Berentzen vor US-Übernahme: Sazerac verhandelt über Kauf des Apfelkorn-Herstellers

Umsatz eingebrochen, Übernahme droht: US-Konzern greift nach deutscher Traditionsbrennerei

Stand: 17.09.2026, 14:03 Uhr

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Der Apfelkorn-Hersteller Berentzen steckt in der Krise. Ein mächtiger US-Konzern wittert seine Chance. Was hinter dem Deal steckt.

Haselünne – Es gibt Marken, die gehören zur deutschen Trinkkultur wie das Bier zum Oktoberfest. Berentzen Apfelkorn ist eine davon. Seit Jahrzehnten steht die Brennerei aus dem niedersächsischen Haselünne für vertraute Namen wie Puschkin Vodka, Doornkaat, Bommerlunder und neben Spirituosen, auch für die alkoholfreien Marken Mio Mio und das Lizenzprodukt Sinalco.

Getränkehersteller Berentzen

Die sinkende Nachfrage nach Alkohol macht dem Spirituosen-Hersteller Berentzen zu schaffen. (Archivbild) © Friso Gentsch/dpa

Doch hinter der Fassade des Traditionsunternehmens türmen sich Probleme auf, die nun das Interesse eines Schwergewichts aus Übersee geweckt haben. Wie die Berentzen-Gruppe Aktiengesellschaft Mitte September in einer Pflichtmitteilung nach Artikel 17 der EU-Marktmissbrauchsverordnung bestätigte, befindet sich das Unternehmen in Verhandlungen mit der Sazerac Company, Inc. mit Sitz in New Orleans über ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot zum Erwerb sämtlicher ausstehender Aktien.

Berentzens Zahlen: Konsum nimmt ab, Umsatz schrumpft, Gewinn bricht ein

Auslöser war ein Bericht des Finanzdienstes Bloomberg, der über die mögliche Transaktion berichtet hatte. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens macht das Timing zudem verständlich. Laut den vorläufigen Halbjahreszahlen, die Berentzen im Juli 2026 veröffentlichte, schrumpfte der Umsatz im ersten Halbjahr um gut elf Prozent auf 71 Millionen Euro.

Noch gravierender ist die Gewinnentwicklung. Der Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern sackte um mehr als 80 Prozent auf lediglich rund 600.000 Euro ab. In der Folge schraubte das Management seine Jahresziele nach unten. An der Börse war das Unternehmen zuletzt mit rund 35 Millionen Euro bewertet. Hintergrund ist eine anhaltend schwache Alkoholnachfrage, die die gesamte Branche erfasst hat.

Berentzen trifft dieser Trend besonders hart, weil das Unternehmen stark von klassischen Spirituosen abhängig ist, deren Absatz in vielen europäischen Märkten seit Jahren stagniert oder zurückgeht. Die Diversifikation in alkoholfreie Getränke konnte das bisher nicht ausreichend kompensieren.

US-Spirituosenkonzern Sazerac: Ein Konzern mit globalem Appetit

Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches sitzt ein Unternehmen von ganz anderem Kaliber. Sazerac ist ein privat gehaltener US-Spirituosenkonzern aus New Orleans, der nach eigenen Angaben mehr als 450 Marken unter seinem Dach vereint. Zum Portfolio gehören Whiskey-Ikonen wie Buffalo Trace und Blanton‘s sowie die Kultmarken Southern Comfort und Fireball. Für Sazerac wäre eine Berentzen-Übernahme finanziell kaum der Rede wert. Das zeigt ein Blick auf die jüngste Akquisitionsgeschichte des US-Konzerns. Laut dem Wall Street Journal unterbreitete Sazerac in diesem Jahr dem Jack-Daniel‘s-Hersteller Brown-Forman ein Übernahmeangebot in Höhe von rund 15 Milliarden US-Dollar, das im ersten Anlauf abgelehnt wurde.

Kurz darauf schloss Sazerac am 14. September 2026 die Übernahme des britischen Spirituosenherstellers Au Vodka ab, laut Bloomberg für rund 300 Millionen Pfund, umgerechnet etwa 350 Millionen Euro. Berentzen mit seinem aktuellen Börsenwert von 35 Millionen Euro wäre dagegen ein Bruchteil davon. Dass Berentzen dennoch ins Visier geraten ist, hat strategische Gründe. Bloomberg berichtete ausdrücklich, dass Sazerac seine Markenbasis in Europa gezielt ausbauen wolle. Das niedersächsische Unternehmen böte dafür eine fertige Infrastruktur: eine etablierte Produktionsanlage, ein bekanntes Markenportfolio in der DACH-Region und ein bestehendes Vertriebsnetz.

Die Übernahme von Au Vodka auf der britischen Insel und ein potenzieller Zukauf von Berentzen auf dem Kontinent würden gut in dieses Bild passen, wie das Fachportal BondGuide analysierte. Für die Berentzen-Aktionäre stellt sich derweil eine entscheidende Frage, die noch nicht beantwortet ist: Zu welchem Preis möchte Sazerac einsteigen? Erst ein formales Angebot wird zeigen, ob die Aktionäre einen attraktiven Aufschlag auf den aktuellen Kurs erhalten. Verhandelt wird laut Pflichtmitteilung lediglich über die Rahmenbedingungen eines freiwilligen öffentlichen Angebots. Eine endgültige Vereinbarung gibt es bisher nicht, wie Berentzen selbst mitteilte.

Was eine Übernahme für Berentzen bedeuten könnte

Ob der mögliche Eigentümerwechsel langfristig Fluch oder Segen wäre, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt kaum beurteilen. Einerseits könnte die Einbindung in einen globalen Konzern Berentzen Zugang zu Kapital, internationalen Vertriebskanälen und Marketingpower verschaffen, die das Unternehmen allein derzeit nicht hat. Andererseits stehen solche Übernahmen nicht selten am Beginn von Restrukturierungen, bei denen Standorte und Arbeitsplätze auf den Prüfstand kommen.

Haselünne ist eine Stadt mit rund 12.000 Einwohnern, für die Berentzen ein bedeutender Arbeitgeber ist. Die Frage, was aus dem Traditionsstandort wird, wenn ein Konzern mit über 450 Marken das Ruder übernimmt, wird die Region beschäftigen, auch wenn die Verhandlungen noch in einem frühen Stadium sind. Berentzen kündigte an, Kapitalmarkt und Öffentlichkeit über den weiteren Fortgang der Gespräche gemäß den gesetzlichen Anforderungen zu informieren. (Quellen: dpa, Bloomberg, Wall Street Journal, Berentzen)(ls)