Vom Kreisverkehr ins Badezimmer: Wo man öffentliche Kunst im Weinviertel findet
Entdeckungen
Vom Kreisverkehr ins Badezimmer: Wo man öffentliche Kunst im Weinviertel findet
Seit 30 Jahren sorgt "Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich" für Installationen und Skulpturen an ungewöhnlichen Orten. Eine kleine Tour gefällig?
Katharina Rustler
Paris, Istanbul, Taipeh. Von der A5 führen viele Wege in die Welt, die bekanntlich ein Dorf ist. Zumindest suggerieren das die blütenartig gefalteten Autobahnschilder voll internationaler Destinationen am Kreisverkehr der Donauuferautobahn in Stockerau Ost. Alle, die dort schon einmal vorbeigefahren sind, werden sie wiedererkennen. Seit 2015 steht der Hingucker des indischen Künstlers Jitish Kallat inmitten dieser freien Verkehrsfläche und bringt Kunst in den öffentlichen – und in diesem Fall nicht allzu ansehnlichen – Raum.
Genau dieses Ziel verfolgt die Abteilung "Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich" (kurz KOERNOE) seit nun 30 Jahren. Seit den 90er-Jahren fördert die vom Land getragene Initiative zeitgenössische Kunst- und Kulturprojekte im ruralen und urbanen Raum des größten Bundeslands. Das damals verabschiedete Kulturfördergesetz ermöglichte diese seitdem als wichtig erachtete freie Zugänglichkeit zu künstlerischer Vielfalt. Sieht man sich die Niederösterreich-Karte an, sind die aktuell zu besuchenden Kunstwerke vom Semmering über St. Pölten und Korneuburg bis nach Mistelbach verstreut. Insgesamt gibt es momentan 360 permanente Projekte.
Anlässlich des Jubiläums stellte man diesen Sommer Kunst-Rallyes zusammen, die in unterschiedliche Gegenden führen und für Ausflügler und Radtourgruppen potenzielle Routen vorschlagen. Die Wachau-Edition etwa führt zu einer der bekanntesten Arbeiten, die KOERNOE in den vergangenen Jahren ermöglichte: Die Wachauer Nase des Künstlerkollektivs Gelatin, die bei der Fähranlegestelle St. Lorenz seit 2014 aus der Wiese wächst. Die durchs Nasenloch betretbare, vier Meter hohe Skulptur sorgte anfangs zwar auch für einige Aufregung, ist seitdem aber ein Wahrzeichen der Region mit Wiedererkennungswert.
Hotspot abseits der Zentren
Eine weitere Rallye führt ins Weinviertel, das sich zuletzt passenderweise immer stärker zu einem Kunsthotspot abseits der Zentren entwickelt. Erst diesen Juli etwa fand dort die erste Pulkautal Biennale statt. In alle Himmelsrichtungen findet man in der Region Kunstwerke im öffentlichen Raum, die von Verkehrsinseln über Busstationen bis zu Berufsschulen reichen. Während Kreisverkehrsflächen oft für Marketingzwecke verwendet werden, nutzen manche Gemeinden diese lieber für Kunst, erzählt Katrina Petter.
Seit 2018 leitet die gebürtige Vorarlbergerin KOERNOE und betont die anderen Blickwinkel, die künstlerische Werke an solchen Orten im Außenraum anbieten. "Kunst im öffentlichen Raum bringt auch einige Herausforderungen mit sich", sagt Petter. "Wir stellen Skulpturen nicht einfach an beliebiger Stelle ab, diese werden vielmehr spezifisch von den Kunstschaffenden entwickelt, und wir kümmern uns dann auch darum, fördern die Instandhaltung und überlegen uns Vermittlungsangebote dafür."
Oftmals müssen Pflanzen gegossen, Unkraut gejätet, Materialien erneuert oder fehlende Teile ergänzt werden. All diese Aspekte müssen auch im Budget berücksichtigt werden. Jährlich stehen KOERNOE für die Projekte laut Petter rund 800.000 Euro zur Verfügung.
Windrad und Werkzeugkasten
Manche Arbeiten überstehen die Witterungen auch nicht und müssen nach einigen Jahren entfernt werden. Andere gibt es schon ewig, scheinen förmlich mit ihrer Umgebung verschmolzen. In der Kulturlandschaft Paasdorf gibt es gleich fünf Kunstwerke solcher Art in fußläufiger Nachbarschaft zueinander. Dort schmiegt sich etwa Die Entdeckung der Korridore des Künstlerduos Prinzgau/podgorschek seit 1995 in Form eines in die Erde eingelassenen Autobahnabschnittes in die sanfte Hügellandschaft ein. Werden so die archäologischen Ausgrabungen der Zukunft aussehen?
Am Fuße gigantischer Windräder erinnert ein Stück weiter ein Mahnmal der 2017 verstorbenen Künstlerin Ingeborg Strobl an die verloren gegangene Artenvielfalt. Darauf eine lange Liste mit Rinderarten, die es seit den 80er-Jahren nicht mehr gibt, wie Mürztaler, Gföhler oder Pinzgauer. Interaktiver gestaltet sich die Klanginstallation von Andrea Sodomka und Martin Breindl: Versteckt in einem begrünten Hügelchen lauscht man Geräuschen aus dem ländlichen Raum. Heu wird gerecht, Schweine grunzen, Hendl gackern und die Kirchenglocken läuten. Oder passiert das wirklich?
Begegnet man dort einer Gruppe auf Radtour, zeigt sie sich interessiert, an den städtischen Kunst-Besucherinnen. Man selbst kenne die Werke natürlich, in der Region seien diese schon seit längerem fixer Bestandteil, heißt es. Zwar sorgen manche Projekte natürlich für Irritation, so Petter, meistens würden sie aber schnell akzeptiert. So auch die Skulptur der Künstlerin Anna Vasof, die seit 2024 vor dem Eingang der Mistelbacher Landesberufsschule für Land- und Maschinenbautechnik steht: ein begehbarer Werkzeugkasten als neuer Treffpunkt für die Schüler und Schülerinnen.
Eine Badewanne für alle
Ein Indiz, an dem man gut frequentierte Kunstprojekte im öffentlichen Raum erkennt und somit auf ihre Beliebtheit schließen kann, so Petter, sind dort aufgestellte Mistkübel. Oder auch Picknicktische. Beides gibt es beim Horizontalturm des Künstlers Ingo Vetter in Lanzendorf, der sich seit 2017 zu einem gut besuchten Aufenthaltsort inmitten Sonnenblumenfelder und unweit pittoresker Kellergassen entwickelte. In ihrem früheren Leben war die 24 Meter lange Röhre Teil eines Windrads, das für die Arbeit recycelt wurde. Nun dient sie als 24 Stunden zugängliche Galerie, in der Fotocollagen von Magdalena Frey gezeigt werden. Sie beziehen sich auf das, was man durch kleine Fenster in der Landschaft so sieht.
Eine der spannendsten Arbeiten dieser Tour findet man allerdings in Loosdorf (Vorsicht Verwechslungsgefahr: im Bezirk Mistelbach, nicht Melk) auf der Dorfpromenade. Dort steht seit 2006 ein 30 Quadratmeter großes, öffentliches Badezimmer samt hellblau gefliester Dusche, Badewanne und Waschbecken namens Freier Badebrunnen, das die niederösterreichische Künstlerin Iris Andraschek entworfen hat. Eine Installation, wie man sie sich dieser Tage sehnlichst in der Wiener Innenstadt wünscht! Drückt man einen Knopf, sprudelt kühles Wasser für ein paar Minuten heraus.
Der ehemalige Bürgermeister von Loosdorf hatte sich eigentlich für einen Brunnen starkgemacht, erzählt er bei einem spontanen Besuch. Schließlich wurde Andrascheks Arbeit frei, die ursprünglich für einen anderen Ort geplant war, und er sicherte sie für seine Gemeinde. Dass sie dann gleich in der Nähe seines Hauses landete, sei dann Zufall gewesen, erzählt er lachend. Immer wieder würden hier vorbeikommende Radfahrer oder Spaziergängerinnen Station machen und sich erfrischen. Seine Frau komme regelmäßig und reinige auch dieses Badezimmer, sagt er. Damit es auch für die Öffentlichkeit schön ist. (Katharina Rustler, 3.8.2026)
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