Niemand konnte Grau und Weiss so viele Schattierungen abgewinnen wie Vilhelm Hammershoi

Vilhelm Hammershoi bannte in Farbe, wonach wir uns heute sehnen: tiefe Ruhe

Niemand konnte Grau und Weiss so viele Farbschattierungen abgewinnen wie Vilhelm Hammershoi. Das einzigartige Werk des Dänen ist nun im Kunsthaus Zürich zu sehen.

Gerhard Mack30.08.2026, 05.30 Uhr

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Kennen Sie das Gefühl? Sie sind nicht traurig und nicht glücklich. Sie spüren eine leichte Unruhe, aber Sie wissen nicht, wohin Sie damit sollen? Und wirklich unangenehm ist sie auch nicht. Vielleicht braut sich etwas zusammen, aber es ist noch weit weg und stört Sie nicht wirklich. Im Moment herrscht noch Windstille, da brauchen Sie nicht zu segeln und können sich einfach treiben lassen. Wenn Sie für diesen Zustand Bilder suchen, sind Sie bei der faszinierenden Retrospektive von Vilhelm Hammershoi im Kunsthaus Zürich richtig.

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Der dänische Maler, der 1916 mit nur 51 Jahren an Rachenkrebs starb, hat Porträts, Landschaften, Stadtansichten, vor allem aber Interieurs geschaffen, die auf den ersten Blick so ereignislos zu sein scheinen, als halte die Zeit den Atem an und wollte damit gar nicht mehr aufhören.

Grau und Weiss waren seine Lieblingsfarben, denen er alle möglichen Farbschattierungen abgewinnen konnte. Reduktion war seine Methode, Leere sein bevorzugter Zustand, zumindest was seine Interieurs anlangte. Da malte er vor allem Wände, Böden, Türen und Fenster der alten Wohnungen, in denen er in Kopenhagen lebte und die er auf seinen Bildern von allen Accessoires befreite. Und spielte Horizontalen und Diagonalen mit der Präzision eines Curlingspielers gegeneinander.

Vor allem aber sind sie menschenleer. Nur seine Frau Ida findet immer mal wieder auf die Leinwand, oft als Rückenfigur oder in häusliche Tätigkeiten wie Lesen, Nähen oder Klavierspielen versunken. Sie ist so vereinzelt und statisch, als wäre sie Teil der Ausstattung wie das Mobiliar. Dabei sollen die beiden eine glückliche Beziehung gehabt haben. Fotos zeigen Hammershois Wohnungen denn auch reduziert, aber keinesfalls spärlich eingerichtet, eher als Vorläufer des modernen skandinavischen Designs.

Bevor er einer der gefragtesten Maler seiner Zeit wurde, gefielen diese Gemälde nicht allen. Bereits sein erstes Bild verursachte einen Skandal. 1885 hatte er seine Schwester Anna in schwarzem Kleid vor eine weisse Tür gesetzt. Das fahle Licht hebt Gesicht und Hände hervor. Ihr Körper kippt fast nach vorne. Sie wirkt nicht unglücklich, der Blick geht versonnen ins Weite. Doch so porträtiert man keine Frau, schon gar nicht die eigene Schwester. Da fehlt die Farbe, die sprühende Lebendigkeit und das anekdotische Detail. Das Bild erzählt uns keine Geschichte, aber vielleicht ein Rätsel, dass wir selbst erfinden müssen.

Bei Vilhelm Hammershoi ist alles Entzug. Keine expressiven Gefühle und pastose Farben wie bei Van Gogh, keine Exotik wie bei Gauguin und keine Lebenslust der Grossstadt wie bei Manet und den Impressionisten, keine Bildzerlegungen wie im Kubismus. Er kannte das alles, das Paar ist viel gereist. Aber Hammershois Konzept war die Verneinung: Nicht das üppige bürgerliche Wohnzimmer, nicht das Private als Drama, nicht die realistische Natur. Nicht die Beschleunigung durch Technik, sondern Stille, Beruhigung. Das, was wir heute brauchen können, und was ihn bis hin zu Millionenpreisen so aktuell macht. Gerhard Mack

Vilhelm Hammershoi – Maler des stillen Klangs. Kunsthaus Zürich, bis 25.10. Bewertung ★★★★★

Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»

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