Blau wächst: Der Erfolg der AFD setzt sich auch in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin fort
Eigentlich will die AfD den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mindestens zurechtstutzen, wenn nicht gar mehr. An Wahlabenden verfolgen sie bei der in weiten Teilen rechtsextremen Partei trotzdem die Livestreams von ARD und ZDF. In der Eventlocation am Lankower See in Schwerin, wo die AfD ihre Wahlparty feierte, lief am Sonntag die Übertragung der ARD. Es war kurz nach 18 Uhr, als der Sender drauf und dran war, zum Konrad-Adenauer-Haus zu schalten, wo der Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz angekündigt war. Da stimmte auf der Wahlparty einer an: „Du kannst nach Hause gehen!“
Die AfD gab sich also selbstbewusst. Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sie ausweislich der frühen Hochrechnungen die zweite Wahl in Folge gewonnen. Laut Zahlen des ZDF kam sie um 20.06 Uhr auf 37,9 Prozent und lag damit zwei Prozentpunkte vor der SPD um Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Noch auf der Wahlparty erklärte AfD-Chef Tino Chrupalla: „Wir haben hier ganz klar den Regierungsauftrag.“ Den sah auch Leif-Erik Holm, der ehemalige Radiomoderator, der im Nordosten als „Ministerpräsidentenkandidat“ der AfD angetreten war. Man werde nun alle Parteien zu Gesprächen einladen, erklärte Holm.

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Doch er und seine Partei, die in Mecklenburg-Vorpommern als einziger Landesverband im Osten nicht als gesichert rechtsextrem eingestuft ist, stehen vor einem ähnlichen Problem wie die Parteikollegen in Sachsen-Anhalt. Sie sind zwar stärkste Kraft geworden, zum Regieren fehlt der AfD allerdings in beiden Ländern eine Mehrheit – jedenfalls derzeit.
Leif-Erik Holm dürfte am Wahlabend trotzdem aufgeatmet haben. Während in seinem Landesverband Funktionäre nach oben streben, die früher in der Jugendorganisation der NPD oder in der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) waren, gilt Holm als vergleichsweise gemäßigt. Das kommt nicht bei allen in der Partei gut an. Der neurechte Publizist Benedikt Kaiser warf Holm wenige Tage vor der Wahl vor, dieser habe damit geworben, „die authentische CDU 2.0 zu sein“. Das könne „nur nach hinten losgehen“, schrieb Kaiser. Kaiser ist Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Robert Teske aus Thüringen, wo man der reinen, radikalen Lehre besonders zuneigt.
Noch radikaler – wäre dann noch mehr drin gewesen?
Auch in seinem Landesverband ist Holm keinesfalls unumstritten. Das gilt auch für das Konstrukt der Doppelspitze, mit der die AfD in den Wahlkampf gegangen war. Holm tourte zwar als „Ministerpräsidentenkandidat“ durchs Land, offizieller Spitzenkandidat war aber ein Mann namens Enrico Schult. Auf der Wahlparty in Schwerin waren daher auch Sätze mit dem Tenor zu hören: Es wäre mehr drin gewesen.
Tatsächlich hatte Holm selbst im Frühjahr auf dem Parteitag in Grimmen noch erklärt, „die 45-Prozent-Marke“ erreichen zu wollen. Später klang er deutlich zurückhaltender, sprach etwa im TV-Duell mit Manuela Schwesig vor wenigen Tagen nur noch davon, stärkste Kraft werden zu wollen. Das hat er erreicht. Das Ergebnis aus dem Jahr 2021, als die AfD bei der Landtagswahl im Nordosten auf 16,7 Prozent der Stimmen kam, hat sie sogar mehr als verdoppelt.
Je länger diese Brandmauer erhalten wird, umso stärker werden wir.
Kristin Brinker, AfD-Spitzenkandidatin in Berlin
In Berlin ist die Stimmung bei der AfD wegen dieses Ergebnisses am Sonntagabend erst einmal hervorragend. Sie hat sich im Berliner Abgeordnetenhaus in einem Raum um weiße Stehtische versammelt. Als die Wahlprognose von Mecklenburg-Vorpommern über die Bildschirme flimmert, kommt Parteichefin Alice Weidel aus dem Strahlen kaum mehr heraus. Weidel klatscht in die Hände, sie sagt: „Ich wusste es! Ich wusste es!“ Weil der Jubel so laut ist, können die umstehenden Reporter das Ergebnis nicht hören.

Die Berliner AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker (Mitte) am Sonntagabend mit Parteichefin Alice Weidel (re.).
Foto : Friedrich BungertFür die AfD ist Mecklenburg-Vorpommern die Erfolgsgeschichte des Abends. In Berlin konnte die Partei sich verbessern, aber sie hat weniger gut abgeschnitten, als die Partei-Oberen gehofft hatten. Laut Prognosen kommt sie in der Hauptstadt je nach Umfrageinstitut zwischen 14 und gut 15 Prozent, wohl um die sechs Prozentpunkte mehr als bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Jahr 2023, als sie 9,1 Prozent der Stimmen erreichte. Eigentlich aber war das Ziel, das Ergebnis mindestens zu verdoppeln, laut Umfragen hatte die AfD zuletzt bei 18 Prozent gelegen. Schon bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erreichte sie in Berlin 15,2 Prozent der Zweitstimmen.

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Das Ergebnis in Berlin zeigt: Für die AfD ist es schwierig, in dieser Stadt, die als links und liberal gilt, herausragende Wahlergebnisse zu erzielen – selbst, wenn der Bundestrend sie stützt. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Beatrix von Storch sagte der Süddeutschen Zeitung, Berlin sei eine „Millionenmetropole“, da seien 45 Prozent nicht in Reichweite.
Die Berliner Spitzenkandidatin Kristin Brinker steigt direkt in die Analyse des AfD-Erfolgs ein: „Je länger diese Brandmauer erhalten wird, umso stärker werden wir.“ Auf lokaler Ebene wollten bereits viele CDU-Mitglieder mit der AfD zusammenarbeiten, sagt sie. Die Brandmauer, glaubt Brinker, werde die CDU „sprengen“.
Normalisierung einer radikalen Partei
Brinker hat sich im Wahlkampf gemäßigt gegeben, selbst wenn sie über Migration spricht, schreit sie eher nicht. Doch im Wahlprogramm finden sich radikale Positionen: Die AfD fordert für Berlin eine „konsequente Remigrationspolitik“, einen „sofortigen Aufnahmestopp für Asylbewerber in Berlin“.
Einen Tag vor der Wahl wurde eine Razzia bei einem persönlichen Mitarbeiter von Brinker öffentlich. Die Bild-Zeitung berichtete, es seien „Drogen und Nazi-Zeug“ gefunden worden. Brinker sagte der SZ, dies seien „klischeehafte Vorwürfe“, und „jeder kann sich seinen eigenen Reim drauf machen“, warum diese einen Tag vor der Wahl erhoben würden. Sie könne „nichts Schlechtes“ über ihren Mitarbeiter sagen. Ob die Vorwürfe stimmten, wisse sie nicht.
Eine gewisse Normalisierung der Partei war in den vergangenen Monaten auch in Berlin zu beobachten. Bei einem Wahlkampfstand in Berlin-Charlottenburg mitten in der Hauptfußgängerzone zum Beispiel. Dort blieben viele Passanten interessiert stehen. Auch Deutsche, die nicht weiß sind – und damit eigentlich nicht ins gängige Bild eines AfD-Wählers passen.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde im Laufe des Wahlabends aktualisiert.