Vorgespräche gehen in dritte Runde: Linke, Grüne und SPD bewegen sich in Berlin zaghaft aufeinander zu

Der Weg ins Rote Rathaus führt für Elif Eralp über das Haus der Statistik. Knapp einen Kilometer östlich des Berliner Regierungssitzes, im Umfeld des Alexanderplatzes, spielen sich dieser Tage die ersten Annäherungsversuche von Linken, Grünen und SPD in der Hauptstadt ab.

„AllesAndersPlatz“ steht in großen Lettern auf dem Dach dieses DDR‑Architekturklassikers. Und das kann man auch als Grundstimmung für die Berliner Politik nach der Abgeordnetenhauswahl nehmen: Die Verhältnisse sind auf den Kopf gestellt, die SPD klar die schwächste Partei, die Linke mit Abstand vorn – und mit dem selbstbewussten Anspruch, eine Dreierkoalition zu bilden, die kompromisslos die Stadt verändert.

Anders als in früheren Jahren, als Rot-Rot-Grün unter Michael Müller oder Rot-Grün-Rot unter Franziska Giffey vergleichsweise gut zueinander fanden, stellt sich auch das Verhältnis der drei potenziellen Partner dar: Die Linke ist unter ihrer Spitzenkandidatin Eralp heute mehr denn je Bewegungspartei mit teils drastischen Forderungen – und kaum noch routinierten Regierungspolitikern in ihren Reihen. Jedenfalls in der neuen Fraktion.

Dürre Erklärung: „Auf weiteren gemeinsamen Weg verständigt“

Das prägt auch die Annäherungsversuche dieser Tage: Vor möglichen Koalitionsverhandlungen stehen Sondierungen, und vor diesen Sondierungen stehen erste Vorgespräche. Unter diesen Vorzeichen kamen die Parteispitzen am Samstag ein zweites Mal im Haus der Statistik zusammen.

01.10.2026, Berlin: Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen, l-r), Bettina König (SPD) und Kerstin Wolter (Die Linke) geben während einer Pause des Treffens der Linken mit Vertretern von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ein Statement. Foto: Sören Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Beim ersten Gespräch am Donnerstag äußerten sich die Parteivorsitzenden Nina Stahr (Grüne), Bettina König (SPD) und Kerstin Wolter (Linke) knapp.

© dpa/Sören Stache

Anschließend verschickten sie eine dürre gemeinsame Erklärung. „In den vergangenen Tagen haben wir als Linke, Grüne und SPD zwei intensive Vorgespräche geführt“, hieß es darin. „Wir haben uns heute auf einen weiteren gemeinsamen Weg verständigt. In der kommenden Woche werden wir die aktuellen Gespräche zu einem Ergebnis führen.“

Die erste Hürde: Umgang mit Antisemitismus und Clans

Nach Tagesspiegel-Informationen knüpften die Parteivertreter am Samstagmorgen nahtlos an das erste Gespräch vom Donnerstag am selben Ort an. Einziges Thema in diesem Stadium ist, so viel war bereits bekannt geworden, der Umgang mit Antisemitismus und organisierter Kriminalität.

Zu groß ist die Sorge bei Grünen und SPD, dass die Debatten der vergangenen Wochen um juden- oder israelfeindliche Ausfälle und eine Nähe zu Clans auch eine künftige Koalition belasten könnten. Dem Vernehmen nach geht es unter anderem darum, wie man in einem solchen Bündnis mit möglichen Vorfällen umgehen würde. Grüne und SPD drängen auf verbindliche Absprachen. Bislang scheint es in diesem Punkt noch keine Einigung zu geben. Einzelheiten wurden jedoch nicht bekannt.

Dass schon dieses eine Thema zu stundenlangen Beratungen zwischen den drei Parteien führt, zeigt, dass ein neues rot-grün-rotes Bündnis keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist. Dass nach den beiden Gesprächen dennoch kaum Details nach außen drangen, spricht jedoch zugleich dafür, dass alle Beteiligten ernsthaft darum bemüht sind, es möglich zu machen.

Am Mittwoch könnte es eine Entscheidung über Sondierungen geben

Der gemeinsame Weg besteht nun vorläufig darin, dass sich die Parteien auf eine dritte Runde der Vorgespräche am kommenden Mittwoch verständigt haben, um erneut über dasselbe Thema zu reden. Danach könnte sich entscheiden, ob sie eine Basis für Sondierungsgespräche sehen.

Das Haus der Statistik kann derweil sinnbildlich dafür stehen, was den Beteiligten bei möglichen Sondierungen, geschweige denn Koalitionsverhandlungen, noch bevorsteht: Einst beherbergte es die Statistikbehörde der DDR, heute ist in einem Teil das Finanzamt Mitte eingezogen – und gilt nach Jahren mit ungewisser Zukunft heute als Paradebeispiel für gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung.

Sollte es zu Sondierungen kommen, stehen Linke, Grüne und SPD vor vielen großen Fragen: Im Bereich der Stadtentwicklung müssen sie einen Weg finden, wie sie mit der Frage der Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne umgehen wollen, die die Linke „zwingend“ zur Koalitionsbedingung gemacht hat.

Auch über zentrale Positionen zu Polizei und Verfassungsschutz wird man sich verständigen müssen. Und bei allen politischen Anliegen müssen die potenziellen Partner genau rechnen: Eine neue Koalition muss voraussichtlich ein Haushaltsloch von fast fünf Milliarden Euro stopfen.