USA greifen Iran erneut an: Atomkraftwerk getroffen, Jordanien und Kuwait im Fadenkreuz
Um Mitternacht in der Nacht von Samstag auf Sonntag – nach US-Angaben um 18 Uhr Ostküstenzeit – begann das US-Zentralkommando (Centcom) seine achte, wenig später bereits die neunte aufeinanderfolgende Angriffswelle gegen den Iran. Erklärtes Ziel: die Fähigkeit Teherans zu zerstören, kommerzielle Schifffahrt in der Straße von Hormus zu bedrohen – und jene Einheiten der Revolutionsgarden (IRGC) „rasch zu bestrafen“, die für den tödlichen Angriff auf US-Soldaten in Jordanien verantwortlich seien.
Die US-Streitkräfte gaben an, iranische Küstenüberwachungs- und Luftabwehreinrichtungen sowie maritime Kapazitäten und Lager für Raketen und Drohnen getroffen zu haben. Iranische Staatsmedien meldeten Angriffe nahe Sirik im Süden und nahe Shadegan an der Grenze zum Irak, später eine Explosion in Abadan – die iranische Seite erklärte diese allerdings selbst als „friendly fire“.
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Ein Novum dieses Krieges: Erstmals wurde nach Angaben der iranischen Atomenergiebehörde ein Atomkraftwerk getroffen. Mehrere Projektile schlugen demnach am im Bau befindlichen Kraftwerk Darkhovin in der südwestlichen Provinz Chuzestan ein. Wichtig zur Einordnung: Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigte, dass sich die Anlage „in einem sehr frühen Baustadium“ befinde und bei ihrem letzten Besuch kein Nuklearmaterial enthalten habe – ein radiologisches Risiko bestehe nicht. IAEA-Chef Rafael Grossi mahnte gleichwohl „militärische Zurückhaltung in der Nähe aller nuklearen Anlagen“ an.
Die iranische Antwort ließ nicht auf sich warten – und richtete sich, wie schon in den Tagen zuvor, gegen die Golf-Nachbarn, auf deren Boden US-Truppen stationiert sind:
Kuwait meldete, dass zum zweiten Mal binnen zwei Tagen eine Entsalzungs- und Kraftwerksanlage getroffen wurde – nach Regierungsangaben ein direkter Schlag gegen zivile Infrastruktur, der Brände auslöste. Kuwaits Luftabwehr fing nach eigenen Angaben Raketen und Drohnen ab; die Bevölkerung wurde zum Stromsparen aufgerufen. Iran hatte zuvor erklärt, mit Kamikaze-Drohnen ein Munitionsdepot in Camp Udairi sowie ein Patriot-Radar auf der Ali-Al-Salem-Luftwaffenbasis attackiert zu haben.
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Bahrain, Sitz eines großen US-Marinestützpunkts, ließ Sirenen heulen und rief die Bevölkerung in Schutzräume. Die US-Botschaft in Manama warnte früh am Montag, Iran könne „nicht näher spezifizierte Ziele im Zentrum Manamas“ ins Visier nehmen.
Jordanien schoss nach Militärangaben drei von vier iranischen Raketen ab; die vierte ging in einem abgelegenen Gebiet nieder. Zuvor hatte Jordanien den Flughafen und Seehafen der Küstenstadt Akaba nach einer „konkreten und glaubwürdigen Bedrohung“ evakuiert.
Von der New York Times verifizierte Videos zeigten eine Rauchsäule über dem King-Hussein-Flughafen. Bemerkenswert: Israels Armee feuerte erstmals seit Wochen wieder Abfangraketen – nicht gegen einen Angriff auf sich selbst, sondern um Trümmer der auf Aqaba gerichteten Geschosse über israelischem Gebiet abzufangen.
Der Preis in Menschenleben
Die militärische Zuspitzung hat für die USA einen bitteren Preis. Das Pentagon bestätigte einen dritten Toten binnen weniger Tage: Ein Soldat kam am Samstag im Nordirak ums Leben – nicht durch einen direkten Angriff, sondern als er bei der kontrollierten Sprengung einer abgeschossenen iranischen Drohne von Trümmern getroffen wurde.
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Zuvor waren am Freitag bei einem iranischen Raketenangriff auf eine Basis in Jordanien zwei Soldaten getötet worden; ein dritter galt als vermisst. Nach US-Angaben wurden am Ort „nicht identifizierte Überreste“ gefunden, bei denen es sich mutmaßlich um den Vermissten handelt – die endgültige Identifizierung stand noch aus.
Damit steigt die Zahl der seit Kriegsbeginn am 28. Februar getöteten US-Soldaten auf 17, mehr als 420 wurden verwundet. Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte, das Opfer „stärkt nur unsere Entschlossenheit“. Iran wiederum meldete, dass allein in den vergangenen drei Wochen 50 Menschen bei US-Angriffen getötet und über 500 verwundet worden seien. Insgesamt sind in diesem Krieg – vor allem im Iran und im Libanon – nach übereinstimmenden Berichten Tausende ums Leben gekommen.
Was die Nacht strategisch bedeutet
Für die USA verdichtet sich ein Dilemma. Präsident Trump, der den Krieg im Februar gemeinsam mit Israel begann, verlegt nun Dutzende zusätzlicher Kampfjets – F-16 aus Deutschland, F-35 aus Großbritannien – sowie Tankflugzeuge in die Region. Nach Angaben von US- und israelischen Beamten war diese Verstärkung bereits vor den jüngsten Todesfällen beschlossen worden. Das signalisiert: Washington bereitet eine mögliche Ausweitung der Operationen vor.
Zugleich fehlt eine klare Linie. Aufschlussreich ist, was diesmal nicht auf der Zielliste stand: Iranische Kraftwerke und zivile Infrastruktur, deren Angriff Trump zuvor angedroht hatte, blieben laut Centcom diesmal aus – offenbar unter dem Druck der Golf-Verbündeten, die bei jedem US-Schlag gegen iranische Zivilanlagen mit iranischer Vergeltung auf ihrem Boden rechnen müssen. Innenpolitisch ist der Krieg für Trump zur Last geworden: Seine Zustimmungswerte liegen unter 40 Prozent.
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Für den Iran ist dies, in den Worten des Analysten Muhammad Salim vom Doha Institute, ein „existenzieller Krieg“ – während er für die USA ein „Krieg der Wahl“ sei. Teheran fährt eine Doppelstrategie: militärische Vergeltung nach dem Prinzip der Proportionalität – man trifft in den Golfstaaten ähnliche Anlagen, wie sie im Iran getroffen wurden – kombiniert mit dem Druckmittel Hormus.
Das Kalkül laut Analyst Muhanad Seloom: Höhere Ölpreise sollen Trump innenpolitisch unter Zugzwang setzen und zu Zugeständnissen am Verhandlungstisch zwingen. Auffällig ist die Zurückhaltung an einer Front: Direkt beschossen hat Iran Israel seit dem gescheiterten Waffenstillstand nicht mehr – ein solcher Schritt würde wohl die Rückkehr zum offenen Krieg mit Israel einläuten.
Für Israel ist die Lage prekär. Noch hält sich das Land aus den jüngsten US-iranischen Schlagabtauschen heraus. Doch der Krieg kriecht näher: Erstmals seit Wochen musste die israelische Armee wieder Abfangraketen starten. Premier Netanjahu, der im Oktober vor hart umkämpften Wahlen steht, hat mehrere Kriegsziele – die Ausschaltung des iranischen Atomprogramms, ein Sturz des Regimes – nicht erreicht und warnte Teheran vor jeder Attacke mit „viel mächtigerer“ Vergeltung.
Die regionale Ausweitung: Jordanien im Fadenkreuz
Die zweite neue Stufe dieser Nacht ist geografischer Natur. Während Iran in der ersten Kriegsphase vor allem Israel und die Golfstaaten anvisierte, rückt nun Jordanien ins Zentrum – gleich viermal in der vergangenen Woche wurden dort US-Kräfte angegriffen. Der Grund liegt in Jordaniens gewachsener strategischer Rolle: Das Pentagon verlagerte Truppen aus Bahrain, den Emiraten und Katar in die als sicherer geltenden Basen in Jordanien und Israel. Fast 4.000 US-Soldaten sind dort stationiert.
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Anders als die reichen Golfstaaten, die – so der Iran-Analyst Omid Memarian – nach den iranischen Vergeltungsschlägen nun „noch zögerlicher“ seien, US-Angriffe von ihrem Boden zuzulassen, ist das von US-Hilfen abhängige Jordanien kaum in der Lage, Washington etwas abzuschlagen.
Auch die iranisch verbündeten Milizen sind ein Risikofaktor: Die „Islamic Resistance in Iraq“ bestritt zwar jüngste Angriffe, drohte aber unmissverständlich, US-Interessen und -Basen im gesamten Irak und der Region „mit voller Kraft“ anzugreifen, sollte Washington seine Angriffe ausweiten.
Parallel laufen fieberhafte Vermittlungsversuche: Katar telefonierte mit Saudi-Arabien, Jordanien und Oman; der irakische Premier wird am Donnerstag in Teheran erwartet; die Türkei koordiniert sich mit Katar. Doch die Aussichten sind mau. „Raketen können diesen Konflikt nicht lösen“, warnt Salim – und angesichts der schroffen Rhetorik beider Seiten stehen die Vermittler nach Einschätzung von Beobachtern vor einer „Sisyphusaufgabe“.
Die Weltwirtschaft: Hormus als Hebel
Im Kern dreht sich dieser Krieg inzwischen weniger um das Atomprogramm als um die Straße von Hormus – jene Meerenge, durch die in Friedenszeiten rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls und Gases fließt. Die Folgen sind an den Märkten unmittelbar spürbar.
Beide Seiten greifen inzwischen die Schifffahrt direkt an. Die USA setzen eine Seeblockade iranischer Häfen durch: Seit deren Wiedereinführung am Dienstag wurden nach US-Angaben sechs Handelsschiffe umgeleitet und eines lahmgelegt (während der ersten Blockadephase von April bis Juni waren es über 140 umgeleitete und neun außer Gefecht gesetzte Schiffe).
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Iran wiederum meldete, vier Schiffe hätten versucht, die Meerenge auf einer „unsicheren Route“ mit US-Rückendeckung zu passieren; zwei hätten aufgegeben, zwei seien in einen „Unfall“ verwickelt worden – eine bewusst vage, drohende Formulierung. Vor der Küste Omans brannte früh am Montag ein Schiff; die Ursache war zunächst unbestätigt.
Bemerkenswert ist ein wirtschaftlicher Faktor, der Teheran Luft verschafft: Während der kurzen Feuerpause im Juni schleuste Iran nach Schätzungen von Analysten 45 bis 50 Millionen Barrel Öl aus dem Land – ein Milliardenpolster für die kommenden Wochen.
Und Experten warnen, dass die andauernden iranischen Angriffe auf die Golf-Nachbarn langfristig nach hinten losgehen könnten: Mehrere Staaten investieren bereits in Alternativrouten, die Hormus umgehen. „Teheran läuft echte Gefahr, den Bogen zu überspannen“, so Georgetown-Professor Mehran Kamrava.
Was die kommenden Tage bringen könnten
Die Nacht zum Montag hat gezeigt, in welche Richtung sich dieser Krieg bewegt: mehr Feuerkraft, mehr Fronten, mehr wirtschaftlicher Schaden. Die Verlegung Dutzender US-Kampfjets deutet auf eine mögliche weitere Eskalation hin. Trump hatte angekündigt, in der kommenden Woche verstärkt zuschlagen und iranische Infrastruktur – Brücken, Kraftwerke, Stromnetze – ins Visier nehmen zu wollen. Sollte er das tun, ist die iranische Vergeltung gegen die Golfstaaten programmiert.
Gleichzeitig lassen beide Seiten – so die vorsichtig optimistische Lesart des früheren US-Botschafters Henry Ensher – noch „eskalatorischen Spielraum“: Sie hielten sich zurück, ließen von „Schlimmeren“ ab. Ob daraus ein Ausweg wird, hängt an einer Frage, die derzeit niemand beantworten kann: ob Washington und Teheran den Punkt erreicht haben, an dem sie ihren „Punkt gemacht“ haben – oder ob die nächste Nacht die Leiter nur eine weitere Sprosse höher führt.
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