Update: Drinnie-Verdruss

Stand: 24.07.2026, 13:30 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Back view of cat talking to cat friends in video conference.

So lässt sich doch auch reden. © Petra Richli / istock

Für manche ist die Kommunikation mit Menschen, die eben nicht im selben Raum sind, gleichwertig oder sogar angenehmer.

Vorige Woche ging es in dieser Kolumne darum, dass ehrenamtliches Engagement von zu Hause aus immer noch schwierig ist, obwohl es jetzt schon ein paar Jahre lang ein Internet gibt. In den meisten Texten, die ich dafür gelesen habe, stand so etwas wie auf der Seite des Deutschen Bundesjugendrings: „Persönliche Begegnungen, gemeinsames Erleben und das Miteinander vor Ort bleiben zentral – nicht zuletzt als wirksame Antwort auf Einsamkeit.“ Ich ärgere mich über solche Sätze und dachte eigentlich, sie seien irgendwann in den Nullerjahren aus der Mode gekommen. Sind sie aber wohl nicht. Macht nichts, ich schreibe darüber gern auch noch die nächsten dreißig Jahre.

Zum einen gibt es ziemlich viele Menschen, für die dieses „Miteinander vor Ort“ keine Option ist. Sie können entweder aus der Ferne an Dingen teilnehmen, oder gar nicht. Aus Gründen, die hier alle schon oft genannt wurden: Eingeschränkte Mobilität, pflegebedürftige Angehörige, Krankheit, vielleicht ist man einfach gerade nicht da.

Andere könnten hingehen, möchten aber lieber nicht. Denn in solchen Sätzen stecken zwei Annahmen: Menschen sind einsam, wenn sie allein zu Hause sind. Und dagegen hilft nur die körperliche Anwesenheit anderer Menschen. Das stimmt sicher oft, aber eben nicht für alle. Viele sehnten sich 2020 und 2021 danach, endlich wieder im Büro zu arbeiten. Andere fanden es zu Hause ganz erholsam. Nicht, weil sie keine Gesellschaft brauchen, sondern weil für sie die Kommunikation mit Menschen, die eben nicht im selben Raum sind, gleichwertig oder sogar angenehmer ist.

Bei mir ist das so. Das heißt nicht, dass ich keine anderen Menschen mag. Es bedeutet nur, dass meine Batterie für soziale Interaktionen nicht so leistungsfähig ist. Bei Onlineveranstaltungen kann ich, wenn ich das will, im Liegen zuhören und dabei ein Spiel spielen. In Videomeetings stehen die Namen der gerade Redenden dran, ich bin also nicht die ganze Zeit mit Workarounds für meine Gesichtsblindheit beschäftigt. In einem schriftlichen Chat habe ich mehr Zeit zum Nachdenken. In allen Fällen kann ich mich der Situation entziehen, wenn ich eine Pause brauche. Und ich kann mich dann sofort in mein eigenes Bett legen oder liege schon drin, ich muss nicht erst noch drei Mal umsteigen. Weil an anderen Stellen Energie nicht verbraucht wird, bleibt mehr Energie für die eigentliche soziale Interaktion. Nur eben online.

Eigentlich ist es keine neue Erkenntnis, dass soziale Dinge auch ohne körperliche Anwesenheit passieren können. Beim Telefonieren und beim Briefeschreiben sind die Beteiligten auch nicht am gleichen Ort, und die Forschung hat schon lange damit aufgehört, beides nur als schlechten Ersatz für Anwesenheit zu deuten. Aber das Internet ist immer noch relativ neu, und das heißt, dass alle diese Einsichten wieder neu erarbeitet werden müssen. Die bisherige Forschung zum Online-Sozialleben hat ein paar Probleme. Zum einen beobachten viele Studien, dass Einsamkeit und vermehrte Internetnutzung gemeinsam auftreten. Das kann bedeuten, dass Internetnutzung einsam macht, oder das Gegenteil: Einsame Menschen verbringen mehr Zeit im Internet, um sich von ihrer Einsamkeit abzulenken oder ein Sozialleben aufzubauen. Ein weiteres Problem: „Zeit im Internet verbringen“ umfasst fast so viele verschiedene Tätigkeiten wie „Zeit mit Leben verbringen“. Und dass Menschen individuell unterschiedliche Vorlieben zur Menge und Art ihres Soziallebens haben, ist bisher noch fast gar nicht in die Forschung zur Internetnutzung eingeflossen.

Außerdem verbringen die Forschenden viel Zeit damit, die Frage zu klären, was problematische Internetnutzung ausmacht, und für meinen Geschmack nicht genug Zeit damit, ob es vielleicht auch problematische Nutzungen von Offline-Sozialleben gibt. Zum Beispiel, indem man grundsätzlich darauf besteht, dass alles in Präsenz stattfinden muss. Nur weil man das selbst am liebsten hat und sich vielleicht einsam fühlen würde, wenn man nicht jeden Tag an mehreren Meetings, Vereinsstammtischen und Veranstaltungen teilnehmen kann.

Wer Anwesenheit liebt, soll Anwesenheit bekommen. Aber die Möglichkeiten zu erweitern wäre schön. Und wo das zu kompliziert ist, weil es nicht zu den bestehenden Strukturen passt, könnte man wenigstens aufhören, Sätze hinzuschreiben, die nahelegen, dass nur körperliche Anwesenheit gegen Einsamkeit hilft. Leute wie ich fühlen sich dann bloß in ihren Vorlieben unverstanden. Für andere, die gern hingehen würden, aber nicht können, ist es noch unangenehmer, so unter die Nase gerieben zu bekommen: Du bist einsam, weil du nicht zu unseren Veranstaltungen erscheinen kannst – das interessiert uns aber nicht, für uns bleiben „persönliche Begegnungen“ und das „Miteinander vor Ort“ weiter zentral. Zentraler als du jedenfalls.