Begeht Israel einen Genozid? "Disunited Nations" im Kino

Die gebürtige Italienerin Francesca Albanese ist seit dem 1. Mai 2022 Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete, also im Wesentlichen für das Westjordanland und Gaza. Da es in der Diplomatie sehr auf die Präzision und die Dehnbarkeit von Begriffen ankommt, lohnt es sich, ihren Titel im Englischen genau zu lesen: „Special rapporteur on the situation of human rights in the Palestinian territories occupied since 1967“. Als „rapporteur“ schreibt Albanese Berichte, spricht zu Institutionen, tritt aber auch öffentlich auf. 2025 wurde ihr Mandat für drei weitere Jahre verlängert. Seit dem Pogrom der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg in Gaza hat Albanese massiv an Bekanntheit gewonnen. Denn sie ist, nicht zuletzt kraft ihrer Funktion, zu einer der am deutlichsten vernehmbaren Stimmen geworden, die Israels Kriegsführung als Genozid bezeichnen. Dieser Vorwurf, von dem sehr viel abhängt, erhält durch Albanese den Charakter einer offiziellen Position der Vereinten Nationen – auch wenn sie de facto nur Berichte schreibt, die von der Vollversammlung dann als Grundlage für Resolutionen genommen werden können.

DSGVO Platzhalter

Der französische Filmemacher Christophe Cotteret, der davor in und zu Tunesien und Ruanda und zum Rechtsextremismus in Europa gearbeitet hat, begann bald nach dem 7. Oktober mit den Dreharbeiten zu einem Projekt, in dem es um die Vereinten Nationen und deren Rolle in der Levante gehen sollte sowie um Francesca Albanese als die relevante Vertreterin der globalen Organisation. Diese doppelte Aufgabenstellung ist nun auch dem Film „Disunited Nations“ anzusehen, der sich mit der Rolle der UN in Israel/Palästina beschäftigt, der aber vor allem als ein Porträt von Francesca Albanese gesehen werden wird – als ein sympathisierendes Porträt, daran lässt Cotteret mit seiner eigenen Erzählerstimme keinen Zweifel. Er macht sich die Positionen der Berichterstatterin zu eigen, er macht sich auch auf eine Reise, die ihn von Jerusalem nach Amman in Jordanien und schließlich sogar nach Yarmouk in Damaskus führt, in eines der größten palästinensischen Flüchtlingsquartiere, mit dem auch der historische Bogen des Films erweitert wird, nämlich bis zur Nakba, der „Katastrophe“ der Palästinenser im Zusammenhang der Staatswerdung und der Grenzziehungen Israels 1948.

Sie ist Juristin und Aktivistin in einer Person

Cotteret stellt Albanese zuerst an ihrem Wohnsitz in Tunis vor und folgt ihr dann in den Alltag einer international tätigen Diplomatin. Dass sie dabei Juristin und Aktivistin in einer Person ist, stellt er selbst klar. Im Februar 2025 war Albanese zu zwei Veranstaltungen in Berlin eingeladen (eine davon an der Freien Universität), die beide abgesagt wurden – offiziell wegen Sicherheitsbedenken. Sie fanden dann in einem anderen Rahmen statt. In „Disunited Nations“ werden die Ereignisse so dargestellt, als hätte die Polizei auch versucht, Albanese zu verhaften – die einzige Quelle, die sich für diesen konkreten Vorgang finden lässt, ist allerdings ein Zitat von ihr selbst.

Der springende Punkt sind dabei Vorwürfe, Albanese würde ihre Funktion dazu verwenden, ihre Vorwürfe gegen Israel (ihre Berichtsmaterie) auf eine Weise zu formulieren oder zu übertreiben, die als antisemitisch zu verstehen wären. Der Begriff Genozid für die Beschreibung der Kriegsführung Israels in Gaza ist dabei von entscheidender Bedeutung. Allerdings wird gerade aus Cotterets Film auch klar, dass dieser Begriff keineswegs so eindeutig ist, wie er argumentativ häufig eingesetzt wird – gerade weil „Disunited Nations“ sich offensichtlich als ein mit der Protagonistin solidarisches Porträt versteht, gibt er aufmerksamen Betrachtern auch Material an die Hand, die entsprechenden Diskussionen mit den gebotenen Differenzierungen zu führen.

Albanese selbst formuliert den Sachverhalt einmal, scheinbar einfach und klar, so: „I am being accused of being antisemite because I criticize Israel.“ Damit benennt sie genau eine Linie, die in Deutschland seit dem 7. Oktober deutlich rigoroser gezogen wurde als in anderen Ländern. Cotteret ist sich vielleicht nicht dessen bewusst, dass er im Grunde eine Pointe liefert, als er Albanese an einer Stelle in einem Gespräch mit Jeremy Corbyn zeigt, dem früheren britischen Labour-Führer, den Vorwürfe einer ins Antisemitische übergehenden Palästina-Solidarität schon lange vor dem 7. Oktober 2023 begleiteten. Cotteret sucht auch Expertenstimmen aus Israel, die den Genozidvorwurf erhärten sollen. Der Historiker Amos Goldberg stützt ihn mit dem Satz: „Ein Genozid bemisst sich nicht an der Zahl der Opfer.“

„Ich darf mich bei keiner Demo zeigen“, sagt sie – auf einer Demo

Dass Albanese ihre Aufgabe selbst an eine „Wegkreuzung in den Aktivismus“ geführt hat, vermerkt Cotteret nicht nur explizit. Er zeigt auch, dass sie ihre Rolle genießt, mit ihr kokettiert – „ich darf mich eigentlich nicht bei Demonstrationen zeigen“, sagt sie bei einer Demo, bei der sie sich geradezu feiern lässt –, dass sie sich als Instanz sieht. Es sind schließlich ihre eigenen Worte, die für größere Klarheit sorgen gerade hinsichtlich der Vorwürfe, sie wolle auf mehr hinaus als auf eine Kritik der Politik Israels. Bei einer Rede in Genf sagt sie – und es kommt dabei auf jedes einzelne Wort an, sie spricht in diesem Fall Englisch –, dass Israel als „long standing settler-colonial project of erasure“ die palästinensische Bevölkerung seit sieben Jahrzehnten zu einem Ziel („target“) dieser „Auslöschung“ gemacht hat. Hier macht sie deutlich, ob bewusst oder nicht, dass ihre Berichte von einer Voraussetzung ausgehen, die den Staat Israel als solchen in einen Konnex mit Verhältnissen setzen, die für Palästinenser keine (Über-)Lebensmöglichkeiten vorsehen. Es handelt sich zweifellos um eine höchst prononcierte Form der Ablehnung Israels schon in seiner ursprünglichen Form als Staat in der Region.

Es ist „Disunited Nations“ gutzuschreiben, dass er, wie im Grunde alle Dokumentarfilme, auch bezüglich seiner eigenen Intentionen aufschlussreich ist. Was Cotteret zeigt, auch im Hinblick auf die Rolle der UNWRA, des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge, in der Region ist alles sehenswert und bedenkenswert – es wäre nur verkürzt, den Diskurs darüber so zu führen, wie er bei Francesca Albanese oft erscheint. Sie setzt moralisches Pathos an die Stelle präziser Sprache und Beobachtung und ist damit zwar zu einem internationalen Idol geworden, verhärtet aber oft Positionen, die das verhängnisvolle Entweder-oder, das sich für Israel/Palästina von beiden Seiten immer mehr und immer fundamentalistischer abzeichnet, nicht auflösen werden.