Von Bali bis Jakarta: Beamte sollen Ausländer um Millionen erpresst haben
"Offenes Geheimnis"
Ausländer wurden auf Bali offenbar systematisch erpresst
Aktualisiert am 31.07.2026 - 06:42 UhrLesedauer: 3 Min.
Tausende Ausländer leben auf Bali – und waren jahrelang einem korrupten System ausgeliefert. Ein Netzwerk von indonesischen Beamten soll mindestens 8,7 Millionen Euro erpresst haben. Wer nicht zahlte, dessen Visum wurde blockiert.
Ein Netzwerk von Beamten der indonesischen Einwanderungsbehörde soll über Jahre hinweg systematisch Ausländer erpresst haben – darunter wohl auch deutsche Auswanderer auf Bali. Ermittler der indonesischen Antikorruptionsbehörde (KPK) gehen davon aus, dass das Netzwerk systematisch Schmiergelder von Ausländern und ihren Visaagenturen einkassierte. Wer nicht zahlte, dessen Visum wurde verzögert oder sogar abgelehnt.
Das erpresste Geld wurde den Ermittlern zufolge wöchentlich intern an korrupte Beamte verteilt. Zwischen 2022 und 2026 kassierten die Beteiligten demnach mindestens 145,5 Milliarden Rupiah, umgerechnet rund 8,7 Millionen Euro.
Der Fall reicht bis in höchste Regierungskreise: Anfang Juni nahm die KPK den ehemaligen stellvertretenden Einwanderungsminister Silmy Karim fest. Er soll wöchentlich 100 Millionen Rupiah – etwa 6.000 Euro – aus dem Erpressungssystem erhalten haben.
"Offenes Geheimnis"
Die indonesische Insel Bali gilt nicht nur als Urlaubsparadies, sondern ist auch zunehmend das Ziel von Auswanderern. Zehntausende Ausländer mit langfristigen Aufenthaltsgenehmigungen leben dort, darunter digitale Nomaden, Rentner und Unternehmer aus Australien, Europa und den USA. Sie alle sind auf ein funktionierendes Einwanderungssystem angewiesen. Genau dieses System soll jahrelang systematisch missbraucht worden sein.
Das Korruptionsnetzwerk involvierte demnach vor allem private Visaagenten. Sie fungieren in Indonesien oft als Vermittler zwischen Ausländern und den Behörden. Nach Recherchen von t-online operieren auf Bali seit Jahren teils dubiose Visa-Berater parallel zu den offiziellen Einwanderungsdiensten. In dem von Bestechung geprägten System konnten sie offenbar ungestört Geschäfte machen. In einem Fall sind Dutzende Ausländer, darunter auch deutsche Auswanderer, mit teils falschen Aufenthaltsgenehmigungen in erhebliche Schwierigkeiten geraten. Doch die jüngsten Ermittlungsergebnisse deuten darauf hin, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist. Der Skandal offenbart grundsätzliche Probleme mit Transparenz und Aufsicht im indonesischen Einwanderungssystem.
Widoyoko Danang, Generalsekretär von Transparency International Indonesia, sagte im Gespräch mit t-online im vergangenen Jahr, dass vor allem das System der Arbeitsgenehmigungen für Ausländer bewusst kompliziert gestaltet worden sei. Zwar könnten Anträge mittlerweile auch online gestellt werden, in der Praxis müssten Antragsteller vor allem bei längerfristigen Aufenthalten aber meist persönlich zu den Behörden gehen. Dafür nutzten sie oft Visaagenturen. Genau dort entstehe Raum für Erpressung. Es sei ein "offenes Geheimnis", sagte Danang.
Schon 2025 hat die Presse über einen Korruptionsfall im indonesischen Arbeitsministerium berichtet. Damals gab es Ermittlungen gegen ein mutmaßlich korruptes Netzwerk innerhalb des Ministeriums, das über Jahre hinweg bei der Vergabe von Genehmigungen für ausländische Arbeitskräfte und Firmen illegale Zahlungen kassierte. Acht hochrangige Beamte wurden wegen einer Erpressungssumme von rund 135 Milliarden Rupiah angeklagt und zu langen Haftstrafen verurteilt.
Durch die Ermittlungen im Arbeitsministerium sei das KPK schließlich auf die mutmaßliche Korruption in der Einwanderungsbehörde gestoßen, berichten indonesische Medien. Am 17. Juni durchsuchten die Ermittler demnach sieben Stunden lang das Einwanderungsamt in Denpasar und beschlagnahmten Dokumente und Datenträger.
Ein System, das offenbar bis in höchste Ebenen reicht
Am 3. Juni hatte sich Silmy Karim, der ehemalige stellvertretende Einwanderungsminister, den Ermittlern gestellt. Bei einer Razzia zwei Tage später, am 5. Juni, in Karims Villa in Jakarta, wurden den Medienberichten zufolge etliche Luxusgegenstände beschlagnahmt. Darunter befanden sich demnach zwei Porsches, zehn Motorräder – unter anderem zwei Harley-Davidson und eine Ducati –, hochwertige Fahrräder, Schmuck und erhebliche Mengen Bargeld.
Insgesamt nahm die KPK Anfang Juni 17 Personen fest und benannte acht Verdächtige – alle davon hochrangige Einwanderungsbeamte. Neben Karim sind darunter der frühere kommissarische Generaldirektor für Einwanderung und mehrere Abteilungsleiter.
Der 51-jährige Karim hat eine beeindruckende Karriere hinter sich: Wirtschaftsstudium, Führungspositionen bei staatlichen Rüstungs- und Stahlkonzernen, schließlich wurde er 2023 zum Generaldirektor für Einwanderung ernannt. Präsident Prabowo Subianto beförderte ihn später zum stellvertretenden Minister. Am 1. Juni entließ Prabowo ihn aus dem Kabinett – zwei Tage bevor sich Karim den Ermittlern stellte.
"Click Fees" – das System hinter der Erpressung
Die Ermittlungen, die sich auf Aussagen von Zeugen stützen, sollen ein System sogenannter "Click Fees" aufgedeckt haben. Dabei geht es den Ermittlern zufolge um inoffizielle Zahlungen zwischen 100.000 und 2,5 Millionen Rupiah (6 bis 150 Euro) pro Dokument. Visaagenturen mussten das Geld mutmaßlich an Einwanderungsbeamte zahlen, damit Anträge überhaupt bearbeitet wurden.
"Wenn die Dienstleister am Schalter keine Zahlungen leisteten, wurden ihre Anträge auf KITAS, KITAP oder andere Einwanderungsgenehmigungen erschwert und nicht bearbeitet", erklärte KPK-Sprecher Budi Prasetyo indonesischen Medien. Ahmad Taufik Husein, amtierender Ermittlungsdirektor der KPK, fügte hinzu: "Es gibt Hinweise darauf, dass die in Einwanderungsbüros auf Bali erhobenen Abgaben anschließend an die Zentrale überwiesen wurden."
