Unterstützer und Kritiker: Was Boris Marte für die Kulturszene leistete

In Memoriam

Unterstützer und Kritiker: Was Boris Marte für die Kulturszene leistete

Als Geschäftsführer der Erste Stiftung initiierte er zahlreiche Kulturinitiativen und setzte sich für die Förderung der Kunstszene ein. Nun starb der Wiener mit 62 Jahren

Katharina Rustler

Ein Mann mit Brille und Mikrofon in der Hand steht lächelnd vor einem großen Globus und einer farbigen Wand. Er trägt ein weißes Hemd und ein Namensschild.
Der 1964 in Bregenz geborene Kulturmanager saß in seiner Karriere in zahlreichen Vorständen, Aufsichtsräten oder Kuratorien – und prägte die Kulturszene.

Im Mai 2026 sprach die Historikerin und Autorin Anne Applebaum im Rahmen der Wiener Festwochen am Judenplatz über Europa und seine aktuelle Aufgabe. In welche Richtung wollen wir gemeinsam gehen? Boris Marte, langjähriger CEO der Erste Stiftung, folgte ihr auf die Bühne und bedankte sich für ihre Worte. Und fügte hinzu: "Ihnen ist es gelungen, der österreichischen und der europäischen Öffentlichkeit einen ernsten Weckruf zu versetzen, und gleichzeitig haben Sie uns einen Motivationsschub gegeben, weiterhin an das europäische Projekt zu glauben, indem wir dafür kämpfen und es vor seinen Feinden von innen und außen schützen."

Die seit 2018 am Judenplatz stattfindende "Rede an Europa" war ursprünglich von Marte ins Leben gerufen worden. Seit Jahren setzte er sich für ein starkes und friedliches Europa ein und dafür, aus unserer Geschichte zu lernen. Er war maßgeblich an der Umsetzung des von Simon Wiesenthal initiierten und von der britischen Künstlerin Rachel Whiteread gestalteten Mahnmals beteiligt, das an diesem Ort seit 2000 an die Opfer der Judenverfolgung in Österreich erinnert. Mit der "Rede an Europa" wollte Marte die Erinnerungspolitik fortsetzen und die Verantwortung aktueller Generationen für die Zukunft Europas verdeutlichen.

Wie am Dienstag bekannt wurde, ist der Wiener Kulturmanager im Alter von 62 Jahren in Folge einer Krebserkrankung gestorben. Andreas Treichl, langjähriger CEO der Erste Group und Nachfolger Martes als Vorstandsvorsitzender der Erste Stiftung, erinnerte sich in einem persönlichen Abschied an diesen Moment nach Applebaums Rede 2026. Marte habe an diesem Tage gewusst, "dass es mit großer Wahrscheinlichkeit sein letzter Auftritt bei einer 'Rede an Europa' am Judenplatz sein würde, dass er seinen Tumor zwar bekämpfen, aber nicht besiegen kann", so Treichl. "Er ist nicht mehr da, aber er hat uns so viel hinterlassen, dass er für immer unter uns bleiben wird."

Vorstände und Aufsichtsräte

Der 1964 in Bregenz geborene Boris Marte saß in seiner beachtlichen Karriere als Kulturmanager in zahlreichen Vorständen, Aufsichtsräten oder Kuratorien. Zeitweise war er unter anderem Vorsitzender des Universitätsrats der Akademie der bildenden Künste (bis 2023), Board-Mitglied des Filmmuseums (bis 2020) oder Mitglied des Kuratoriums der Viennale. Im Vorstand der Erste Stiftung setzte er sich für viele Förderprojekte ein: 2002 gründete er beispielsweise tranzit, ein Netzwerk freier Galerien in Zentral- und Osteuropa. Zwei Jahre später kam die Kontakt-Sammlung dazu, die sich auf übersehene neo-avantgardistische Kunst ab den 1960er-Jahren aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa spezialisiert.

Auch für die mittlerweile nicht mehr existierende Kunstmesse Vienna Contemporary (VC) galt die Erste Stiftung lange als einer der Hauptpartner. Als sich der russische Unternehmer Dmitri Aksenow 2022 mit seiner Familienstiftung von der Messe zurückzog, unterstützte Boris Marte das Leitungsduo als Chairman eines beratenden Boards. Bereits davor war Marte im mehrköpfigen Vorstand der VC tätig gewesen und hatte mit der Stiftung künstlerische Projekte unterstützt.

Marte trat aber auch als Kritiker auf: Als im Dezember 2022 bekannt wurde, dass das damalige Leitungsteam WHW der Kunsthalle Wien nicht mehr im Rennen um eine weitere Verlängerung sei, zog er sich aus Protest aus dem Aufsichtsrat zurück. Er kritisierte die "Abwahl" scharf und ortete bei dem Vorgehen einen Verstoß "gegen meinen Begriff von kulturpolitischer Ethik", wie er damals sagte. Marte forderte eine Aufarbeitung und Diskussion über die Zukunft der Einrichtung und bekam viel Rückenwind aus der Szene. (Katharina Rustler, 6.10.2026)

Forum: 1 Posting

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.