Von Berlin nach Freising: Stadtarchiv erhält seltene Nachkriegsfotos
Stand: 18.10.2026, 14:00 Uhr
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Von der Geflüchteten zur Fotografin: Tilly Keilitz fotografierte das Kriegsende. Ihre Tochter verbreitet die Geschichte und übergab die Werke dem Stadtarchiv.
Freising – Mit 19 Jahren floh Tilly Keilitz im Februar 1945 aus Berlin. Wenige Monate später kam sie nach Freising, wo sie während der amerikanischen Besatzungszeit für die US-Armee tätig war. Ihre Geschichte und ihre Fotografien aus den Jahren 1945 bis 1949 standen im Mittelpunkt eines Vortrags, zu dem das Freisinger Stadtarchiv in den großen Rathaus-Sitzungssaal eingeladen hatte. Die US-amerikanische Autorin Margaret Merrit erzählte vom Lebensweg ihrer Mutter und übergab am Ende des Vortrags eine Fotosammlung an die stellvertretende Leiterin des Stadtarchivs, Laura Wanninger. Damit wird der historische Quellenbestand zur Entnazifizierung im Freising der Nachkriegszeit erweitert.
„Finding Democracy in Occupied Freising“: So lautet der Titel des Buches, in dem Merrit den Lebensweg ihrer Mutter beleuchtet. Tilly Keilitz war im Februar 1945 vor den Bombenangriffen und der sowjetischen Armee aus Berlin in Richtung Süden geflohen. Im August 1945 erreichte sie Freising.
Aufgrund ihrer guten Englischkenntnisse fand die junge Frau während der amerikanischen Besatzungszeit eine Anstellung an der Landwirtschafts- und Technikschule Weihenstephan, die von der US-Armee nach Kriegsende eingerichtet worden war. Die Schule verfügte über ein Fotolabor. Tilly gelang es, eine Kamera zu erstehen. Wie Merrit betonte, wurde ihre Mutter zur „inoffiziellen“ Fotografin einer in Freising stationierten Einheit der US-Luftwaffe.

Die Aufzeichnungen über ihre Mutter seien aus zweierlei Hinsicht interessant, erklärte Merrit. Sie zeigten sowohl die Perspektive einer jungen Frau auf der Suche nach Demokratie als auch die Sicht des US-Militärs auf die Vermittlung demokratischer Werte. Letzteres sei eine große Aufgabe gewesen – nicht nur angesichts der Nahrungsmittelknappheit und der Verantwortung für die öffentliche Gesundheit, sondern auch beim Wiederaufbau der deutschen Verwaltung, bei dem die Entnazifizierung Vorrang gehabt habe.
Millionen entwurzelter Zivilisten seien durch die Flucht traumatisiert gewesen. Ihre Integration in die Gesellschaft hat zahlreiche Herausforderungen mit sich gebracht, erinnerte Merrit. Die einheimische Bevölkerung habe die „Flüchtlinge“ häufig als Außenseiter betrachtet. In Freising habe sich die Einwohnerzahl durch die Vertriebenen nahezu verdoppelt. Dass diese Menschen die ohnehin knappen Ressourcen mit beanspruchten, habe bei den Einheimischen für Unmut gesorgt, so die Referentin.
Die Militärregierung habe diese Schwierigkeiten erkannt und die Aufsicht über die lokale Verwaltung so lange beibehalten, bis gesellschaftliche Veränderungen erreicht worden seien. Dabei sei deutlich geworden: Ein Mangel an Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe behindere die Demokratie. Wenn es Menschen schlecht gehe, neigten sie dazu, „Sündenböcke“ zu suchen. Fähige Demagogen könnten solche Stimmungen zu einem „lodernden Feuer“ entfachen. Wanninger appellierte daher angesichts aktueller politischer Trends: „Die Erinnerung hochhalten!“
Die Fotografien und Zeichnungen, die Merrit dem Stadtarchiv übergab, zeigen die Interaktionen zwischen der US-Militärregierung und der Freisinger Bevölkerung von 1945 bis 1949. Sie können nach vorheriger Kontaktaufnahme unter [email protected] auf Anfrage im Stadtarchiv eingesehen werden.