Vandalismus? Trump jagte einen Unschuldigen – jetzt flog sein Machtmissbrauch auf
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Am Ende blieb von der großen Sabotagegeschichte nur ein Mann übrig, der sich am Rand des „Reflecting Pool“ hinunterbeugte und eine bereits lose Beschichtung berührte. David „Davey“ Hearn, 67 Jahre alt, dreimaliger US-Olympionike, sollte dafür im schlimmsten Fall zehn Jahre ins Gefängnis. Jetzt hat die Bundesstaatsanwaltschaft in Washington die Anklage kleinlaut zurückgezogen. Nicht aus Milde, sondern weil die Geschichte, die Donald Trump, seine persönlich installierte Oberstaatsanwältin Jeanine Pirro, eine ehemalige Fox-News-Krawallnudel, und der Sicherheitsapparat verbreitet hatten, die Berührung mit den Fakten nicht überstanden hat.

Der angebliche Vandale war keiner. Die Schäden am frisch sanierten Spiegelbecken vor dem Lincoln Memorial gingen nach Unterlagen des Innenministeriums vielmehr auf eine „mangelhafte Installation“ durch die Firma Atlantic Industrial Coatings zurück – und auf die Hast, mit der vor allem der Präsident das Prestigeprojekt vor dem Nationalfeiertag am 4. Juli durchdrücken wollte.
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Trump jagte beim Reflecting Pool einen Unschuldigen: Jetzt flog sein Machtmissbrauch auf
Noch Anfang Juli hatte Pirro vor TV-Kameras von „erheblichen Beweisen“ gesprochen und „ungehinderten Vandalismus und zivile Unruhen“ beklagt. Hearn habe allein Schäden von über 1000 Dollar verursacht, sagte die umstrittene Juristin. Trump erzählte parallel von üblen Tätern, die nachts mit Messern auf über hundert Meter Länge die blaue Beschichtung zerschnitten und Dünger ins Wasser gekippt hätten, um Algen zu züchten. Belege legte seine Regierung nie vor.

Jeanine Pirro, Chefanklägerin in Washington, wagte sich vor einigen Wochen weit vor, als sie den Olympioniken David Hearn in die Ecke eines Schwerbrechers rückte. Jetzt zog die frühere TV-Krawallfrau kleinlaut zurück.© AFP | Jeenah Moon
Hearn wurde am 19. Juni während einer Fahrradtour festgenommen. Er sagte, er habe sich aus Neugier über das Becken gebeugt und ein Stück der bereits abblätternden Beschichtung berührt. Als ein Parkmitarbeiter ihn aufforderte, loszulassen, habe er sofort gehorcht. Trotzdem machten Nationalgarde und Parkpolizei aus ihm einen Verdächtigen. Fünf Stunden wurde er festgehalten. Später erhob Pirros Behörde als einzige in diesem Komplex eine Verbrechensanklage gegen ihn.
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Posse um Reflecting Pool: Schon damals passten die Tatsachen nicht zur Anklage
Schon damals passten die Tatsachen nicht zur Anklage. Interne Unterlagen zeigten, dass sich die Beschichtung Tage vor Hearns Festnahme gelöst hatte. Ein Mitarbeiter des National Park Service sagte aus, das Becken habe bereits erhebliche Schäden aufgewiesen, jede Woche mehr als eine Million Gallonen Wasser verloren und ohnehin repariert werden müssen. Einen konkreten Schaden durch Hearn vermochte er nicht zu beziffern.
Nun formuliert Pirros Behörde selbst das vernichtende Fazit. Angesichts der neuen Informationen sei es schwierig, die weitreichenden Schäden überhaupt auf Vandalismus zurückzuführen, „geschweige denn, dies zweifelsfrei nachzuweisen“. Die Ankläger bestätigen damit, dass die zentrale Erzählung des Präsidenten auf einem Pfuschfundament stand.

Immer noch wasserlos: Der „Reflecting Pool“ ist nach verkorkster erster Sanierungsphase nun in der zweiten.© AFP | Kent Nishimura
Regierung fand eine bequeme Sündenbock-Erklärung
Die erste Sanierung, deren Kosten mehr als 16,4 Millionen Dollar betrugen, war ohne die üblichen Ausschreibungsverfahren beschleunigt worden. Trump wollte das Becken zum Nationalfeiertag in jenem Ton erstrahlen lassen, den er „amerikanisches Flaggenblau“ nannte. Dann löste sich die Farbe, das Wasser wurde grün, Algen breiteten sich aus. Statt Eile, Vergabepraxis und Auftragnehmer zu prüfen, fand die Regierung eine bequemere Sündenbock-Erklärung: Vandalen.

Zum 4. Juli sollte der „Reflecting Pool“ wieder im alten Glanz erstrahlen. Daraus wurde nichts. Erst herrschte Algenbewuchs, dann blätterte der neue Bodenbelag ab.© Anna Ringle-Brändli/dpa | Anna Ringle-Brändli
Hearn wurde zum Gesicht dieser Legende. Ein Bürger gegen die Bildmaschine des Staates: Präsident, Staatsanwaltschaft, Polizei, Nationalgarde. Die Botschaft war klar. Wer Trumps Verschönerungsprojekt berührt, muss mit der Härte des Apparats rechnen. Dass ein dreifacher Olympiateilnehmer zum Staatsfeind am Planschbecken erklärt wurde, verlieh dem Vorgang jene absurde Note, die Machtmissbrauch nicht harmloser, sondern bedrohlicher macht.
Hearns Anwälte sprachen von der Methode „erst schießen, dann zielen“. Das Verfahren hätte niemals eingeleitet werden dürfen, erklärten Norm Eisen, Mary Dohrmann und Steve Levin. Die Einstellung mache den Missbrauch staatlicher Macht nicht ungeschehen. Die Regierung schulde ihrem Mandanten eine Entschuldigung.

Das gehörte zu den bizarrsten Details der Skandal-Geschichte um den Reflecting Pool: Angehörige der Nationalgarde patrouillierten Ende Juni auf der National Mall, nachdem Präsident Trump behauptet hatte, Vandalismus sei die Ursache für die dort aufgetretenen Schäden.© Getty Images via AFP | WIN MCNAMEE
Demütigung bleibt beim Beschuldigten, Verantwortung verflüchtigt sich im Apparat
Sie wird wohl ausbleiben. Das Weiße Haus schwieg zunächst. Auch Pirro dürfte weder zurücktreten noch entlassen werden. In einer gewöhnlichen Regierung müsste eine Oberstaatsanwältin erklären, wie aus dünnen Indizien eine Anklage mit zehnjähriger Strafandrohung werden konnte und weshalb sie öffentlich Gewissheit verkündete, als ihre Behörde nicht mal einen seriösen Verdacht besaß.
Doch dies ist keine gewöhnliche Regierung. Trumps Washington arbeitet oft nach dem Prinzip, dass eine Behauptung nicht wahr sein muss, solange sie politisch nützlich ist. Erst wird ein Schuldiger präsentiert, dann werden Beweise gesucht. Erst wird Härte demonstriert, später leise korrigiert. Die Demütigung bleibt beim Beschuldigten, die Verantwortung verflüchtigt sich im Apparat.

Grün war im Juni nicht die Hoffnung, sondern der von Algen zugewucherte „Reflecting Pool“. Ausfluß mangelhafter Reparaturarbeiten.© AFP | KEN CEDENO
Der Fall Hearn weist deshalb weit über ein verpfuschtes Wasserbecken hinaus. Er zeigt, wie schnell der Rechtsstaat zur Kulisse werden kann, wenn Staatsanwälte die toxische Dramaturgie des Präsidenten übernehmen. Und er erinnert daran, warum Gerichte, Verteidiger und Öffentlichkeit gebraucht werden: für den Moment, in dem der Staat gezwungen wird, einen Mann in Ruhe zu lassen, gegen den er keinen Fall in der Hand hat.
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Am Reflecting Pool hat sich nicht nur eine blaue Beschichtung gelöst. Abgeblättert ist auch eine staatliche Legende. Darunter kam kein Vandalismus zum Vorschein, sondern Pfusch, Hast und die Skrupellosigkeit, einen Bürger dafür bezahlen zu lassen. Für David Hearn endet der Albtraum. Für Trump und Pirro bleibt eine Blamage, die sich niemals einfach überstreichen lassen wird.