Warum baut Israel seine Präsenz in Syrien aus?
Zwei Jahre, vier Monate, 24 Tage und fünf Stunden ist es her, seit Ahmad Hassan al-Din seinen Sohn zuletzt gesehen hat. Der Syrer zählt jede Stunde. Im April 2024 nahmen israelische Soldaten Saddam, der gerade 17 geworden war, auf einem Acker in der Nähe der Golanhöhen fest, einem Teil Syriens, den Israel seit 1967 besetzt hält.
"Saddam war am frühen Morgen dorthin gegangen, um das Vieh zu füttern", erzählt al-Din, der in dem kleinen Dorf Jubata al-Khashab im Bezirk Kuneitra in der Nähe des Golan lebt, der DW. "Ich rief ihn auf dem Handy an und er meinte 'Alles in Ordnung'. Aber später sah ich mit eigenen Augen, wie sie den Jungen abführten, in Handschellen und mit Fußfesseln."
Al-Din filmte die israelischen Soldaten, die seinen Sohn gefesselt über die Felder führten. Das Video, das er an die DW weiterleitete, war zuvor von Open-Source-Rechercheuren des französischen Auslandsenders France24 und Menschenrechtsorganisationen verifiziert worden.
"Sie sagten, sie würden ihn verhaften, weil er das Hoheitsgebiet des israelischen Staates betreten habe", erklärt al-Din. "Obwohl es sich dabei um unsere Felder handelt und wir über eine gültige Genehmigung der UN verfügen, auf diesem Land zu arbeiten."

Syrische Landwirte und Hirten benötigen einen Passierschein der United Nations Disengagement Observer Force, um die Pufferzone betreten zu dürfen. Bei der UNDOF handelt es sich um ein Truppenkontingent, das 1974 von den UN auf die Golanhöhen entsandt wurde, um sicherzustellen, dass syrische und israelische Truppen nach einem Rückzugsabkommen von 1974 den vereinbarten Abstand einhalten.
Menschenrechtsorganisationen konnten herausfinden, dass der mittlerweile neunzehnjährige Saddam sich vermutlich in einem Gefängnis in Israel befindet. Die Antwort eines Sprechers des israelischen Militärs auf die Frage der DW, welche Vorwürfe gegen Saddam erhoben werden und nach welchem Rechtssystem, ähnelte anderen Erklärungen, die bereits an andere Medien und Menschenrechtsorganisationen gesendet wurden: Israel halte Syrer fest, bei denen der Verdacht bestehe, dass sie Israel schaden wollten. Ob das Militär den Sohn von Ahmad Hassan al-Din zu diesen Personen zählt, wurde nicht gesagt.
Israel übernimmt Kontrolle über Pufferzone
Die Geschichte des verhafteten Teenagers hat sich in diesem Teil Süd-Syriens viele Male wiederholt. Nach dem Sturz des Regimes des syrischen Diktators Baschar al-Assad im Dezember 2024c übernahm Israel die Kontrolle über die von der UN überwachte entmilitarisierte Zone. Führende israelische Politiker erklärten die Vereinbarung von 1974 für nichtig und kündigten die vorübergehende Stationierung von Truppen in der Zone an, um Israel vor grenzübergreifenden Angriffen zu schützen.
Doch die Präsenz Israels in Syrien hat sich seitdem verfestigt. Im November 2025 teilte UNDOF Journalisten mit, dass Israel 10 Militärstützpunkte in der Zone eingerichtet habe. Von diesen Stützpunkten aus unternehmen israelische Soldaten nahezu täglich Vorstöße in die syrischen Provinzen Daraa und Kuneitra.
"Diese Vorstöße erfolgen in der Regel mit gepanzerten Fahrzeugen durch bewohnte Gebiete. Dabei werden auf den Hauptstraßen temporäre Kontrollpunkte errichtet, an denen alle durchreisenden syrischen Zivilisten angehalten, durchsucht und befragt werden. Zudem werden ihre Telefone überprüft. In manchen Fällen werden auch biometrische Daten erfasst", schrieb das syrische Beratungsunternehmen Karam Shaar Advisory im Januar.
Außerdem wurden Häuser, Geschäfte und Schulen von israelischen Soldaten durchsucht und Ackerland sowie Wasserquellen abgesperrt. Die Behörden von Kuneitra sagten der DW, israelische Soldaten hätten mehr als 200 Schafe beschlagnahmt, Trinkwasserbrunnen zerstört und Anbauflächen und Gebäude dem Erdboden gleichgemacht.

Mousa Khalil, ein Bewohner von Kuneitra, berichtet, wie sein Haus, ein zweistöckiges Gebäude mit vier Wohnungen im Dorf Hamidiyah, im vergangenen Jahr vollständig von israelischen Truppen zerstört wurde. "Ich bin 65 Jahre alt", sagt er zur DW. "In diesem Alter ist es schwierig, gute Arbeit zu finden. Ich muss nehmen, was ich finde, um meine achtköpfige Familie zu versorgen und Geld zu sparen, damit wir unser Haus wiederaufbauen können."
Israel dringt immer häufiger auf syrisches Gebiet vor
Über die vergangenen Monate ist nicht nur die Zahl israelischer Einsätze in Syrien gestiegen, die israelischen Soldaten dringen auch tiefer auf syrisches Staatsgebiet vor. Das Sijil Center mit Sitz in Syrien dokumentiert israelische Verstöße gegen syrisches Hoheitsgebiet. Zwischen dem 25. August und dem 31. Dezember 2025 verzeichnete Sijil Center 818 Vorfälle, im Schnitt also 45 Vorfälle pro Woche. Seit Beginn des Jahres wurden 1632 Vorfälle gezählt, das sind durchschnittlich 48 Vorfälle pro Woche.
Das Sijil Center dokumentiert außerdem, wie viele Syrer von Israel festgenommen wurden und gibt an, dass seit Dezember 2024 etwa 200 Personen festgesetzt wurden. Anders als der Sohn von al-Din wurden die meisten jedoch innerhalb von 24 Stunden nach dem Verhör wieder auf freien Fuß gesetzt. Es wird davon ausgegangen, dass sich zwischen 40 und 50 Syrer weiterhin in israelischen Gefängnissen befinden, darunter auch vier oder fünf, die sich schon vor dem Fall des Assad-Regimes in israelischer Haft befanden.
Fachleute weisen darauf hin, dass es sich um einen klaren Fall von Völkerrechtsverletzung handele, wenn Soldaten eine Grenze überqueren, Bürger eines anderen Landes verhaften und diese dann in ihren Gefängnissen gefangen halten. Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch sprechen in Bezug auf das Vorgehen Israels im Süden Syriens von möglichen Kriegsverbrechen.
Was sind Israels Gründe?
Seit dem Sturz des Assad-Regimes beharren israelische Politiker darauf, dass Süd-Syrien zur "entmilitarisierten Zone" werden müsse. Anderen Medien gegenüber hatte das israelische Militär erklärt, es habe "Personen festgenommen, bei denen ein begründeter Verdacht bestand, dass sie an terroristischen Aktivitäten beteiligt waren". Die Armee räumte außerdem ein, dass sie neue militärische Stützpunkte errichtet habe, um Angriffe zu verhindern und Schmuggel zu unterbinden.
"Die Gegend ist ein Spielplatz für Terrororganisationen, bewaffnete Gruppierungen und Milizen", wird ein führender Offizier in der vergangenen Woche im israelischen Nachrichtenportal "Ynet" zitiert. Bewohner von Kuneitra äußerten gegenüber dem Online-Portal "Syria Direct", dass sie sich nicht sicher seien, ob Israel ihre Ortschaften besetzen wolle oder ob es versuche, so auf die syrische Regierung Druck auszuüben.
Hochrangige syrische und israelische Politiker hatten unter der Vermittlung der USA Gespräche geführt, um über eine mögliche Wiederbelebung der Truppenentflechtungsvereinbarung von 1974 zu verhandeln. Diese Gespräche scheiterten jedoch Ende 2025. In den Monaten danach haben die israelischen Einfälle in Syrien zugenommen.

In einer dieser Woche veröffentlichten Analyse erläuterte Elizabeth Tsurkov vom New Lines Institute in Washington einige Gründe für Israels Vorgehen in Syrien. "Zunächst einmal wird Israels Haltung gegenüber Syrien durch das kollektive Trauma vom 7. Oktober bestimmt, das dazu geführt hat, dass die israelische Öffentlichkeit und die Sicherheitsbehörden erneute grenzüberschreitende Aktionen befürchten", erklärt sie. Zu den weiteren Motiven zählt sie die Annahme Israels, dass die neue syrische Regierung Israel feindlich gesinnt sei, obwohl diese immer wieder betont, dass sie nicht an einer bewaffneten Auseinandersetzung interessiert sei und keine Angriffe gestartet hat.
"Weil Israel die Regierung in Damaskus als dschihadistisch und von der Türkei abhängig einstuft, besteht sein übergeordnetes Ziel in einer Zentralregierung, die zu schwach ist, um eine Bedrohung für Israel darzustellen", schreibt Tsurkov.
Am Dienstag dieser Woche bombardierten israelische Kampfjets kurz nach dem Besuch einer türkischen Delegation den Militärstützpunkt Abu Duhur in Nordsyrien. Der nächste Krieg Israels könnte gegen Syrien oder die Türkei geführt werden, warnten führende israelische Politiker kürzlich. Nach dem Angriff auf die Militärbasis sagte der syrische Außenminister in einem Gespräch mit dem US-Nachrichtenportal "Axios", in den etwa ein Jahr andauernden Gesprächen über eine Sicherheitsvereinbarung habe man erhebliche Fortschritte erzielt, dann habe Israel die Gespräche jedoch abgebrochen.
"Sicherheit kann nicht einseitig sein", sagte er und betonte, dass Syrien für weitere Gespräche offen sei. "So wie wir israelische Sicherheitsbedenken berücksichtigen, muss Israel auch syrische Sicherheitsbedenken berücksichtigen und sich ernsthaft mit unseren Bedenken hinsichtlich seiner expansiven Politik und seiner Militäroperationen auf syrischem Staatsgebiet auseinandersetzen."

In einer kürzlich veröffentlichten Studie nannte die syrische Denkfabrik Etana einige weitere Gründe für Israels Vorgehen in Syrien. Die Kontrolle über Syriens höchsten Berggipfel, den Hermon, gebe Israel auch die Möglichkeit, den Libanon zu überwachen. Auch Wassersicherheit könne eine Rolle spielen, vermuten die Autoren. "Nach seinen Interventionen in Syrien nach dem Fall des Assad-Regimes hat Israel nun direkte Kontrolle über - oder indirekten Zugriff auf - die meisten Gebiete in Kuneitra und im Westen von Daraa, die reich an Oberflächenwasserressourcen sind", schreiben sie.
Wie geht es weiter?
Die jüngere Geschichte zeige, dass sich israelische Sicherheitszonen häufig in dauerhaft besetzte oder annektierte Gebiete verwandeln, sagt H.A. Hellyer vom Royal United Services Institute in London. Dorfbewohner wie Khalil aus Hamidiyah beklagen sich, dass ihre Regierung nichts täte, um ihnen zu helfen. Doch angesichts der militärischen Übermacht Israels geben die Syrer vermutlich ihr Bestes, sagt Hellyer zur DW. "Sie versuchen es weiter auf diplomatischem Wege, weil sie genau wissen, dass sie hier keine militärischen Optionen haben."
"All das ist Teil dessen, was ich als die israelische Vormachtstellung beschreiben würde", fügt Hellyer hinzu. Er bezieht sich damit auf ein Konzept, wonach mächtige Staaten schwächere durch schiere militärische Gewalt übertrumpfen. "Das heißt schlicht, dass sie die uneingeschränkte Vorherrschaft haben", erläutert er. "Sie haben die Möglichkeit, zu tun, was sie wollen. Niemand hat die Möglichkeit, Nein zu sagen. Gesetze und Regeln finden keine Anwendung, es gibt keine Konsensfindung."