Was clevere Menschen in Videokonferenzen nicht tun

Warum clevere Menschen in Videokonferenzen ihr eigenes Bild ausschalten

Stand: 16.08.2026, 20:24 Uhr

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Mehrere Studien zeigen, dass Video-Calls ermüden und belasten können. Ein Emotionsforscher nennt eine „einfache Maßnahme“ gegen die „Zoom-Fatigue“.

Frankfurt – Seit der Corona-Pandemie sind digitale Videokonferenzen in vielen Firmen Standard. Meist mit Kamera an und Ton aus. „Doch ‚Kamera an‘ kostet dein Team mehr, als du denkst“, wendet sich die Wirtschaftspsychologin Xenia Matthies auf Linkedin an Führungskräfte. „Für viele Gehirne ist Kamerapflicht wie Marathonlaufen, während man Kopfrechnen soll.“ Der Emotionsforscher, Autor und Mimik- und Körpersprache-Experte Dirk Eilert würde es nicht so formulieren, aber ja, „an der sogenannten Zoom-Fatigue ist etwas dran“, sagt er der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Eine selbstbewusste Geschäftsfrau richtet sich zu Hause ihren Arbeitsplatz für die Telearbeit.

„Bei langen Präsentationen, Bildschirmfreigaben oder längeren Zuhörphasen sollte es selbstverständlich sein dürfen, die Kamera im Videocall zeitweise auszuschalten“, sagt ein Experte. (Symbolbild) © IMAGO/Zoonar

Es sei gut belegt, dass Videokonferenzen ermüden können und eine eingeschaltete Kamera diese Ermüdung verstärken könne. Woran liegt das? „Es kommen mehrere kleine Zusatzbelastungen zusammen“, sagt der klinische Psychologe. Im Videomeeting hätten wir oft mehr Gesichter vor Augen, aber weniger Kontext, um die mimischen und körpersprachlichen Signale richtig einzuordnen. „Wir sehen ein Lächeln, ein Stirnrunzeln oder ein Augenrollen, können aber schlechter erkennen: Wem gilt der Blick? Worauf bezieht sich die Reaktion? Und hat sie überhaupt etwas mit mir zu tun?“

Wie unser Gehirn in Videokonferenzen arbeitet – „müssen mehr tun“

Eilert beschäftigt sich seit vielen Jahren mit „Mimikresonanz“, also damit, dass wir ganz automatisch und innerhalb kürzester Zeit auf die Mimik unseres Gegenübers reagieren. „Ein Lächeln kann zum Beispiel eine subtile Lächelreaktion in unserem eigenen Gesicht auslösen“, sagt er. Solche mimischen Resonanzreaktionen gebe es auch in der videobasierten Kommunikation, das Problem sei aber, dass wir die Emotion sehen, aber nicht immer ihren Auslöser kennen.

„Wenn mein Gegenüber plötzlich verärgert schaut, reagiere ich möglicherweise unmittelbar auf diesen Ausdruck und beziehe ihn auf unser Gespräch. Dabei hat die Person vielleicht gerade nur eine unangenehme Nachricht auf dem Bildschirm gelesen.“ Bei zehn Menschen im Videocall senden entsprechend zehn Gesichter fortlaufend emotionale Signale, ohne dass ich immer weiß, was diese Signale ausgelöst hat oder wem sie überhaupt gelten. „Aus Sicht der Emotionspsychologie ist nachvollziehbar, dass diese zusätzliche Uneindeutigkeit ein Videogespräch anstrengender machen kann: Unser Gehirn versucht, soziale Signale einzuordnen, obwohl ihm ein Teil des Kontextes fehlt.“

Zusätzlich fehlten in Videokonferenzen (insbesondere mit mehreren Personen) die unzähligen „kleinen Rückmeldesignale“, die Menschen normalerweise geben, wenn jemand spricht. Echter gegenseitiger Blickkontakt sei technisch praktisch unmöglich. „Das ist keineswegs eine Kleinigkeit. Unser Blick ist eines der wichtigsten Steuerungssignale menschlicher Kommunikation“, sagt Eilert. Interessanterweise würden manche Menschen versuchen, diese fehlende Eindeutigkeit durch verstärktes Nicken oder bewusstes Schauen in die Kamera aktiv auszugleichen. „Wir bekommen einerseits weniger eindeutige soziale Rückmeldung und müssen andererseits teilweise mehr tun, um selbst eindeutig verstanden zu werden. Ein wichtiger Baustein, um zu verstehen, warum Videokommunikation anstrengender sein kann.“

Mimik-Experte nennt „einfache Maßnahme“, um Ermüdung in Videokonferenzen zu vermeiden

Außerdem sei die Selbstansicht ein „wichtiger Faktor“, sagt der Psychologe der Frankfurter Rundschau. „Stellen Sie sich ein normales Gespräch vor, bei dem neben Ihrem Gesprächspartner permanent ein kleiner Spiegel steht, in dem Sie sich selbst sehen. Genau das machen wir in Videokonferenzen oft stundenlang. Damit entsteht eine zusätzliche Aufmerksamkeitsquelle: Wie sehe ich gerade aus? Wirke ich interessiert? Habe ich eben merkwürdig geschaut?“ Eine experimentelle Studie habe zeigen können, dass bereits das Ausblenden des eigenen Videobildes sowohl Ermüdung als auch zusätzliche kognitive Belastung reduzieren könne.

Man könne nicht pauschal sagen, dass es ungesund sei, die Kamera anzulassen. „Dafür ist die Studienlage zu differenziert“, sagt Eilert. Besteht jedoch eine Kamerapflicht, berichten Mitarbeitende tatsächlich von mehr Übermüdung. „Meine Empfehlung wäre deshalb: Die Kamera sollte kein digitaler Anwesenheitsnachweis sein, sondern ein Kommunikationswerkzeug. Man schaltet sie ein, wenn Sichtbarkeit für das Gespräch einen Mehrwert bietet, nicht, um zu beweisen, dass man am Schreibtisch sitzt.“

Clever sei sicher, das eigene Bild auszuschalten. „Die anderen können mich weiterhin sehen, aber ich muss mir nicht zwei Stunden lang selbst beim Zuhören und Denken zuschauen. Für diese einfache Maßnahme gibt es inzwischen experimentelle Hinweise auf geringere Ermüdung und geringere kognitive Belastung“, sagt der Mimik-Experte. „Ich würde nicht versuchen, permanent in die Kameralinse zu starren. Das wäre auch in einem persönlichen Gespräch unnatürlich.“ Sinnvoller sei es, das Videofenster der sprechenden Person einfach möglichst nah an der Webcam zu platzieren. „Und wenn ich gerade nur zuhöre, muss ich auch nicht immerzu konzentriert auf die Kacheln starren“, sagt er. „Unser Blick darf ruhig einmal wandern, wie er es auch in einem persönlichen Gespräch tut.“

Er spricht sich dafür aus, Kameras situativ einzusetzen. „Beim Kennenlernen, bei sensiblen Gesprächen, Diskussionen oder Entscheidungsprozessen ist es sehr hilfreich, das Gegenüber zu sehen. Bei langen Präsentationen, Bildschirmfreigaben oder längeren Zuhörphasen sollte es dagegen selbstverständlich sein dürfen, die Kamera zeitweise auszuschalten.“ (Quellen: eigene Recherche, Linkedin)