US-Zölle auf Polysilizium: Trumps neuer Schlag gegen Chinas Chip-Industrie
US-Präsident Donald Trump zieht in der Handelspolitik weiter die Daumenschrauben an und nimmt einen Grundbaustoff der Hochtechnologie ins Visier: Mit einer am Donnerstag unterzeichneten Proklamation belegt die US-Regierung Importe von Polysilizium sowie daraus hergestellten Vorprodukten mit einem zusätzlichen Zoll von 15 Prozent. Die Maßnahme tritt in rund 120 Tagen, am 4. Dezember, in Kraft und nimmt hauptsächlich die Marktdominanz Chinas in diesem Sektor ins Visier.
Mit dem Vorstoß will das Weiße Haus die heimische Lieferkette für Halbleiter und Solarmodule stärken, um im globalen Wettlauf um Künstliche Intelligenz, fortschrittliche Rechenleistung und grüne Energien gegenüber Peking nicht den Anschluss zu verlieren.
Polysilizium ist in seiner hochreinen Form ein unverzichtbares Ausgangsmaterial für die Fertigung von Teilen von Wafern, die wiederum die Basis für moderne Mikrochips aller Art sowie für Photovoltaikanlagen bilden. Bei der verhängten Abgabe handelt es sich um einen sogenannten Ad-Valorem-Zoll. Im Gegensatz zu festen Importgebühren pro Stück oder Gewicht wird ein solcher Wertzoll als fester Prozentsatz auf den geschätzten Geldwert der eingeführten Ware berechnet. Er verteuert importierte Vorprodukte so proportional zu deren Marktwert.
Die US-Regierung begründet den Schritt mit Erwägungen der nationalen Sicherheit. In dem Dekret heißt es, der Aktionsplan soll dazu beitragen, die kommerzielle Lebensfähigkeit der US-Produktion von Polysilizium und dessen Derivaten dauerhaft zu sichern. Diese sei für die wirtschaftlichen und militärischen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten essenziell.
Mindestpreise und staatliche Förderung für US-Standorte
Neben dem prozentualen Wertzoll führt die Trump-Administration ein System von Mindestimportpreisen ein, wie es US-Handelsminister Howard Lutnick empfohlen hatte. Vorgesehen ist ein Mindestpreis von 21 US-Dollar pro Kilogramm für Roh-Polysilizium. Für verarbeitete Polysilizium-Ingots und Wafer gilt künftig eine Untergrenze von 100 US-Dollar pro Kilogramm. Zudem werden Mindestpreise für Solarzellen von 0,22 US-Dollar pro Watt sowie für fertige Solarmodule von 0,38 US-Dollar pro Watt festgesetzt.
Zusätzlich ermächtigt die Erklärung das Handelsministerium, ein Förderprogramm für Unternehmen aufzusetzen, die in den Auf- und Ausbau oder die Modernisierung von US-Produktionsstätten investieren.
Die Debatte über unfaire Wettbewerbsbedingungen schwelt seit vielen Jahren. US-Amerikanische Solar- und Chip-Hersteller werfen chinesischen Konkurrenten vor, den US-Markt mit Dumpingpreisen zu überschwemmen. Ermöglicht werde dies durch exzessive staatliche Subventionen in China sowie das Ausweichen auf Drittstaaten, um bisherige US-Strafzölle zu umgehen. Die Auswirkungen auf den US-Markt sind enorm: Die USA stellten 2005 noch rund 50 Prozent der weltweiten Kapazitäten für Polysilizium. Dieser Anteil sank bis 2024 auf unter zwei Prozent.
Lob aus der Industrie, Kritik aus Peking
Aktuell verfügen die USA nur noch über zwei maßgebliche Produktionsstätten für Polysilizium. Dazu gehört Hemlock Semiconductor in Michigan, ein Joint Venture des US-Technologiekonzerns Corning und des japanischen Anbieters Shin-Etsu Handotai. Das zweite Werk in Tennessee betreibt der Münchner Konzern Wacker Chemie.
Beide Unternehmen begrüßen den Vorstoß der US-Regierung. Ein Corning-Sprecher lobte, die neuen Zölle förderten fortlaufende Investitionen in die US-Kapazitäten und stärkten die langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Wacker Chemie hob die Bedeutung der Initiative für die Resilienz der Halbleiter-Lieferketten, die fortschrittliche IT-Infrastruktur und die Verteidigungsinteressen der USA hervor.
Peking reagierte scharf auf die Ankündigung. Das chinesische Außenministerium warf Washington vor, das Konzept der nationalen Sicherheit überzustrapazieren und die Staatsmacht zu missbrauchen, um Firmen aus dem Reich der Mitte gezielt zu benachteiligen. Protektionismus werde die USA aber nicht wettbewerbsfähiger machen. Die Maßnahmen störten den normalen Wirtschafts- und Handelsaustausch zwischen chinesischen und amerikanischen Firmen und lägen weder im Interesse der US-Wirtschaft noch der Verbraucher. China werde die rechtmäßigen Interessen seiner Wirtschaft weiter entschlossen verteidigen.
Auch transatlantische Spannungen
Der Vorstoß gegen chinesisches Silizium fällt in eine Phase anhaltender transatlantischer Handelsspannungen. Der Zollstreit zwischen den USA und der EU hat sich unter Trump wiederholt an Schutzmaßnahmen für Schlüsselbranchen entzündet. Insbesondere Sonderzölle auf europäischen Stahl und Aluminium sowie Drohungen gegen die europäische Automobilbranche führten in der Vergangenheit zu Schutzzöllen und Gegenzöllen seitens der EU auf US-Exportgüter.
Europäische Unternehmen mit Produktionsstätten in den USA wie Wacker Chemie könnten von einzelnen lokalen US-Schutzmaßnahmen profitieren. Die allgemeine Eskalation der protektionistischen Handelspolitik sorgt aber auch auf dem alten Kontinent für erhebliche Unsicherheiten.
(nie)