Europa in der Nato-Falle – Was nach einem Waffenstillstand in der Ukraine käme
AUDIO: #354 Wer schützt die Ukraine nach dem Krieg? Podcast mit Ex-Nato-General Erhard Bühler (38 Min)
Was tun, Herr General? Das Briefing
Stand: 27.07.2026 06:33 Uhr
Wenn es einen Waffenstillstand in der Ukraine geben sollte, muss er abgesichert werden. Eine "Koalition der Willigen" ist dazu bereit. Ihr großes Problem dabei ist für Ex-Nato-General Erhard Bühler aber nicht, ob sie Verantwortung tragen kann, sondern ob sie dafür Strukturen aufbaut, die schlechter funktionieren als die bisherige Nato. Bühler warnt hier vor einer "europäischen Nato" ohne die bisherigen Vorteile des Bündnisses. Was tun, Herr General? Das Briefing.
von MDR AKTUELL
- Europa muss sich auf Waffenstillstand jetzt vorbereiten
- Dabei steckt die europäische Sicherheit in einer "Nato-Falle"
- Raketenabwehr ohne Doppelstruktur statt Symbolpolitik
Es geht für Europa um ein Ende des Ukraine-Kriegs, um Frieden mit Russland. General a.D. Erhard Bühler lenkt dabei den Blick auf eine große, strategische Frage: Wie organisiert Europa künftig die eigene Sicherheit und die der Ukraine – mit oder neben der Nato?
Vorbereiten statt hoffen: Europas Strategie
Sollte sich Europa militärisch vollkommen unabhängig aufstellen wollen, bliebe ein Problem erhalten, sagt Bühler: "Man ist im Grunde genommen Nato aus Sicht der Russen, kann aber die Vorteile nicht nutzen", die das Verteidigungsbündnis mit den USA bisher hatte. Er sagt:
- Die "Koalition der Willigen" sei nicht primär eine Friedensmission, sondern ein "Werkzeugkasten" für den Fall, dass sich politisch ein Fenster für ein Ende der Kämpfe und Gespräche mit Russland öffnet. ("Koalition der Willigen": Zusammenschluss aus 36 Ländern unter Führung von Großbritannien und Frankreich, die der Ukraine verstärkte Unterstützung gegen die russische Invasion zugesagt haben.)
- Die Europäer müssten dabei mögliche Szenarien jetzt durchdenken. Wer erst nach einem Waffenstillstand anfange zu planen, sei damit zu spät dran.
- Bühler sieht zwar diplomatische Bemühungen, den Krieg zu beenden – verweist aber auf unveränderte Kriegsziele des russischen Präsidenten: "Die ursprünglichen sind auch heute noch die Ziele von Putin."
- Bühler erwartet darum auch, dass mit einem Waffenstillstand der Konflikt eher "eingefroren, aber noch nicht gelöst" würde.
Erst dann anzufangen, wenn sich eine Einigung ergeben hat – in diesen grundsätzlichen Fragen – die es heute noch nicht gibt, wäre schwierig. General a.D. Erhard Bühler im Podcast #354
Bühlers strategische Botschaft lautet: Es ist nicht entscheidend, wie wahrscheinlich ein Waffenstillstand aktuell ist. Entscheidend sei, ob Europa darauf vorbereitet wäre. Daraus ergibt sich: Je konkreter das in Europa geplant wird, umso deutlicher treten die Schwächen hervor.
Was tun, Herr General? Das Briefing.
Das Briefing entsteht aus dem MDR-AKTUELL-Podcast "Was tun, Herr General?". Tim Deisinger analysiert mit Ex-NATO-General Erhard Bühler die militärische Lage in der Ukraine und die Auswirkungen des Krieges auf Europa und die internationale Sicherheitspolitik.
Experte
Erhard Bühler
General a.D. der Bundeswehr und Ex-Nato-General
Nato-Wirkung ohne Nato-Vorteile?
Bühler sieht die europäische Sicherheitsarchitektur in einer "Nato-Falle". Denn sie müsse die Funktionen der Nato nachbilden, ohne die Nato zu sein, deren Funktionieren bisher vor allem die USA sicherte. Das ist aus Bühlers Sicht "der große Nachteil dieser Koalition der Willigen", denn:
- Russland werde europäische Soldaten immer als Nato-Soldaten betrachten.
- Gleichzeitig verzichte die Koalition auf die Vorteile der Nato, ihre politischen Verfahren, eingespielte Kommandostrukturen und jahrelang eingeübte Kooperationen von Truppen, Kommunkation und Technik.
- Und bei einer Schutztruppe stelle sich sofort die Frage: "Was passiert, wenn Abschreckung scheitert?" Dann werde aus der Mission unmittelbar ein Kriegseinsatz.
- Angekündigte Ad-hoc-Strukturen der Briten und Franzosen seien deshalb kein vollwertiger Ersatz für etablierte Nato-Hauptquartiere.
Man ist im Grunde genommen Nato aus der Sicht der Russen, kann aber ihre Vorteile nicht nutzen. General a.D. Erhard Bühler im Podcast #354
Hinter der Debatte sieht der Experte ein Grundproblem europäischer Sicherheitspolitik: Europa will mehr Eigenständigkeit, hat aber schon eine funktionierende Militär-Organisation. Darum ist die Frage nicht, ob Europa mehr tun soll, sondern ob das nicht doch effizienter in der Nato wäre.
Raketenabwehr statt Symbolpolitik
Skeptisch ist Bühler aber nicht nur bei einer mögliche Ukraine-Schutztruppe, sondern auch bei der Debatte über eine europäische Raketenabwehr. Europäische Verteidigungsinitiativen seien sinnvoll, nicht aber Doppelstrukturen zur Nato.
- Die neue Raketenabwehr-Koalition versteht Bühler als rüstungspolitische Initiative, nicht als neue Kommandostruktur.
- Europa müsse sich stärken und Nato-Strukturen intelligent nutzen.
- Manöver der Koalition sieht er skeptisch: Sie hätten politischen Signalwert, könnten Russland aber propagandistisch als angeblicher Nato-Aufmarsch dienen.
Diese integrierte Luftverteidigung der Nato zu kopieren, wäre sinnlos. Doppelstrukturen brauchen wir nicht. General a.D. Erhard Bühler im Podcast #354
Bühler trennt zwischen industrieller und militärischer Integration. Mehr europäische Beschaffung: Ja. Neue parallele Kommandostrukturen: Eher nein. Er plädiert für einen pragmatischen Weg zwischen strategischer Autonomie und transatlantischer Einbindung.
Wer "nur" über einen möglichen Waffenstillstand in der Ukraine debattiert, geht laut Bühler aber dem eigentlichen, dem strategischen Problem aus dem Weg – dem Richtungsstreit, ob Europa seine Sicherheit in neuen Koalitionen oder in einer europäischeren Nato sucht.
MDR AKTUELL (ksc)
Was tun, Herr General? – Der Podcast zum Ukraine-Krieg
Krieg in Europa. Welche Strategie verfolgt die russische Armee, wie stehen die Chancen der ukrainischen Verteidiger? Einschätzungen der militärischen Lage und der Kriegsfolgen vom früheren NATO-General Erhard Bühler.
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