Wagenknecht über AfD-Kandidat Siegmund: „Ein neuer Hitler ist er nicht“ – und Merz-Sturz wäre „ein Segen“

Stand: 22.08.2026, 07:53 Uhr

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BSW-Gründerin Wagenknecht verteidigt AfD‑Spitzenkandidaten Siegmund – und erklärt Merz den Kampf. Was das für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt bedeutet.

Berlin/Magdeburg – Zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sorgt BSW-Parteigründerin Sahra Wagenknecht für Aufsehen wegen einer möglichen Unterstützung eines AfD-Ministerpräsidenten nach der Wahl. In einem aktuellen Interview verteidigte die BSW-Gründerin den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund gegen scharfe Vergleiche. Gleichzeitig erklärte sie die Sachsen-Anhalt-Wahl zur Machtfrage für Bundeskanzler Friedrich Merz.

BSW-Gründerin Sarah Wagenknecht wandte sich in einem Interview gegen eine Dämonisierung von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt.

BSW-Gründerin Sarah Wagenknecht wandte sich in einem Interview gegen eine Dämonisierung von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt. © Klaus-Dietmar Gabbert/Peter Gercke/dpa (Montage)

„Ich bin kein Fan von Herrn Siegmund, aber ein neuer Hitler ist er nicht“, sagte Wagenknecht im Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Auf Vorhaltungen zum AfD-Personal in Sachsen-Anhalt, das teils aus früheren Neonazi-Organisationen stamme, und zu verfassungsrechtlich fragwürdigen Positionen reagierte Wagenknecht mit einem Seitenhieb auf die Union: „Die AfD ist eine legale Partei, und sie wird gewählt. Viele ihrer Positionen stimmen eher mit der CDU überein, aus der die meisten ihrer Spitzenpolitiker kommen.“

BSW zittert in Sachsen-Anhalt, AfD weit vorn: Wagenknecht will vor Landtagswahl mobilisieren

Die AfD mit dem 35‑jährigen Ulrich Siegmund als Spitzenkandidaten liegt laut aktuellen Umfragen zur Sachsen-Anhalt-Wahl mit großem Vorsprung vor der regierenden CDU. Der Verfassungsschutz stuft die AfD Sachsen-Anhalt seit November 2023 als gesichert rechtsextremistisch ein. Das BSW wiederum muss um den Einzug in den Magdeburger Landtag zittern. Derzeit wäre die Wagenknecht-Partei mit 4,4 Prozent im durchschnittlichen Wahltrend gar nicht vertreten.

Strategie von Wagenknecht ist es offenbar, einen potenziellen AfD-Ministerpräsidenten an den Einzug des BSW zu koppeln und damit Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Wagenknecht hatte zuletzt erklärt, das BSW werde sich im dritten Wahlgang bei der Wahl des Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt enthalten, sollten die anderen Parteien ihr Modell eines überparteilichen Ministerpräsidenten ablehnen. Auf Basis der aktuellen Umfragen könnte dies die Duldung von Siegmund als AfD-Ministerpräsidenten bedeuten.

Sachsen-Anhalt-Wahl entscheidet laut Wagenknecht über Merz: „Segen, wenn Regierung kippt“

Für Wagenknecht geht die Wahl am 6. September außerdem weit über Sachsen-Anhalt hinaus. Die BSW-Vorsitzende verknüpft das Ergebnis mit der Zukunft des Bundeskanzlers Friedrich Merz (CDU). „Ob Sven Schulze das Amt des Ministerpräsidenten verteidigen kann oder nicht, dürfte mit darüber entscheiden, wie lange Friedrich Merz noch Bundeskanzler ist“, sagte sie. Auf die Frage, ob sie Merz (CDU) mit ihren derzeitigen Initiativen als Kanzler stürzen wolle, sagte sie: „Friedrich Merz und seine Politik schaden unserem Land. Es wäre ein Segen, wenn seine Regierung kippt.“

Natürlich gehe es bei der Landtagswahl aber auch um konkrete Verbesserungen in Sachsen-Anhalt selbst, betonte Wagenknecht und gab als Beispiele: „Dass die Kinder in den Schulen wieder etwas lernen, dass alte Menschen ihre Pflege bezahlen können.“

Bayerns BSW-Chef lehnt Duldung von AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt ab

Wagenknechts Kurs gegenüber der AfD provoziert offenen Widerspruch in den eigenen Reihen. Bayerns BSW-Landeschef Klaus Ernst lehnt eine mögliche Duldung eines AfD-Ministerpräsidenten durch das BSW strikt ab. „Eine AfD-Regierung wäre alles andere als ein demokratischer Neuanfang“, sagte Ernst der Deutschen Presse-Agentur. „Als Gewerkschafter ist es für mich schlicht nicht denkbar, einem AfD-Regierungschef zur Macht zu verhelfen“, so der frühere Linken-Parteichef.

Die AfD stehe den politischen Grundsätzen des BSW diametral entgegen – sozialpolitisch wolle sie eine Umverteilung von unten nach oben, friedenspolitisch verfolge sie einen völlig anderen Kurs. „Alice Weidel war eine der Ersten, die fünf Prozent der Wirtschaftsleistung für Rüstung ausgeben wollte“, sagte Ernst.

Wagenknecht will unabhängige Expertenregierung in Sachsen-Anhalt und attackiert politisches Klima

Persönlich unterstütze er allerdings den Wagenknecht-Vorschlag einer parteiunabhängigen Expertenregierung in Sachsen-Anhalt, die mit wechselnden Mehrheiten regiere.

Unabhängig von der Koalitionsfrage attackierte Wagenknecht das politische Klima in Deutschland. Die größte Gefahr für die Demokratie gehe derzeit von jenen Parteien aus, „die die Meinungsfreiheit beschränken, Regierungskritiker überwachen, einschüchtern und durch bezahlte NGOs bekämpfen und freie Wahlen offenbar zunehmend als Störung der öffentlichen Ordnung empfinden“, sagte sie.

„Dass heute nach einem satirischen Post die Polizei vor der Tür stehen kann, erinnert mich an die DDR.“ Zugleich räumte sie ein, dass auch die AfD den autoritären Trend nicht stoppen, „sondern nur das Vorzeichen verändern würde“. (Quellen: Funke Mediengruppe, dpa, frühere Berichterstattung) (smu)