Wahlschlappe: Ein Kanzlerwechsel reicht nicht, die CDU braucht den Kurswechsel

Politik :

Wahldesaster: Ein Kanzlerwechsel reicht nicht, die CDU braucht einen Kurswechsel

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20.09.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz hält eine Rede, er steht vor mehreren großen Flaggen

picture alliance / dpa

Noch nie in ihrer 76-jährigen Geschichte musste die CDU ein so katastrophales Ergebnis verkraften wie in Mecklenburg-Vorpommern: 5,2 Prozent. In Berlin fiel die Regierungspartei CDU mit 19,8 Prozent weit hinter die „Enteignungs-Partei“ Die Linke zurück.

Nach diesen verheerenden Niederlagen (Sachsen-Anhalt muss noch hinzugerechnet werden) hat die CDU zwei Möglichkeiten: „Augen zu und durch!“ oder „Augen auf und durch!“ Für was wird sie sich entscheiden?

Variante eins bedeutet: Sie wird die Ergebnisse trotzig abhaken („Es gibt da nichts schönzureden“) und dann so weitermachen wie bisher. Das Statement des Bundeskanzlers und CDU-Vorsitzenden kurz nach der Schließung der Wahllokale weist in diese Richtung. Er sagte, frei übersetzt: Diese mickrige Ost-CDU spielt in meiner rheinisch-katholisch geprägten West-Partei sowieso keine Rolle. Die rund 30.000 CDU-Mitglieder in den fünf neuen Bundesländern repräsentieren gerade mal 9,3 Prozent unserer Mitgliedschaft. Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es drei Mal mehr Mitglieder als im gesamten Osten.

Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen

Was soll also die Aufregung (vor allem in den Medien), wenn doch alle wesentlichen Entscheidungen über Inhalte, Personal und Strategie weiterhin im Westen fallen? Deshalb Schluss mit den fruchtlosen Personaldebatten! Es kommt jetzt darauf an, nach vorne zu schauen, den bereits spürbaren Aufschwung der Wirtschaft zu verstetigen, ein starkes Europa (unter deutscher Führung) gegen Russland zu schaffen und die widerspenstigen Bürger bei den Reformen „mitzunehmen“. Getreu dem CDU-Parteitagsmotto vom Februar 2026: „Wir machen Deutschland wieder schneller, flexibler und digitaler“. Und wem das nicht genügt, der darf sich im Gift-Shop der CDU-Zentrale gern eine Handcreme bestellen mit der Aufschrift „Für Deutschland auf die Tube drücken“ oder Frottee-Schweißbänder mit der Parole „Einfach mal machen!“ Merz‘ Abwehr-Reaktion ist typisch für einen halsstarrigen Kanzler.

Die CDU könnte aber auch – Variante zwei! – ab morgen die frohe Kunde verbreiten: „Augen auf und durch!“ Das würde bedeuten: Die Partei hat begriffen, dass sie sich ändern muß. Ein Kanzlerwechsel allein reicht nicht. Es braucht einen Kurswechsel. Den kann der Partei aber niemand überstülpen, er muss von unten wachsen (wie das geht, kann man bei den Linken lernen).

Die acht Ministerpräsidenten der CDU, allesamt Männer mittleren Alters, geboren zwischen 1972 und 1979, müssen den Parteiwandel nun anschieben. Wer aus ihrer monotonen Mitte Kanzlerkandidat wird, können die Wähler bereits im Frühjahr entscheiden, bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen am 25. April 2027. Wird die schwarz-grüne Koalition in Düsseldorf mit einem guten Ergebnis bestätigt, dürfte Hendrik Wüst wohl antreten. Da trifft es sich gut, dass die neue CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann bereits Erfahrungen in der „Pizza Connection Reloaded“ (einem informellen schwarz-grünen Gesprächskreis) sammeln konnte, und dass auf der anderen Seite der neue starke Mann der Grünen, Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (einer der Gründer der ersten Pizza Connection) zielstrebig auf diese Konstellation im Bund hinarbeiten wird.

Hendrik Wüst oder doch Boris Rhein?

Aber auch die Konservativen in der CDU haben ihren Favoriten: den hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein. Er wurde von seinen Vorgängern und Förderern Roland Koch und Volker Bouffier in die erste Reihe der Politik bugsiert, gilt als Hardliner in der Innen- wie in der Außenpolitik und ersetzte Ende 2023 seinen grünen Koalitionspartner überraschend durch die SPD. Hessen, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen – diese drei Bundesländer werden die Merz-Nachfolge unter sich ausmachen. Sie stellen über zwei Drittel der 356.800 CDU-Mitglieder.

„Augen auf und durch!“ bedeutet aber viel mehr als nur die Neuformierung des alten Kanzlerwahlvereins. Die CDU wird sich nach ihre Wahldesastern und dem anhaltenden Gewürge in der Bundespolitik nicht nur punktuell, sondern „flächendeckend“ erneuern müssen. Der Frauenanteil in der Partei verharrt bei 26 Prozent, das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt jenseits der 60, drei Viertel sind älter als 50. Der 44-köpfige Vorstand besteht fast ausschließlich aus unbekannten Gesichtern, selbst die sechs Stellvertreter des CDU-Vorsitzenden treten nur selten mit Ideen in Erscheinung. Der 2018 gefasste Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber AfD und Linken blockiert die Partei.

Die Verengung des christdemokratischen Spektrums zeigt sich jedoch am deutlichsten in den Arbeitsgemeinschaften: Die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) spielt in der CDU kaum noch eine Rolle, auch wenn Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl Josef Laumann bei Vorstandswahlen gute Ergebnisse einfährt, der Evangelische Arbeitskreis, die Frauen-Union, die Studenten im RCDS, die Senioren- und die Minderheiten-Union haben wenig zu sagen. Sie werden inzwischen erdrückt von der übermächtigen Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), die außer neoliberalen Phrasen nur wenig zur Erneuerung der CDU beizutragen weiß.

Die innerparteiliche Diskussion über einen Kurswechsel der Partei könnte bereits morgen beginnen. Wenn die CDU klug ist. Wenn sie die Lehren aus ihren September-Niederlagen zieht. Durchgreifende Ergebnisse wären dann beim nächsten CDU-Parteitag im November 2027 zu erwarten. Der wird in Frankfurt am Main stattfinden, der Heimat des hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein.