Vom Beiseförther Klassenzimmer ins „Schachparadies“ Kasachstan: Uwe Brehms besonderer Einsatz
Stand: 24.09.2026, 18:12 Uhr
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Dr. Uwe Brehm trainierte kasachische Lehrkräfte in drei Regionen mit deutschen Schachmethoden. Sein Auftritt bei „Kysylorda TV" war dabei nur eine Überraschung.
Rotenburg/Beiseförth – Normalerweise unterrichtet er Schach an der Jakob-Grimm-Schule Rotenburg in Arbeitsgemeinschaften und Wahlpflichtkursen, trainiert Kinder im Schachclub Rotenburg und leitet deutschlandweit sogenannte Schulschachpatentlehrgänge für Lehrkräfte und Übungsleiter im Auftrag der Deutschen Schulschachstiftung. Doch jüngst zog es Dr. Uwe Brehm im Rahmen eines Einsatzes für den Senior Expert Service (SES) nach Kasachstan, ins „Schachparadies“, wie er selbst das zentralasiatische Land nach seinen dort gewonnenen Eindrücken nennt. Darüber sprach HNA-Mitarbeiterin Susanne Kanngieser mit dem 68-jährigen pensionierten Lehrer aus Beiseförth.

Herr Brehm, welche Ziele verfolgt der Senior Expert Service?
Der SES ist die größte deutsche Ehrenamtsorganisation für Fachkräfte im Ruhestand. Seit 1983 unterstützt der SES den Know-how-Transfer in der Entwicklungszusammenarbeit. Sein Motto lautet: „Zukunft durch Erfahrung“ und „Hilfe zur Selbsthilfe“. Vermittelt werden jährlich etwa 1000 Einsätze in über 100 Ländern. Zum Einsatz kommen die verschiedensten Berufe – wie Köche oder Ärzte, Maurer oder Architekten. Die Nachfrage nach einem Schachlehrer war jedoch neu. Sie kam aus Kasachstan.
Welche Rolle spielt Schach in Kasachstan?
Kasachstan zählt weltweit zu den führenden Schachnationen. Das gilt sowohl für den Spitzen- als auch für den Breitensport. In jeder Stadt gibt es zahlreiche private Schachschulen, in denen sehr, sehr viele Kinder und Jugendliche trainiert werden. Es gibt eine große Zahl haupt- und nebenberuflicher Schachlehrer.
Benötigt Kasachstan vor diesem Hintergrund überhaupt noch internationale Expertise?
Welch extrem hohen Stellenwert Schach in Kasachstan hat, war mir, als ich den Auftrag annahm, auch noch nicht bewusst. Und je mehr ich mich auf meinen Einsatz vorbereitete, umso mehr fragte ich mich vor meiner Abreise, ob ich nicht Eulen nach Athen tragen würde. Doch dann wurde mir mein Aufgabengebiet klar.
Worin bestand das?
Kasachstan hat vor wenigen Jahren Schach als Fach an den Grundschulen eingeführt – als Pflichtfach von der ersten bis zur vierten Klasse. Man geht davon aus, dass durch Schach die Konzentrationsfähigkeit und das problemlösende Denken der Kinder hervorragend gefördert werden können. Und wenn man Schach für alle unterrichten will, dann benötigt man Lehr- und Lernmethoden, die das äußerst komplexe Spiel anschaulich und spielerisch vom Einfachen zum Schweren aufbauen.
Und da kommen Sie ins Spiel?
Ja, genau. Die Anfänger-Methodik ist eines meiner Spezialgebiete in der Schachdidaktik. Wir haben bei der Deutschen Schulschachstiftung ein spielgemäßes Konzept entwickelt, das nicht nur aus klassischen Übungen besteht, sondern vor allem sogenannte „Mini-Games“ – wie das „Pferdeäpfelspiel“ – beinhaltet. Darin sind die Anforderungen reduziert, der Spielgedanke bleibt jedoch erhalten. Durch die Aneinanderreihung der „Mini-Games“ – verzahnt mit klassischen Übungen – erlangen die Kinder schließlich die Fähigkeit, das Zusammenspiel aller Figuren auf dem ganzen Brett zu beherrschen.
Und wem haben Sie dieses Konzept in Kasachstan vermittelt?
Ich habe in drei verschiedenen Regionen – Kysylorda im Süden, Atyrau im Westen und Astana in der Mitte – in je einwöchigen Lehrgängen jeweils 10 bis 20 kasachische Lehrkräfte und Übungsleiter unterrichtet. Darunter waren Ausbilderinnen, die ihrerseits Fortbildungslehrgänge für kasachische Grundschullehrerinnen durchführen. Dadurch konnten wir einen guten Multiplikatoreffekt erzielen.
Wird der Schachunterricht in Grundschulen in Kasachstan von Lehrkräften gegeben? Bei uns in Deutschland machen das doch meist externe Übungsleiter.
Das kasachische Bildungsministerium und der kasachische Schachverband gehen davon aus, dass es einfacher ist, Grundschullehrerinnen Schach beizubringen als Schachspielern Pädagogik.
In welcher Sprache haben Sie unterrichtet?
Ich habe auf Englisch unterrichtet. Das wurde dann von Dolmetschern auf Kasachisch, das dem Türkischen ähnlich ist, übersetzt.
Wie haben Sie die Mitarbeit der Teilnehmer empfunden?
Abgesehen davon, dass in Kasachstan Pünktlichkeit keine Tugend ist, woran ich mich erstmal gewöhnen musste, waren die Teilnehmer bei den Vorträgen sehr konzentriert und bei den Übungen und Spielen sehr aktiv. Das Miteinander war sehr offen und kommunikativ. Wir haben viele witzige Situationen erlebt.
Welches Feedback haben Sie bekommen?
Indirekte Rückmeldung bekommt man ja schon mal durch die Mitarbeit der Teilnehmer. In abschließenden Feedbackrunden haben sie den Unterrichtsstil sowie die Inhalte und Methoden der Workshops gewürdigt und erläutert, in welcher Form sie diese in Zukunft in ihrem eigenen Unterricht einsetzen werden.
Hat die Öffentlichkeit in Kasachstan auch Notiz von Ihren Aktivitäten genommen?
Ja, es gab zahlreiche Videoaufnahmen der Auftraggeber, die Ausschnitte aus den Workshops über ihre sozialen Medien verbreitet haben. Darüber hinaus hat „Kysylorda TV“ (vergleichbar mit dem Hessischen Rundfunk bei uns) ein längeres Live-Interview mit mir im Fernsehen über Methoden im Schachunterricht und die Auswirkungen von Schach auf die kognitive Entwicklung von Kindern geführt.
Wer war denn Ihr Auftraggeber?
Auftraggeber war der kasachische „Halyk Wohltätigkeitsfonds“, dessen Ziel unter anderem darin besteht, die kognitive Entwicklung von Kindern in ländlichen Regionen Kasachstans zu fördern. Deshalb kamen die meisten Teilnehmer aus ländlichen Gebieten. Halyk hat für mich Transport, Unterkunft und Verpflegung finanziert. Meine Lehrtätigkeit war – wie bei SES-Einsätzen üblich – ehrenamtlich.
Bestehen über die Lehrgänge hinaus noch Kontakte nach Kasachstan?
Ja, wir tauschen gelegentlich deutsches und kasachisches Unterrichtsmaterial aus. Darüber hinaus arbeite ich momentan gemeinsam mit einer kasachischen Grundschul- und Schachlehrerin an einem Arbeitsheft für Mini-Games im Schach. Das wird auf Deutsch, Englisch und Kasachisch erstellt.
Was hat Sie in Kasachstan neben der großen Bedeutung von Schach noch beeindruckt?
Das war vor allem die hohe Wertschätzung, die in der kasachischen Gesellschaft Kindern und Senioren entgegengebracht wird. Außerdem die interessante Mischung aus Tradition und Moderne, was sich auf der einen Seite in der Bewahrung bestimmter kultureller Praktiken und auf der anderen Seite in dem hohen Grad an Digitalisierung in allen Regionen und der futuristischen Architektur in der neuen Hauptstadt Astana widerspiegelt.
Dr. Uwe Brehm ist am 31. Januar 1958 in Kassel geboren. Der heute 67-Jährige absolvierte 1977 sein Abitur an der Geschwister-Scholl-Schule in Melsungen. Darauf folgte ein Lehramtsstudium für Geografie und Sport in Kiel und Kassel. Von 1985 bis 1991 nahm er an einem Forschungsprojekt in Malaysia über das Thema „Bevölkerungsgeografie“ teil. Von 1991 bis 2020 war er als Lehrer an der Jakob-Grimm-Schule tätig. Der Mann aus Beiseförth ist verheiratet und hat zwei Töchter und sieben Enkelkinder.