Vom Kosovo-Flüchtling zum erfolgreichen Unternehmer: Der Eisenacher Shpetim Alaj
AUDIO: Vom Kosovo-Flüchtling zum erfolgreichen Unternehmer (2 Min)
Autobiografie
Stand: 30.08.2026 15:58 Uhr
Seinen albanischen Vornamen fanden in Thüringen manche schwierig. So kam Shpetim Alaj zu seinem Spitznamen "Speedy". Der passt, denn das Tempo, das er vorlegt, ist enorm. Mit Mitte 20 mit seiner schwangeren Frau aus dem Kosovo geflohen, als Asylbewerber in Deutschland herumgeschoben, schaffte es Alaj in Eisenach zu wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlichem Ansehen. Bis heute gehört dazu auch ehrenamtliches Engagement - um "Deutschland etwas zurückzugeben". Nun hat "Speedy" seine Autobiografie vorgestellt.
von Ruth Breer, MDR THÜRINGEN
Nachmittags unter der Woche füllen rund 150 Menschen bei einer Buchvorstellung in der Eisenacher Wandelhalle die Plätze, es werden zusätzliche Stühle geholt. Der Oberbürgermeister ist gekommen, der Landrat erscheint, beide mit ihren Frauen. Viele Handballanhänger sitzen im Publikum.
Der ehemalige Präsident vom Handballverein war mir immer schon sympathisch als Person. Handballanhänger
"Der ehemalige Präsident vom Handballverein war mir immer schon sympathisch als Person", sagt ein Mann. "Wir kennen ihn auch über den Handball", erzählt eine Frau. "Ich finde, das ist eine sehr nette Familie." "Er hat schon was in Eisenach bewegt", sagt eine dritte.
Nachbarn sind im Publikum, und einige, die sich als Freunde bezeichnen. Sie kennen die Geschichte der Alajs, die als junge Menschen mit Mitte 20 aus politischen Gründen Kosovo verlassen mussten.
Er kam ja als Flüchtling hierher, hat sich von ganz unten bis in ziemliche Höhen gearbeitet. Zuhörer
"Er kam ja als Flüchtling hierher, hat sich von ganz unten bis in ziemliche Höhen gearbeitet", erzählt einer. Es sei sehr berührend gewesen, diese Geschichten zu lesen, sagt ein anderer. "Jetzt wollen wir ihn gerne unterstützen bei seiner Buchvorstellung."
Warteschlange bei Buchsignierung
Doch die verzögert sich: Der Autor signiert, es bildet sich eine längere Schlange. Dann beginnt der Oberbürgermeister mit einem Grußwort, würdigt Alaj als fleißigen und zielstrebigen Visionär, der in schwerer Zeit beim ThSV Eisenach für mehr als acht Jahre Verantwortung übernommen habe.

Schon vor Beginn standen die ersten Menschen Schlange, um sich das Buch signieren zu lassen.
Er lobt Mut und Zuversicht - und dass Alaj Herausforderungen angehe wie nur wenige. Als jüngstes Beispiel nennt er das lange leerstehende frühere Kinderkaufhaus "Steppke", das der Unternehmer erworben hat.
1992 Flucht aus dem Kosovo
Dann geht es auf Zeitreise durch das Buch - von der Flucht aus dem Kosovo im Jahr 1992 bis zum Wiederaufstieg des ThSV Eisenach in die erste Handballbundesliga 2024. Gesprächsrunden mit Moderatorin Nicole Päsler wechseln sich ab mit rund einem Dutzend Passagen aus dem Buch, die Shpetim Alaj vorliest. Dramatische und traurige Szenen, aber auch berührend-schöne und lustige.

Oberbürgermeister Christoph Ihling (CDU) würdigte Alaj als zielstrebigen Visionär.
Der schmerzhafte Abschied von der Familie im Kosovo, die Flucht mit der schwangeren Frau, die Ankunft in Deutschland, das Leben in Asylbewerberheimen. Menschen, die einladen und weiterhelfen. Der große Ehrgeiz, voranzukommen, zu arbeiten. Erst als Tischler, dann die Umschulung zum Speditionskaufmann - auch die muss erst erkämpft werden.
Tischler, Umschulung, Pizzakurier, Selbstständigkeit, Studium
Nach der Umschulung in Arnstadt fährt Alaj abends noch vier Stunden lang Pizza aus, um etwas dazuzuverdienen für die inzwischen vierköpfige Familie. Die Selbständigkeit, das Studium. Und schließlich: Erfolge und Ehrungen.
Ich habe Deutschland sehr viel zu verdanken, und es ist verdammte Pflicht, sich hier zu engagieren und irgendwie etwas zurückzugeben. Shpetim Alaj
Von Anfang an hat sich Alaj ehrenamtlich engagiert. So hat er für den Handballverein schon früh Bratwürste gebraten - lange, bevor er dort als Sponsor half und Präsident wurde. "Ich habe Deutschland sehr viel zu verdanken, und es ist verdammte Pflicht, sich hier zu engagieren und irgendwie etwas zurückzugeben", sagt er. So ist Shpetim Alaj beispielsweise auch Mitglied beim Förderverein des Sommergewinns und unterstützt die Lippmann+Rau-Stiftung.
Sehr persönliches Buch
Das Buch ist sehr persönlich, führt durch Höhen und Tiefen. Ehefrau Besime ist es beim Lesen sehr nahe gegangen, wie sie erzählt: "Natürlich kenne ich die ganze Geschichte, aber ich bin an ein paar Seiten gekommen, wo ich nicht mehr weiterlesen konnte."

Ehefrau Besime ging das Lesen der gemeinsamen Lebensgeschichte an manchen Stellen sehr nahe.
Das Allerschlimmste war, sagt sie, die Heimat zu verlassen - und die Erlebnisse in den Flüchtlingsheimen. Trotzdem ist sie froh, dass ihr Mann das alles aufgeschrieben hat. Die wunderbaren Menschen, die sie kennengelernt hätten, die Erfolge.
Ich erhoffe mir, dass ich durch den tiefen Einblick, den ich in das Leben unserer Familie gebe, die Uhrzeiger vielleicht einen Millimeter in eine andere Richtung drehen kann. Shpetim Alaj
Warum Shpetim Alaj seine Geschichte ausgerechnet jetzt veröffentlicht? Einen Teil davon hatte er schon als Asylbewerber aufgeschrieben, erzählt er. Aber er macht sich Sorgen um die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland. "Ich erhoffe mir, dass ich durch den tiefen Einblick, den ich in das Leben unserer Familie gebe, die Uhrzeiger vielleicht einen Millimeter in eine andere Richtung drehen kann."

Für jeden fand Shpetim Alaj eine persönliche Widmung.
Ein Perspektivwechsel: die Welt aus der Sicht Geflüchteter betrachten. Und dann staunen über die Freude, die Shpetim Alaj schildert, als er als Wahlhelfer angefragt wird. Für ihn eine Ehre, die er mit Stolz und Pflichtbewusstsein erfüllt. So versteht sich diese Autobiografie auch als Beitrag zu Weltoffenheit und Demokratie.
MDR (caf)