Verein „Leben ohne Sucht" eröffnet neue Begegnungsstätte in Sachsenhausen

Stand: 09.08.2026, 18:21 Uhr

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Das Ehepaar Sylvia und Andreas Heymann, die sich miteinander aus dem Sumpf der Sucht befreiten.

Das Ehepaar Sylvia und Andreas Heymann, die sich miteinander aus dem Sumpf der Sucht befreiten. © Stefan Mangold

Der Selbsthilfeverein hat am Samstag im Teplitz-Pavillon Räume eröffnet, die zweimal pro Woche offenstehen. Dort können Betroffene vorbeikommen, ohne sich „durch eine halbe Kiste Bier am Tag für einen Kaffee qualifizieren" zu müssen.

Sachsenhausen – Sucht lässt sich mit Gefängnis vergleichen. Nur wissen Häftlinge meist, wann sie rauskommen. Süchtige müssen selbst zusehen, ob und wann sie sich aus der eigenen Zelle befreien. Am Samstag eröffnete der Selbsthilfeverein „Leben ohne Sucht“ (LOS) im Teplitz-Pavillon an der Teplitz-Schönauer-Straße eine neue Begegnungsstätte, die zweimal pro Woche offensteht. Am Rande erzählten trockene Alkoholiker, was sie motivierte, Bier, Wein und Wermut hinter sich zu lassen.

Bei der Begrüßung erzählt Andreas Heymann, der Landesvorsitzende von LOS, in der Begegnungsstätte sei jeder willkommen, nicht nur Süchtige und Angehörige. „Man muss sich nicht durch eine halbe Kiste Bier am Tag für einen Kaffee qualifizieren.“

Vergangene Woche habe ihn ein junger Mann angerufen, der erzählte, er konsumiere Drogen, habe aber nicht das Gefühl, abhängig zu sein. Er wolle dennoch mit jemandem darüber reden. „Es ist leichter, in eine Begegnungsstätte zu gehen, als direkt in eine Selbsthilfegruppe“, nennt Heymann eine Intention, die Begegnungsstätte in dem Raum zu installieren, in dem LOS donnerstags ab 19 Uhr zum Treffen der Selbsthilfegruppe einlädt.

Am Rande berichtet Heymann, er selbst habe täglich einen Liter Wermut getrunken. Seiner Frau schmeckte Bier. Irgendwann habe er es nicht mehr ertragen, wenn sie nach Feierabend erzählte, wie übel der Chef ihr mitgespielt habe. Die Steilvorlage für sie, um die erste Flasche Bier zu öffnen.

Kein Grillabend ohne Bier und Wermut

„Manchmal folgten neun weitere“, erinnert sich Sylvia Heymann. Die 65-Jährige berichtet, sie und ihr Mann hätten 1981 geheiratet, beide waren zwanzig Jahre alt. Das Trinken entwickelte sich peu à peu. In der Jugend habe sie hin und wieder mal ein Bier getrunken. Später kamen die Grillabende mit Freunden hinzu. Kein Grillabend ohne Bier und Wermut. Irgendwann öffneten sich Schraubverschluss und Kronkork wie von selbst, wenn Andreas von seiner Arbeit als Dreher, Sylvia aus der Klinik, nach Hause kamen.

Andreas Heymann erinnert sich, wie das Familienleben litt, wie es der Sohn vermieden habe, die Freundin heimzubringen, das Risiko meidend, die Mutter könnte besoffen auf dem Sofa liegen. Die Tochter habe das besser verkraftet, „aber unser Sohn wurde zum Einzelgänger“. Am 8. Februar 2003 habe er zu seiner Frau gesagt: „Entweder wir hören mit dem Saufen auf, oder ich lasse mich scheiden.“ Sylvia Heymann erzählt, sie habe tatsächlich gefragt: „Meinst Du das wirklich?“, um den Ernst der Lage zu erkennen. „Ich bin ein Familienmensch, für mich kam Scheidung nicht infrage.“ Einer Entgiftung mussten sich beide nicht unterziehen. Auch keiner Langzeittherapie, „aber wir besuchten eine Selbsthilfegruppe“. Drei Jahre verabschiedete sich das einander zugewandte Paar aus diesem Umfeld: „Wir hatten keine Kraft, uns die Probleme anderer anzuhören.“

Der Germanist Markus Voss (Name geändert) spricht von „Kunstpausen“, die er immer mal wieder einlegte, auch mal über eine ganze Arbeitswoche, um sich freitagabends zu sagen: „Na also, es geht doch.“ Was der 63-Jährige erzählt, wirkt wie das Bild eines Menschen, der stehenbleiben will, aber gegen die Kraft nicht ankommt, die ihn weiterzieht. Weißwein sei sein Thema gewesen, gerne Grauburgunder, „als Schorle, das erfrischte“. Während seiner Arbeit im Marketing habe er nicht getrunken, „im Homeoffice während Corona schon“. Anstrengend sei das gewesen.

Zur Hausärztin sei er im Dezember 2022 gegangen. „Ich spürte, wie sich meine Kinder von mir entfernen.“ Es folgten zwei Wochen Entgiftung und acht Wochen stationäre Therapie in Bad Neuenahr. Vor Kurzem stellte Voss dort „Leben ohne Sucht e.V.“ vor. „Da traf ich auf einen, mit dem ich vor drei Jahren dort war.“

Die Begegnungsstätte im Teplitz-Pavillon an der Teplitz-Schönauer-Straße 1a steht dienstags und donnerstags von 15 bis 19 Uhr offen.