Fedez geißelt Rapper-Solidarität mit Plünderern als fake

In Mailand geht die Angst um vor dem Wochenende. Geschäftsleute um den Domplatz verrammeln ihre Schaufenster mit Sperrholzplatten. Bürgermeister Beppe Sala warnt seine Mitbürger, der Samstag könne „ein heikler Tag“ werden. Zuvor nahm er an einer Krisensitzung mit Innenminister Matteo Piantedosi teil. Rom schickt 500 Soldaten nach Mailand sowie nach Bergamo, Bologna und Turin, wo es am vergangenen Wochenende ebenfalls zu Krawallen und Plünderungen gekommen war.

Die Mitte-rechts-Koalition in Rom hat am Dienstag ein weiteres „Sicherheitsdekret“ mit Maßnahmen gegen jugendliche Straftäter beschlossen, um ein zweites Chaos-Wochenende zu verhindern und allgemein dem Phänomen der sogenannten Maranzas zu begegnen.

Die Etymologie der Bezeichnung für die auch „Baby-Gangs“ genannten Jugendbanden aus den Vorstädten ist ungeklärt. Es könnte ein Kofferwort aus „zanza“ (Gauner oder Proll im Mailänder Dialekt) und „marocchino“ (aus Marokko beziehungsweise dem Maghreb stammend) sein.

Jungs aus migrantischen Familien

Jedenfalls waren es Jungs aus migrantischen Familien, die am vergangenen Wochenende, vermummt und im Kapuzenpulli, die Luxus- und Sportgeschäfte Mailands und anderer norditalienischer Städte stürmten. Die Verabredung zum Beutezeug – sowie deren Dokumentierung, oftmals in Echtzeit – erfolgte über Social-Media-Kanäle, namentlich Tiktok, Telegram und Youtube. Rund 80 Prozent der gut 270 Festgenommenen in Mailand waren minderjährig, der jüngste war gerade einmal elf Jahre alt. Fast alle stammten aus maghrebinischen und osteuropäischen Familien.

Die Regierungskoalition in Rom ist uneins über mögliche „Hintermänner“ dieser Mobilisierung mittels sozialer Medien. Verteidigungsminister Guido Crosetto stellt die Krawalle in den Zusammenhang einer „hybriden Kriegsführung“ einer nicht näher genannten feindlichen Macht. Innenminister Piantedosi und Verkehrsminister Matteo Salvini wollen von externer Einflussnahme nichts wissen. „Die wollten einfach Nike-Klamotten, iPhones und Rolex-Uhren haben. Mit politischen Forderungen, den hohen Sprit- und Lebenshaltungskosten oder was auch immer hatte das nichts zu tun“, sagte Salvini, der selbst aus Mailand stammt.

Ausschreitungen: ein Bild vom vergangenen Samstag aus Mailand.
Ausschreitungen: ein Bild vom vergangenen Samstag aus Mailand.dpa

Auch in der Rapper-Szene, die zu einem Gutteil ihre sozial-kulturellen Wurzeln in den Vorstädten der Metropolen und Universitätsstädte hat, gibt es Zwist über die Haltung zu den Plünderungen. Der Genueser Rapper Sayf, Jahrgang 1999, die Mutter stammt aus Tunesien, der Vater ist Italiener, schrieb nach den Ausschreitungen: „Man erzählt uns, das Problem seien die gewalttätigen Demonstrationen. Aber wer nimmt den Menschen das Recht auf eine würdevolle Zukunft? Man vergisst die Gewalt eines Systems, das den Profit über das Leben und die Würde der Menschen stellt. Denn das eigentliche Problem ist nicht die Spaltung zwischen rechts und links, sondern die zwischen ‚oben‘ und ‚unten‘. Und wir sollten auf der Seite jener stehen, die ‚unten‘ sind.“

Ins gleiche Horn stieß der Mailänder Rapper Marracash, 1979 geboren, mit bürgerlichem Namen Fabio Bartolo Rizzo, der in einer nichtmigrantischen Familie in dem Mailänder Brennpunktviertel Barona aufwuchs. „Auf die sanfte Tour lässt sich nichts ändern“, ließ Marracash zunächst wissen, beeilte sich hernach aber, angesichts scharfer Kritik an seiner Aussage, zu betonen: „Ich habe niemals zur Gewalt aufgerufen.“ Mit offener oder verhaltener Sympathie für die plündernden Maranzas äußerten sich außerdem der Römer Rapper Nayt sowie Luchè aus Neapel und Ghali aus Mailand.

Scharfe Kritik an seinen Rapper-Kollegen übte derweil Fedez (1989 in Mailand als Federico Leonardo Lucia geboren), das Alphatier unter Italiens Rappern und Influencern, der von 2018 bis 2024 mit der Mode-Bloggerin Chiara Ferragni verheiratet war und mit ihr zwei Kinder hat.

Fedez verurteilte die Solidaritätsbekundungen aus der Rap-Szene nach den Vandalismus-Aktionen von Mailand als scheinheilig: „Glaubt nicht an große Ankündigungen, glaubt nicht den reichen Künstlern, die euch unterstützen“, wandte er sich an die plündernden Kids aus den Vorstädten. „Ein ‚Wir‘ gibt es nicht. Es ist ein Wettlauf darum, wer am meisten für sich raffen kann. Momentan ist Solidarität der Trend. Morgen folgt dann wieder ein Songtext, in dem euch erzählt wird, wie schön es ist, reich zu sein, nachdem man arm war – damit ihr euch gut einprägt, dass sie nicht mehr so sind, wie ihr es noch immer seid. Und das sagt euch jemand, der genau denselben Weg gegangen ist. Merkt euch stattdessen die Wahrheit: An eurer Seite steht niemand.“