Ausschreitungen in Paris: Plünderer, Tränengas und ein Toter
Als der Zug im Gare de l’Est einfährt, warnt der Schaffner die Reisenden aus Deutschland per Durchsage: „Seien Sie vorsichtig, in Paris und vielen anderen Städte erwarten Sie soziale Unruhen!“ Wie begründet die Warnung ist, erleben Touristen nach nur wenigen Schritten aus der Bahnhofshalle. Tränengas liegt in der Luft, der Lärm von Polizeisirenen ist ohrenbetäubend.
Ein Vater mit Rollkoffer stellt sich schützend vor seine zwei Töchter, die in den Herbstferien mit ihm Paris entdecken wollen. „Wo sind wir hier nur gelandet“, fragt er fassungslos, bevor er mit seiner Familie in einen Metroeingang flüchtet. Das Viertel zwischen Ost- und Nordbahnhof in Paris wird am Samstag ein Hotspot der Ausschreitungen in der französischen Hauptstadt.
Bereits am Vormittag haben sich am Gare de l’Est Demonstranten zu unangemeldeten Versammlungen zusammengerottet, die von den Polizeikräften mit Schlagstöcken und Tränengasgranaten weggedrängt werden. Doch gegen die Gewaltorgie der Randalierer erweisen sich die Ordnungshüter im Laufe des Protesttages als machtlos. In dem Viertel um die zwei Bahnhöfe, an denen täglich etwa zwanzig Züge aus Deutschland ankommen, entzünden Krawallmacher am helllichten Tag Mülleimer und elektrische Leihfahrräder. Die Akkus der Elektroräder explodieren und verursachen kleine Feuerbälle, was die Unruhestifter johlend filmen.
Das Ziel: Eindringen in die „Stätten der Macht“
Mit Eisenstangen bewaffnete, vermummte Plünderer schlagen Schaufenster ein und räumen Läden aus, darunter Supermärkte, Sport- und Computergeschäfte. Auch in Apotheken und Banken wird randaliert. Die Plünderungen locken weitere Leute an, die sich bedienen und mit Lebensmitteln oder Sportartikeln weiterrennen. Die Pariser Polizeipräfektur bestätigt am Sonntag, dass „junge Banlieue-Bewohner ausschließlich mit der Absicht nach Paris gekommen sind, um Straftaten zu begehen“.

Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire beklagt ein Chaos, das es selbst zu Zeiten der Gelbwestenbewegung 2019 nicht gab. Rechtlose Zonen entstehen am Samstag in mehreren Vierteln der Hauptstadt. Auch in Marseille, Lyon, Lille, Bordeaux, Nizza und in anderen Städten lief die Gewalt aus dem Ruder.
Das Ziel, in die „Stätten der Macht“ einzudringen, war in den sozialen Netzwerken von Gruppen verbreitet worden, die sich auf die Gelbwesten-Bewegung beriefen. Einer der Organisatoren der Proteste und Urheber der Website 17octobregiletjaune.net, Benjamin Ball, verteidigte am Sonntag die Gewalt. „Man verlangt von mir, die Gewalt, den Aufruhr, die Barrikaden zu verurteilen. Ich verurteile die Wut nicht, ich begrüße sie“, so Ball.
Bürgermeister erheben schwere Vorwürfe
In Marseille gelang es Randalierern, ins Rathaus zu stürmen und eine Mariannen-Büste vom Sockel zu schlagen. Die Frauenstatue symbolisiert die Republik. In Limoges legten Brandstifter im Rathaus ein Feuer, das den historischen Bau aus dem Jahre 1883 schwer beschädigte. „Das Rathaus ist weitgehend verloren“, sagte der zuständige Präfekt am Sonntag. Die Architektur des Rathauses von Limoges diente als Vorbild für das Rathaus von Paris. Auch in der Hauptstadt versuchten Demonstranten in das Rathaus einzudringen. In Lyon ging das Fremdenverkehrsbüro am Place Bellecour in Flammen auf.

Die Bürgermeister von Paris, Lyon und Marseille haben am Sonntag schwere Vorwürfe gegen die Regierung erhoben und ein Gespräch mit Premierminister Sébastien Lecornu verlangt. „Ich erwarte Erklärungen“, sagte der Marseiller Bürgermeister, der Sozialist Benoit Payan. Er habe vor dem Protesttag gewarnt, dass die Demonstrationen entgleisen könnten.
„Ich hoffe, die sechste Weltmacht spielt nicht mit dem Feuer“, sagte Payan. Er bezog sich auf den Verdacht, die Minderheitsregierung könne bewusst das Chaos schüren, um die Proteste der Oberschüler zu delegitimieren. „Horden von Plünderern und Verwüstern haben sich an unserem Gemeingut vergangen, am Rathaus, am Polizeikommissariat, an Polizisten, Feuerwehrleuten und Oberschülern“, entrüstete sich der Bürgermeister von Marseille.
Ein Vergleich zu rechtsextremen Ligen der 1930er
Den friedlichen Demonstrationszügen von Oberschülern, Landwirten und anderen Beschäftigten, die den Aufrufen zu einem landesweiten Protesttag „zur Verteidigung der Kaufkraft“ gefolgt waren, wurde aufgrund der bürgerkriegsähnlichen Zustände kaum Aufmerksamkeit zuteil. Laut Angaben des Innenministeriums beteiligten sich im ganzen Land 550.000 Menschen an den Protesten, die Organisatoren sprachen von 800.000. Am Sonntag entbrannte ein Streit über die Ursachen der auch für französische Verhältnisse außergewöhnlichen Gewalteruption.
Der frühere Vorsitzende der Republikaner, der Schwesterpartei der CDU, Éric Ciotti, prangerte einen „roten Faschismus“ an. Ciotti hat sich mit Marine Le Pens Rassemblement National (RN) verbündet und zog einen Vergleich zu den rechtsextremen Ligen, die in den 1930er-Jahren zu gewalttätigen Angriffen auf die Republik ausschwärmten. Jetzt handele es sich um Umsturzversuche, die von der extremen Linken ausgehen, so Ciotti. „Das sind keine Demonstrationen, sondern Versuche politischer Destabilisierung, um unsere Demokratie auszuschalten“, sagte er.
RN-Präsidentschaftskandidatin Le Pen sprach von „legitimen sozialen Forderungen“, die von der „extremen Linken in Geiselhaft genommen wurden“. Sie verurteilte die Abgeordneten und andere Mandatsträger der Linkspartei La France insoumise (LFI), die Gewalt gerechtfertigt hätten. „Sie wollen unser Land ins Chaos stürzen“, sagte Le Pen. Ähnlich argumentierte Premierminister Lecornu, der für Sonntagabend eine Krisensitzung ansetzte. Lecornu griff LFI-Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon direkt an: „Sie weisen den Polizeichefs die Verantwortung für die Gewalt zu, das ist eine gefährliche und zynische Verdrehung der Verantwortlichkeiten.“ Mélenchon entschuldige die Gewalt.
Der linksradikale Präsidentschaftskandidat behauptete, die Minderheitsregierung habe „mit dem Feuer gespielt“. Der Polizeieinsatz habe „das Tor zum Chaos geöffnet“. Der frühere Präsident François Hollande appellierte an die Regierung, den sozialen Frieden wiederherzustellen. „Das Bild, das unser Land abgibt, ist unerträglich“, äußerte Hollande. Mehr als 1800 mutmaßliche Gewalttäter wurden festgenommen. 150 Polizisten wurden verletzt. Einem Demonstranten in Saint-Etienne musste nach einer Verletzung durch eine Tränengasgranate die Hand amputiert werden, ein Demonstrant in Paris starb, die genaue Todesursache ist noch ungeklärt. Präsident Emmanuel Macron sprach den Sicherheitskräften seine Solidarität aus. Gewalt habe keinen Platz in der Republik.