Warum es ohne Pogacar auch nicht wirklich leichter wird | radsport-news.com

Wie sollen die Favoriten auf das Regenbogentrikot taktisch vorgehen?

Von Paul Grosch

Foto zu dem Text "Warum es ohne Pogacar auch nicht wirklich leichter wird"
Tadej Pogacar ist in Montreal nicht dabei. | Foto: Cor Vos

26.09.2026  |  (rsn) – In Abwesenheit des zweifachen und noch amtierenden Weltmeisters Tadej Pogacar wittern Remco Evenepoel, Isaac Del Toro oder Paul Seixas ihre große Chance, sich das Regenbogentrikot beim Männerrennen am Sonntag überstreifen zu können. Doch Pogacars Fehlen macht die Angelegenheit für die Favoriten möglicherweise sogar schwieriger. Es droht ein mit Drama und Spannung aufgeladenes Rennen am Sonntagabend deutscher Zeit, das dem regulären Sonntagsabendprogramm im TV in nichts nachsteht.

Pogacars lange Solo-Fahrten nahmen den Eintagesrennen der jüngsten Vergangenheit taktisch oft jeglichen Spielraum. Andere Nationen oder Teams wie Belgien, die in der Breite deutlich besser als die Pogacars Mannschaft aufgestellt ist, kamen gar nicht in die Situation, durch ihre numerische Überlegenheit Pogacar unter Druck zu setzen. Der UAE-Star selektierte früh die meisten Helfer der Konkurrenz aus und hinter ihm duellierten sich nur die Kapitäne der restlichen Nationen – ein klassisches Ausscheidungsrennen also.

Doch das half auch Fahrern wie Evenepoel. Der Belgier fand sich sonst oft in einer deutlich reduzierten Verfolgergruppe hinter Pogacar wieder, in der er ebenso wenig in Taktikspielchen verwickelt wurde. In diesem Jahr geht er als Top-Favorit an den Start, nachdem er am vergangenen Sonntag seinen vierten Zeitfahrtitel in Folge klar gemacht hatte und im vergangenen Jahr beim WM-Straßenrennen in Kigali klar der Zweitstärkste war. Auch bei der Europameisterschaft und der Lombardei-Rundfahrt im vergangenen Herbst stand der 26-Jährige immer rechts neben dem Sieger. Die logische Konsequenz wäre also der erste Doppel-Weltmeister in der Eliteklasse der Männer überhaupt. Doch Pogacars Abwesenheit in diesem Jahr mischt die Karten komplett neu.

Stehen sich Evenepoel und Belgien taktisch selbst im Weg?

Um Evenepoels Chancen zu maximieren, würde sich eine ähnliche Taktik mit einer frühen Attacke anbieten. Der Belgier kann dann seine Zeitfahrqualitäten ausspielen. Beim GP de Montréal, der WM-Generalprobe vor zwei Wochen, zeigte sich zudem wieder einmal, dass der Mann von Red Bull – Bora – hansgrohe am längsten Anstieg, der Voie Camillien-Houde, in einem direkten Duell gegen Del Toro, Seixas und Co. nicht unbedingt der Stärkste ist. Ähnliches war bereits bei den Frühjahrsklassikern wie Lüttich-Bastogne-Lüttich zu beobachten. Steckt der 26-Jährige dann in einer Verfolgergruppe fest, in der nicht alle Fahrer kooperieren, reagiert Evenepoel oft frustriert.

Auf dem schweren Kurs in Montréal gibt es zwar kaum Flachstücke, doch einige kürzere Rampen oder leicht abfallende Abschnitte, die Druck auf den Pedalen erfordern, passen genau in das Fahrerprofil des Tour-Zweiten. Etwas fraglich ist jedoch, ob die Sportliche Leitung der Belgischen Nationalmannschaft so einen “modernen Ansatz“ wählt oder eher klassisch das Rennen so lange wie möglich kontrollieren möchte, um den WM-Titel erst auf den letzten Runden in einem direkten Duell am Anstieg zu entscheiden.

Kann Del Toro profitieren?

Davon profitieren könnte del Toro. Der Mexikaner verfügt nicht über starke Helfer und hofft wohl, dass Nationen wie Belgien das Rennen so lange wie möglich zusammenhalten. Der Tour-Dritte ist der vielleicht effizienteste Fahrer im Feld. Den Attacken seiner Konkurrenten folgt er oft nicht direkt, sondern versucht die Lücke möglichst gleichmäßig und kraftsparend zu schließen. Als er beim GP Montréal im Duo mit Seixas alleine vorne fuhr, trat er die meiste Verantwortung an seinen französischen Begleiter ab und tat nur das Nötigste, um sich vor der Verfolgergruppe zu halten. Im Sprint hatte Seixas auch deswegen keine Chance.

Einmal fiel genau diese defensive Herangehensweise Del Toro auf die Füße. Auf der 20. Etappe des Giro d’Italia 2025 verlor er am Colle de Finestre das Rosa Trikot, weil er ausschließlich am Hinterrad von Richard Carapaz verharrte, während Simon Yates einfach davonfuhr. Am Sonntag wird del Toro versuchen, sich an die anderen Favoriten zu heften. Mit dieser Taktik könnte er ein Dorn im Auge von Evenepoel sein. Bei Attacken von anderen Fahrern dürfte sich der Mexikaner auf den Belgier oder Seixas verlassen, um diese Lücken zu schließen.

Paul Seixas hingegen verfügt über eines der stärksten Teams. Einer gut vorbereiteten Attacke des französischen Wunderkinds können nicht viele Fahrer im Feld mitgehen. Danach wird es jedoch entscheidend sein, wie sich Seixas in einer kleinen Spitzengruppe taktisch verhält, sollte er nicht alle Konkurrenten abschütteln können. Im Duell mit Del Toro beim GP Montréal fuhr er möglicherweise zu aktiv und ließ sich zudem im Sprint überraschen. Das Idealszenario wäre wohl eine Solofahrt zum Regenbogentrikot. Seixas jedenfalls schickte eine Warnung an die Konkurrenz: “Das Ziel ist natürlich, am Sonntag zu gewinnen. Mit der Form, die ich habe, wäre alles andere eine Enttäuschung!“

Van der Poel mit vollem Risiko zum Erfolg?

Mathieu van der Poel hingegen stapelte im Vorfeld eher tief. “Meine Chancen sind gering.“ Damit bezieht sich der Niederländer wohl vor allem auf den 1,6 Kilometer langen Anstieg Voie Camillien-Houde, der durchschnittlich 7,6 Prozent steil ist – etwas zu lang für die Vorlieben des Weltmeisters von 2023. Doch van der Poel zeigte am vergangenen Sonntag mit einem beeindruckenden 175-Kilometer-Solo auf der Schlussetappe der Tour de Luxembourg (2. Pro), dass mit ihm zu rechnen sein wird. Auf dem schweren WM-Kurs in Zürich schaffte er es 2024 auf das Podium.

Die Flucht nach vorne dürfte wohl auch am Sonntag die beste Chance für den 31-Jährigen sein. Im Idealfall schickt Belgien van der Poels ewigen Rivalen Wout van Aert mit in die Offensive und stellt dahinter die Tempoarbeit im Hauptfeld ein. In einer solchen Konstellation hat van der Poel wohl die größten Chancen auf sein zweites Regenbogentrikot auf der Straße. Glaubt man den Aussagen, hat der Niederländer nichts zu verlieren und sollte deshalb volles Risiko gehen. Der Klassikerspezialist wird also wie Del Toro hoffen, dass Belgien auf eine klassische Taktik setzt. Sollte Evenepoel auf frühe Angriffe von van der Poel reagieren, sind die Chancen eher gering.

Doch Evenepoel zeigte in der Vergangenheit, dass er sich nicht immer auf taktisch unerwartete Szenarien gut anpassen kann und eher klassische Renntaktiken verfolgt. In einem direkten Duell mit den kletterstarken Fahrern wie Seixas, Del Toro oder Evenepoel hat van der Poel wohl wenig Chancen. Ansonsten müsste er darauf hoffen, dass er wieder aufschließen kann, sollten sich die Favoriten nicht einig werden. Die Sprintstärke des Niederländers ist jedoch auch den oben genannten Fahrern bekannt.

Die Außenseiter und ihre große Chance

In Abwesenheit von Pogacar stehen die Chancen auf einen Außenseitersieg gut wie lange nicht. Der Slowene zerstörte in den vergangenen Jahren mit frühen Attacken oft die Träume von Ausreißern. Teilweise bildete sich gar keine Gruppe des Tages. Doch in diesem Jahr wittern Nationen wie Italien oder USA ihre Chance. Beide Länder verfügen über eine auch in der Breite starke Mannschaft mit angriffslustigen Fahrern wie Giulio Ciccone oder Quinn Simmons. Ben Healy ist auch dazu zu zählen, doch der Ire verfügt nicht über die stärksten Helfer.

Die Taktik dürfte dabei klar sein. Bereits auf den ersten Runden in Montréal müssen immer wieder verschiedene Fahrer attackieren und die Top-Teams wie Belgien oder Frankreich so unter Druck setzen. Athleten wie van der Poel und van Aert könnten dabei zu wertvollen Verbündeten werden. Beide befinden sich in einer ähnlichen taktischen Ausgangslage. Beim U23-Männerrennen zeigte Ashlin Barry (USA), dass auch ein früher Ausreißer durchkommen kann, wenn es zwischen den Favoriten dahinter zu Taktikspielchen kommt.

Diese könnten auch in der Eliteklasse entstehen, wenn sich keiner der Top-Fahrer frühzeitig absetzen kann. Diese befinden sich in Pogacars Abwesenheit wohl eher auf einem ähnlichen Level. Auch wittern viele ihre große Chance auf das Regenbogentrikot, taktische Missgeschicke und Fehlentscheidungen einzelner Favoriten werden in so einer Situation wahrscheinlicher.