Wahl in Serbien: Studentische Bürgerbewegung könnte Dauer-Herrscher Vucic nach 14 Jahren stürzen
Wahl in Serbien: Die Macht von Vučić wackelt
Stand: 23.10.2026, 22:33 Uhr
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Nach 14 Jahren an der Macht droht Serbiens Staatschef Aleksandar Vučić eine Niederlage: Eine studentische Bürgerbewegung könnte die Wahl am Sonntag gewinnen.
Belgrad – Seit 14 Jahren beherrscht Aleksandar Vučić die Politik in Serbien – doch vor der vorgezogenen Parlamentswahl an diesem Sonntag steht das scheinbar unerschütterliche Machtsystem des 56-Jährigen vor einer historischen Zerreißprobe. Was lange als undenkbar galt, ist plötzlich ein reales Szenario: Eine aus Protesten entstandene studentische Bürgerbewegung liefert sich mit dem Dauer-Herrscher ein Kopf-an-Kopf-Rennen und könnte die Machtverhältnisse auf dem Westbalkan grundlegend umkrempeln.
14 Jahre an der Macht: Vučić verschob Machtzentrum zu seinen Gunsten
Seit 2012 steht Vučić ununterbrochen an den Schalthebeln des Landes: Zunächst stieg er als Vizeregierungschef und Verteidigungsminister auf, regierte von 2014 bis 2017 als Ministerpräsident und saß anschließend neun Jahre lang als Staatspräsident an der Spitze Serbiens.
Verfassungsrechtlich ist das serbische System eigentlich so gebaut, dass der Ministerpräsident (Regierungschef) die tatsächliche Exekutivgewalt innehat, während der Staatspräsident primär repräsentative Aufgaben erfüllt. Unter Vučić wanderte das reale Machtzentrum jedoch schlicht dorthin, wo er selbst saß: Als Präsident regierte er das Land faktisch im Alleingang, während die von ihm eingesetzte Regierungschefin Ana Brnabic loyal im Hintergrund agierte.
Tragödie in Novi Sad als Auslöser der Massenproteste
Der Anfang vom Ende für Vučić war ein Vorfall im November 2024. Am frisch renovierten Bahnhof der Stadt Novi Sad stürzte plötzlich das schwere Vordach ein und riss 16 unschuldige Menschen in den Tod. Für Hunderttausende war die Tragödie kein Zufall, sondern das tödliche Symbol eines von Schlamperei, Vetternwirtschaft und Korruption zerfressenen Staates. Es folgten die größten Massenproteste der jüngeren serbischen Geschichte. Angeführt von Studierenden zogen über Monate Hunderttausende auf die Straßen und forderten eine lückenlose Aufklärung sowie das Ende der Ära Vučić.
Um den Druck von der Straße zu nehmen, trat Vučić Ende September nach neun Jahren überraschend als Staatspräsident zurück und rief Neuwahlen aus – mit dem Ziel, nun als Ministerpräsident an die Spitze der Regierung zurückzukehren. Doch das politische Manöver könnte nach hinten losgehen: Bei der Abschlusskundgebung der Opposition strömten am Donnerstagabend rund 150.000 Menschen auf den zentralen Slavija-Platz in Belgrad, um für einen Neuanfang zu demonstrieren.
Autokratischer Führungsstil blockiert EU-Beitritt
Kritiker werfen Vučić vor, Serbiens Demokratie über Jahre ausgehöhlt, die Medien gleichgeschaltet und Andersdenkende durch Einschüchterung mundtot gemacht zu haben. Zudem blockiert seine Politik seit Jahren die ersehnte Annäherung an die Europäische Union: Obwohl Serbien seit 2012 offizieller EU-Beitrittskandidat ist, liegen die Verhandlungen mit Brüssel praktisch auf Eis. Die EU-Kommission kritisiert schwere Rückschritte bei Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und Korruptionsbekämpfung – verschärft durch Vučićs Schaukelpolitik, der demonstrativ gute Beziehungen zu Wladimir Putins Russland und zu China pflegt.
Kopf-an-Kopf-Rennen: Studentenliste fordert Regime heraus
Nun fordert die neu formierte „Studentenliste“ (Studentska Lista) das Regime heraus – und die Chancen auf einen Machtwechsel sind real: Nach Auswertungen von Politico und aktuellen Erhebungen unabhängiger Demoskopen (wie dem Institut NSPM) liegt die Studentenliste bei 44,5 Prozent und damit sogar hauchdünn vor Vučićs regierender Fortschrittspartei SNS (42,7 Prozent). Andere Institute wie Ipsos sehen die Regierungspartei mit rund 45 bis 47 Prozent noch knapp vorn – doch bei der Abschlusskundgebung am Donnerstagabend strömten rund 150.000 Menschen auf den zentralen Slavija-Platz in Belgrad, um für einen Neuanfang zu demonstrieren.
Sollte die Studentenliste am Sonntag siegen, wäre das ein politisches Beben: Ein Machtwechsel würde nicht nur das Ende der 14-jährigen Vučić-Herrschaft und den Kampf gegen kriminelle Seilschaften einläuten, sondern Serbien auch die verfahrene Tür für Reformen und einen Neustart der EU-Beitrittsgespräche wieder öffnen. (Quellen: AFP, dpa, Politico)