Von Baumwollfeld bis Deponie: Der Lebenszyklus eines weißen T-Shirts
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Das weiße T-Shirt – ein vermeintlich simples Kleidungsstück, das ursprünglich von der amerikanischen Zivilbevölkerung und beim Militär als Unterhemd getragen wurde – erreichte ab den 1950er-Jahren durch Hollywood-Ikonen wie Marlon Brando (1951 in „Endstation Sehnsucht“) und James Dean (1955 in „… denn sie wissen nicht, was sie tun“) Kultstatus.
Ausgelöst durch die US‑Erfolgsserie „The Bear – King of the Kitchen“, in der Hauptdarsteller Jeremy Allen White ein Modell eines deutschen Traditionsunternehmens trug, erlebte das weiße T-Shirt erst kürzlich einen massiven Hype. Jedes Jahr werden rund zwei Milliarden Stück dieses Kleidungsstückes verkauft, und bestimmt haben auch Sie wenigstens eines davon in Ihrem Kleiderschrank.
Aber es gibt ein Problem: So schlicht und alltäglich es wirken mag, so hat das T-Shirt, das seinen Namen übrigens seiner Form verdankt, einen sehr langen, globalen Herstellungsweg. Und einen hohen Bedarf an Wasser, Chemikalien, Energie und menschlicher Arbeit, bis es bei Ihnen angekommen ist.
Der folgende Artikel beschreibt den Lebenszyklus eines weißen T-Shirts, von der Rohstoffgewinnung über die Produktion, den Transport und die Nutzung durch den Verbraucher bis hin zur Entsorgung – vom Baumwollsamen bis zum Altkleidercontainer und noch viel weiter.
Stationen im Leben des weißen T-Shirts
1. Samenkorn und Anbau
Das Leben des weißen T-Shirts beginnt meist auf Baumwollfeldern in Amerika, Brasilien, China, Indien oder Pakistan. Dort werden Baumwollsamen gesät, bewässert und großgezogen.
2. Ernte und Pressung
Ist die Pflanze reif, wird die Baumwolle maschinell geerntet und die Fasern werden von den Samen getrennt. Anschließend werden die Fasern zu schweren Ballen gepresst und für den Weitertransport vorbereitet.

3. Wasser und Pestizide
Für ein durchschnittliches T-Shirt werden rund 2700 Liter Wasser benötigt. Eine Menge, mit der man gut und gerne an die 18 Badewannen füllen könnte. Baumwollanbau benötigt zudem mehr Insektizide und Pestizide als jedes andere Anbauprodukt weltweit – krebserregende Stoffe, die Arbeiter und Ökosysteme schädigen. Eine Alternative zur konventionellen Produktion ist der Anbau von Bio-Baumwolle. Der Bio-Anbau reduziert sowohl den Wasserverbrauch als auch die Belastung durch Insektizide, Pestizide und andere Chemikalien.
4. Reise in die Spinnerei
Die schweren Faserballen reisen per Schiff in Spinnereien, oft in China oder Indien. Dort werden die Fasern zu feinen Fäden versponnen.

5. Vom Faden zum Stoff
Anschließend werden aus den Fäden an großen Maschinen riesige Stoffbahnen gewebt. Der Stoff ist am Anfang noch grau und rau.
6. Bleichen und Färben
Erst durch Hitze, Chemikalien, Bleichmittel und Farbstoffe wird der Stoff weich und strahlend weiß. Schadstoffe wie Kadmium, Blei, Chrom und Quecksilber belasten dabei Mensch und Natur. So werden beispielsweise allein für die Herstellung eines Kilogramms Baumwollfasern 900 Gramm Chemikalien gebraucht.

7. Nähen in Textilfabriken
Der fertige Stoff wird dann in Fabriken, vor allem in Bangladesch, Vietnam, China, Indien oder der Türkei, von Menschen unter miserablen Bedingungen und zu Niedriglöhnen vernäht. Maschinen können die zum Großteil sehr komplizierte Arbeit (Stoff-Flexibilität, komplexe Details und häufige Wechsel von Modetrends) nicht übernehmen. Das heißt, sie könnten es schon, aber das Umprogrammieren von Robotern für neue Schnitte ist oft teurer und langsamer als das Anlernen von Näherinnen.
Obwohl Bangladesch zu den wichtigsten Bekleidungslieferanten der EU zählt, verdienen die meisten dortigen Textilarbeiter – selbst nach der jüngsten Anhebung des nationalen Mindestlohns – lediglich 38 Prozent dessen, was als existenzsichernder Lohn gilt.
8. Transport in die Läden
Ist das T‑Shirt fertig genäht, reist es per Schiff, Zug oder Lkw in die wohlhabenden Verkaufsländer. Der lange Transportweg verursacht enorme CO₂‑Emissionen.

9. Der Verkauf
Im Verkaufsland angekommen, gelangt das Shirt über Zentrallager und präzise Qualitäts- und Etikettierungsprüfungen in die Filialen. Dort wird es trotz des zunehmenden Bewusstseins über die negativen Auswirkungen der Modeindustrie als billige Trendkleidung verkauft.
10. Nutzung beim Käufer
Zu Hause beim Käufer verbraucht das Shirt dann die meisten Ressourcen seines Lebens: Ein deutscher Haushalt wäscht pro Jahr im Durchschnitt etwa 140- bis 210-mal. Vor allem die Nutzung von Wäschetrocknern verschlingt extrem viel Energie.

11. Ausgedient
Eines Tages ist das T-Shirt zu klein, zu abgetragen oder gefällt einfach nicht mehr. Da getragene Kleidung nicht mehr in den Müll geworfen werden darf, bleibt nur die Möglichkeit, das aussortierte Kleidungsstück zu spenden, zu recyceln, upzucyceln oder es als Putzlappen weiterzuverwenden.
12. Sortierung nach Qualität
Wenn das T-Shirt in einem Altkleidercontainer landet, wird es in einem Sortierbetrieb geprüft. Hier wird dann darüber entschieden, welchen Weg es als Nächstes nehmen wird.

A. Restmüll und Verbrennung
Ist das T-Shirt stark beschädigt oder verschmutzt, wird es direkt aussortiert und verbrannt.
B. Recycling und Downcycling
Ist das Shirt nicht mehr tragbar, wird es zu einem qualitativ minderwertigeren Produkt, etwa Putzlappen, Dämmstoff oder Isolationsmaterial, verarbeitet.
C. Export als Secondhand-Ware
Ist es noch gut erhalten und tragbar, wird es an Secondhand-Läden vorwiegend im Ausland (Osteuropa, Afrika, Asien) verkauft, wo es im besten Fall ein zweites Leben beginnt. Im schlimmsten Fall endet es auf Deponien, an Flussufern oder Küsten – unter Bergen anderer westlicher Altkleider. Dort schaden Kunststofffasern, Mikroplastik und bei der Verbrennung des Kleidermülls entstehender giftiger Rauch den Menschen und der Natur vor Ort.
Sieben Tipps, die helfen können, aus der Fast-Fashion-Falle auszubrechen
1. Weniger kaufen – aber dafür bewusster
2. Tauschen & Secondhand: nachhaltig, günstig, individuell
3. Reparieren statt wegwerfen
4. Kleidung leihen statt kaufen
5. Weniger Teile, mehr Kombis: Capsule Wardrobe
6. Richtig waschen und pflegen
7. Verkaufen und tauschen, was nicht mehr getragen wird
Die Zeitungsseite zum Thema
Zum Thema dieses Artikels ist in der Berliner Morgenpost eine Grafikseite erschienen. Sie können sie in digitaler Form unter nachstehendem Link betrachten:
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Illustrationen von Babette Ackermann-Reiche