„Gab ein etwa einjähriges Zeitfenster“: Wie Magyar Viktor Orbán schlagen konnte – trotz russischer Hilfe
Viktor Orbáns Sturz im Zeitraffer: Wie Magyar sein Zeitfenster nutzte – und wie nah Russland war
Stand: 18.07.2026, 22:17 Uhr
Lange schien Viktor Orbáns Macht unantastbar. Es kam anders – trotz Hilfe aus Russland. Ein neues Buch zeichnet die außergewöhnlichen Umstände minutiös nach.
Viktor heißt „Sieger“. Und fast schien es, als würde Viktor Orbán mit dem Siegen einfach nicht mehr aufhören – jedenfalls bei Ungarns Parlamentswahlen. Insgesamt 24 Jahre im Ministerpräsidentenamt hätte Orbán so gut wie sicher gehabt, hätte er im April mit seiner Fidesz eine weitere Mehrheit eingefahren. Doch es passierte, was entnervte EU-Politiker und die Opposition in Ungarn nicht mehr zu hoffen wagten. Fidesz verlor. Gegen eine einst obskure Kleinpartei und einen Mann aus eigenen Reihen, dessen Name bis zum 10. Februar 2024 bestenfalls Insidern ein Begriff war: Péter Magyar. Die teils unwahrscheinliche Entwicklung zeichnet Gergő Papp nach – fast wie in einem Tagebuch.

Der Politikberater hat schon seit Jahren im Dienste der ungarischen Opposition gegen Orbáns Regentschaft angekämpft, wie er unserer Redaktion sagt, zuletzt für die liberale Momentum-Partei. Zu Magyars Team gehörte er nicht. Seine Wahlkampf-Beobachtungen hat Papp im neuen Buch „Der Sturz Orbáns“ (Wahrheitsperlen-Verlag, 24 €) aufgeschrieben. „Es gab ein etwa einjähriges Zeitfenster, in dem etwas Neues auftauchen konnte“, meint er. Mehrere Faktoren seien zusammengetroffen: Ausbleibende EU-Gelder, Inflation und Wirtschaftsprobleme einerseits. Frust mit der zuletzt 2022 geschlossen gescheiterten Opposition andererseits. Schließlich eine Art Epstein-Moment. Und Magyar – der eben nicht der Opposition angehörte, sondern als Rebell aus Fidesz-Reihen auf die Bühne trat.
Orbáns Ukraine-Strategie floppte – Magyar macht es (fast) wie Trump
Am 2. Februar 2024 berichtete das unabhängige Online-Portal 444.hu, Ungarns Präsidentin habe den Komplizen eines Kinderschänders begnadigt, wie Papp notiert. „Eine politische Seite wird in der Regel dann wirklich stark, wenn es zu einem dominierenden Thema im öffentlichen Diskurs nur eine akzeptable Position gibt und sie diese besetzt hat“, schreibt er. Das gelang Magyar bei diesem Skandal. Der Ex-Mann von Orbáns Justizministerin Judit Varga und damalige Geschäftsführer des ungarischen Studentenkreditzentrums sagte sich am 10. Februar in einem Facebook-Post vom „System“ los.
„Es war wichtig, dass es kein linker, liberaler Politiker war – das wäre auch denkbar gewesen –, sondern jemand, der aus dem System kam“, sagt Papp. „Magyar konnte sagen, ‚ich bin eine bessere Version von Fidesz, ohne Korruption und diese moralischen Probleme.‘“ Denn Ungarns Sozialdemokraten seien nach der skandal- und korruptionsumwitterten Amtszeit von Orbáns letztem Vorgänger, Ferenc Gyurcsány, immer noch verbrannt, meint Papp. Selbst Orbáns korruptionsumwitterte Regierung sei vielen als geringeres Übel erschienen. Nach den verlorenen Wahlen habe gar die gesamte etablierte Opposition wie „Verlierer“ gewirkt. Mit irgendjemandem aus diesen Reihen zu kooperieren, hätte Magyar geschadet, lautet seine These. Das aber vermied der erfolgreich.
Die Partei Tisza, eine Karteleiche, übernahm Magyar später von ihren Gründern, um bürokratische Fußangeln zu vermeiden. Den Weg zum Erfolg ebneten vor allem Social-Media-Postings und von Magyar ausgerufene, dem Klang nach überparteiliche Protestdemos gegen den Pädophilie-Skandal, wie Papp schreibt. Andere Elemente der Magyar-Kampagne bis zum Wahltag wirken von Ferne bekannt: Kommunikation vorrangig über eigene Kanäle (wie etwa Donald Trump oder die FPÖ in Österreich) oder nur lose mit Tisza verknüpfte „Inseln“ von Unterstützern. Niedrigschwellige Vereinigungen etwas anderer Art nutzen beispielsweise Rechtsextreme in den USA oder Schweden. Tisza selbst hat, wie das BSW in Deutschland, nur eine zweistellige Zahl an Parteimitgliedern.
Hat Magyar just aus solchen Quellen abgekupfert? Papp verneint das. „Das war nicht forciert. Er arbeitet so, das macht ihm Spaß“, sagt der Politikberater über Magyars Online-Aktivitäten. Magyar denke nicht allzu viel über seine Sätze nach. Aber dieses Auftreten werde offenbar als menschlich und authentisch wahrgenommen. „Er hat riesige Fehler gemacht, die andere Politiker die Karriere gekostet hätten“, urteilt Papp. Tatsächlich schien im Wahlkampf nahezu alles an Magyar abzuperlen. Von Handgreiflichkeiten gegen mutmaßliche Provokateure im Club, bis zu Tonaufnahmen von scheinbar abfälligen Äußerungen über die eigenen Anhänger. Magyar blieb vor allem Hoffnungsträger.
Zudem half, dass Orbáns Strategien nicht mehr fruchteten. Als Feindbild sollte nach George Soros und der EU diesmal die Ukraine dienen. Die Erzählung, dass das Nachbarland in seinem Abwehrkampf eine ernste Gefahr für Ungarn sei, habe aber kaum noch jemand für voll nehmen können, schreibt Papp. Das Buch wirft auch Licht auf eine in Deutschland wenig bekannte Episode. Orbáns angeblich so pazifistische Regierung wollte eine Spezialtruppe in den Tschad entsenden. Wie im Wahlkampf berichtet wurde, weil Sohn Gáspár Orbán eine entsprechende göttliche Eingabe hatte. Papps Buch ist auch eine Chronologie eines Niedergangs.
Magyars Wandel – und sein Sieg in letzter Sekunde: Sorge vor Ungarn als Putins Satellitenstaat
Bei der Lektüre fällt aber auf: Magyar hat sich über die gut zwei Jahre gewandelt. Zunächst war er fast zahm gegenüber Viktor Orbán, auch Berichte über eine Russland-Nähe gab es. Zuletzt wetterte Magyar dann leidenschaftlich gegen Orbán – und bei Kundgebungen erschallte laut Papp der Ruf „Russen, nach Hause!“. Ist der Wandel echt oder PR-Instinkt? Papp beschreibt den Prozess im Buch. Er hält ihn für glaubwürdig. Magyar habe selbst die verleumderische Kraft der Orbán-Medien gespürt. Er habe Butscha besucht. Und er habe auf seinen Reisen durch Ungarn Hunderttausende Menschen getroffen. „Die Menschen in seinem Wahlkampfteam erzählen, dass ihn das stark beeinflusst hat.“
Lehren für den Kampf gegen autoritäre Kräfte seien aber nicht so leicht zu ziehen, meint der Politikberater „Wie ich auch schreibe: Wir sollten Wahlkampf nicht als eine Art ‚Magie‘ betrachten, in der man die Menschen mit ausgefeilten Techniken von Wahrheiten überzeugen muss“, sagt Papp. Die Wahl entschieden habe letztlich der Zustand Ungarns nach 16 Jahren Orbán. „So viel Propaganda kann man gar nicht machen, um die Leute ignorieren zu lassen, in welch fürchterlicher Verfassung Gesundheit, Bildung und Wirtschaft waren.“ Eine Hebel sei es, authentisch aufzutreten: „Das muss nicht dieses Trump-artige Ding sein. Denken Sie an den kanadischen Premier Mark Carney. Der ist ein Zentralbanker, ein irgendwie langweiliger Typ – aber auf eine positive Weise.“
Für Ungarn kam der Wechsel womöglich auch außenpolitisch in letzter Sekunde. In den Monaten vor dem Wahltag zeigten Leaks und Orbáns Verhalten in der EU, wie groß Russlands Einfluss auf Ungarn war. Offenbar mischte sogar Putins Mann für Auslandsbeeinflussung, Sergej Kirijenko, direkt mit. „In den Köpfen der Wähler gab es die reale Sorge, dass Ungarn die EU in der nächsten Legislatur verlässt“, sagt Papp; sogar die Sorge, dass es eine Art Kreml-Satellit werden könnte. Dabei war Orbán einst als NATO-Verfechter angetreten. Bis heute sei nicht öffentlich bekannt, warum er auf Putin-Kurs umschwenkte. „Es gibt das Gerücht, dass Putin etwas gegen Orbán in der Hand hatte“, sagt der Politikberater. „Und das würde durchaus Sinn ergeben, denn für Ungarn sprang nichts dabei heraus – und auch für Fidesz war es keine gute Taktik.“ In Ungarn ist die Erinnerung an Jahrzehnte in der Gewalt der Sowjetunion präsent.
In Umfragen ist Tisza nach dem Wahlsieg sogar noch einmal gestiegen: Die Partei nähert sich der 70-Prozent-Marke an. Und nach wie vor liegen nur drei Parteien über 5 Prozent – Tisza, Fidesz und die rechtsextreme Mi Hazank. Das werde allerdings nicht das letzte Wort sein, meint Papp. Das links-liberale Wählerpotenzial in Ungarn liege bei 30 bis 40 Prozent, meint er. Zuletzt habe es um des Wechsels willen für Magyar gestimmt. Und es sei über das Ergebnis bis hierhin nicht unzufrieden; der politische Kampf gegen Orbáns Erbe laufe und sei die große Priorität für Magyar. „Aber ich bin mir sicher, dass eine links-liberale Partei sehr bald auftauchen und ins nächste Parlament einziehen wird“, sagt Papp. Ein Comeback Orbàns hält er hingegen für höchst unwahrscheinlich. (Quellen: „Der Sturz Orbáns“, Gergő Papp, eigene Recherchen)