Unsere Antwort auf Helge Schneider: Wir haben auch keine Lust mehr

Helge Schneider hat uns mit seinem Konzertabbruch bei einer Landesgartenschau inspiriert. Sechs Geschichten über den Moment, in dem auch für uns Schluss war.

Der Komiker Helge Schneider hat vor ein paar Tagen sein Konzert bei der Landesgartenschau in Ellwangen in Baden-Württemberg unterbrochen. Der Grund für die Aktion: Ihn störten die schlechte Soundqualität und die „Lauter!“-Rufe aus dem Publikum. Also sagte er: „Ich habe keine Lust mehr.“ Ist das nicht toll? Wir finden, diesen Satz könnte man ruhig öfter sagen, und fangen an.

Tarzan, ich gebe auf

Ob ich mich denn nicht auch mal eine Stufe steigern wolle, fragt mich das Date beim Bouldern so wenig suggestiv wie möglich. Ich weiß nicht. Ich klettere gerne die grün markierten Routen, das ist so wie Leiter hoch. Ich klettere auch mal Orange, aber höchstens zwei Routen, dann sind meine Arme schlapp. Blau wäre Level drei, jedoch verheißen die schmaleren Griffe und größeren Abstände an der Kletterwand mehr Schmerz als Spaß.

Das Beste am Bouldern sei ja die steile Lernkurve, sagt das Date, also buche ich einen Kurs, der „Besser werden“ heißt, aus Sorge, dass sie sonst das Interesse an mir verliert.

Tatsächlich gibt der Kursleiter ein paar nützliche Tipps: Schwerpunkt hier, lange Arme dort, Arsch an die Wand. Die anderen Ratschläge kann er sich schenken: Jetzt nur noch übergreifen, und du bist am Ziel. Ich sehe den an die Wand geschraubten blauen Krümel, an dem ich mich mit einer Fingerkuppe hinaufziehen soll. Hä?

Ich schwitze ein bisschen. Vielleicht weine ich auch. Ich stelle mir vor, wie ich abrutsche, mit dem Gesicht fünf aufgeraute Griffe mitnehme – und sich mein Date kopfschüttelnd von Tarzan davontragen lässt. Dann ist das so. Kein Mensch braucht Blau. Philipp Brandstädter

Illustration einer Ausgabe der wochentaz mit dem Titel „Egal war gestern“

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

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Nett sein – kannste vergessen

Meine Oma hat früher häufig betont, was ich doch für ein liebes Mädchen sei. Anfangs dachte ich, ich mache vieles richtig, sonst würde sie das ja nicht sagen.

Bald verstand ich aber, dass sie das nur in den Momenten tat, in denen ich mich richtig unwohl fühlte. Zum Beispiel, als wir in der Bezahlschlange im Supermarkt standen und ein älterer Mann ungefragt einen Kommentar über mein lockiges Haar machte. Ich guckte schüchtern nach unten und bedankte mich leise.

Auch heute komme ich noch in solche Situationen. Nur habe ich wirklich keine Lust mehr, nett zu sein.

Neulich, als mir ein Mann im Schwimmbad ein Kompliment für meine strahlenden Augen machte und anschließend fragte, was mein Tattoo am Oberschenkel für eine Bedeutung hätte, bildete ich eine tiefe Zornesfalte zwischen meinen Augen und sagte lieb, wie ich bin: „Tut mir leid, aber ich wüsste nicht, was Sie das angeht.“ Katharina Federl

Schule? Ihm doch egal

Es ist noch nicht lange her, da wurde mir von einem befreundeten Paar mit einem 13-jährigen Sohn folgende Situation geschildert: Die achte Klasse neigte sich dem Ende zu, und der Sohn war wegen auffallenden Desinteresses, wiederholten Zuspätkommens und Störens im Unterricht aufgefallen.

Eine Videokonferenz mit Eltern, Kind und zwei Leh­re­r:in­nen wurde anberaumt. Zum Entsetzen der Eltern kam heraus: Der Sohn hatte seit einiger Zeit komplett aufgehört, sich Notizen zu machen.

Statt wie andere das Tafelbild abzuschreiben oder es wenigstens stichpunktartig festzuhalten, saß er einfach nur da und guckte in die Luft. Weswegen er dann auch nicht wusste, was der Stoff für die Klassenarbeiten gewesen wäre, den er aber sowieso nicht wiederholt hätte.

Als ihn Lehrer und Eltern fragten, was denn mit ihm los sei, zuckte er nur die Schultern. Und meinte dann: „Schule ist mir halt einfach generell total egal.“ Nina Apin

Das Theater tu ich mir nicht an

Ich hatte vor, jemand Großes am Theater zu werden: Maskenbildnerin, Chefdramaturgin – egal. So genau wusste ich es ja selbst nicht, nur, dass ich endlich weiter kommen wollte als bis zur Eingangstür, wo ich die Karten für das Publikum abriss. Da kam es wie gerufen, dass ein Regisseur eine Hospitantin suchte.

Nun war es aber so: Der Regisseur war mit der Dramaturgin verheiratet. Fairerweise muss ich sagen, dass sie mich im Bewerbungsgespräch vorwarnten. Der Großteil der inhaltlichen Arbeit finde nicht auf der Probe, sondern bei ihnen am Küchentisch statt. Das sei mir schnurzpiepegal, versicherte ich. Hauptsache, Theater! Und so stellten sie mich ein.

Aber statt mit klugen Gedanken zu glänzen, wie ich es mir ja trotzdem irgendwie vorgestellt hatte, kochte ich die meiste Zeit Kaffee, kaufte Kekse und diente den Schau­spie­le­r*in­nen als Partnerin beim Textlernen und Völkerball.

Ich war ernüchtert. Wenn das die Eintrittspforte in die Theaterwelt ist, dann bleibe ich halt draußen. Und weg war ich, die Diva, und wurde Kritikerin. Anna Fastabend

Nachrichten, nein danke

Es kommt nicht oft vor, dass Nachrichten einen Nachrichtenredakteur umhauen. Eher im Gegenteil. In der Regel schaltet man einen Gang hoch, versucht herauszufinden, was los ist – auch wenn etwas sehr Schreckliches passiert ist. Aber manchmal geht das nicht.

Bei mir war das nach dem Anschlag in Nizza so. Da war am Abend des 14. Juli 2016 ein Mann mit einem Schwerlaster im Zickzack durch die Flaneure auf der Strandpromenade gerast. Es gab 86 Tote. Unzählige Fotos. Und ein streikendes Ich. Statt mich am Morgen um die Nachrichtenlage zu kümmern, schrieb ich mir den Frust von der Seele. Denn egal, was ich sah, ich sah immer nur Nizza.

Kol­le­g:in­nen sahen das Textchen, das ich dazu bei Facebook veröffentlicht hatte, noch vor der Konferenz und sagten: Das muss in die Zeitung. Und so wurde meine Nachrichtenfrust dann doch noch zu so etwas wie einer Nachricht. Sie hieß: Freitagmorgen hatte ich keine Lust. Gereon Asmuth

Eine reinhauen, dann gehen

Wenn man in Berlin dringend nach einem Dach über dem Kopf sucht, freut man sich über jeden Besichtigungstermin, den man kriegen kann.

Nach Hunderten meist unbeantworteten Anfragen stehe ich nun also um 9 Uhr morgens mit über vierzig weiteren verzweifelt suchenden Leuten zusammengedrängt in einer dieser „Wohnungen mit Altbaucharme zum Selbstgestalten“ – heißt: Die Tapete löst sich von den Wänden, und die Fenster sind eventuell etwas undicht. Aber egal. Schließlich soll die nur 1.300 Euro kosten, und das für ganze 50 Quadratmeter!

Bei dieser Lage im gefragten Kreuzberg sei das tatsächlich ein Hammerangebot, sagt der Vermieter, der sich ganz in der Tradition von Rio Reiser sieht: „Der hat hier in der Nähe den ‚Rauch-Haus-Song‘ geschrieben“, erzählt er. „Kennen Sie den?“

Jetzt würde ich dem Typen am liebsten eine reinhauen und gehen. Bringt mir halt beides wenig. Ruth Lang Fuentes

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