am Anfang dieses Jahres zurückgewonnen und über den Sommer gehalten.
Verliert die Ukraine zurzeit diese Initiative?
Das Problem ist, dass Russland die ukrainischen Angriffe mit seiner strategischen Luftkampagne aus einer Kombination von Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen beantwortet. Bei den Geran-Drohnen stellen die Russen zurzeit von der zweiten und dritten Generation auf die Typen Geran-4 und -5 um. Das sind primär jetangetriebene Drohnen, die den ukrainischen Abfangdrohnen eher entkommen.
Reisner sieht Ukraine vor einem schweren Winter
Gibt es auch bei den russischen Marschflugkörpern und ballistischen Raketen bedeutende Veränderungen?
Russland hat es geschafft, eine Produktionsrate von 200 Stück pro Monat zu erreichen, von denen sie monatlich circa 100 bis 150 einsetzen. Gegen diese Raketen benötigt die Ukraine Abwehrraketen und hier kommt es zum entscheidenden Nachteil, warum die Ukraine zurzeit die strategische Initiative verliert. Sie hat kaum Abwehrraketen, um sich gegen die russischen Raketenangriffe zu wehren.
Das ist insbesondere mit Blick auf einen weiteren kalten Kriegswinter sehr problematisch.
Wir können davon ausgehen, dass die Ukraine vor einem sehr schwierigen Winter steht. Laut dem ukrainischen Energieminister sind bereits 80 Prozent der kritischen Infrastruktur der Energieversorgung beschädigt oder zerstört. Das ist noch das Ergebnis der letzten beiden Kriegswinter. Die wichtigsten Heizkraftwerke in Kiew sind beschädigt oder zerstört – und konnten bisher kaum repariert werden. Deswegen sind Selenskyjs Forderungen nach neuen Patriot-Raketen äußerst verständlich. Und an diesem Punkt kommt der Königsmacher ins Spiel.
Sie meinen US-Präsident Donald Trump?
Ja, er übt auf beide Seiten Druck aus. Auf Russland, indem er der Ukraine wichtige Satellitenbilder liefert und das Land durch seine Tech-Milliardäre unterstützen lässt. Gleichzeitig übt er Druck auf die Ukraine aus, indem er ihr keine weiteren Patriot-Raketen liefert. Das Kalkül ist klar: Trump will einen Waffenstillstand erzwingen – optimalerweise vor den wichtigen Midtermswahlen in den USA. Er braucht gute Nachrichten, weil er sich im Iran-Krieg völlig verrannt hat. Die Reise des CIA-Chefs nach Moskau zeigt, wie die USA im Konflikt Einfluss ausüben. Wir Europäer sind hier nur Zuseher. (Quellen: Eigene Recherchen/Interview: Jan-Frederik Wendt)