Was, wenn Israel die Al-Aksa-Moschee übernimmt?

Die Erklärung nach dem Treffen in Jordanien in dieser Woche macht deutlich, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.

Israelische Verstöße gegen die geltenden Regelungen für die Al-Aksa-Moschee in Ost-Jerusalem, einer der heiligsten Stätten des Islam, könnten zu "einem religiösen Konflikt führen, dessen Auswirkungen über die Region hinausreichen und den regionalen und internationalen Frieden und die Sicherheit bedrohen". Davor warnten die Außenminister von zehn Mitgliedstaaten der Arabischen Liga nach einem Dringlichkeitstreffen in der jordanischen Hauptstadt Amman. Der Erklärung schlossen sich auch Minister aus Indonesien, Pakistan, der Türkei und Malaysia an.

Jordaniens Außenminister hatte das Treffen angesetzt, nachdem sich Hinweise darauf verdichtet hatten, dass die israelische Regierung eine seit Jahrzehnten geltende Vereinbarung für das Gelände der Al-Aksa-Moschee, auf Arabisch Haram al-Scharif, schleichend verändert. Die Regelung soll das friedliche Zusammenleben an einem Ort gewährleisten, der für Muslime, Juden und Christen von großer religiöser Bedeutung ist.

Israel Jerusalem 2026 | Juden besuchen den Tempelberg an Tischa beAw
Juden auf dem Al-Aksa-Gelände. 2015 erklärte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu: "Muslime beten auf dem Tempelberg, Nichtmuslime besuchen den Tempelberg."Bild: Debbie Hill/UPI Photo/Newscom/picture alliance

"Wir warnen davor, dass Eingriffe in den Status quo […] einen religiösen Konflikt auslösen könnten, der weit über Palästina und Jordanien hinaus in der gesamten muslimischen Welt nachhallen würde", sagte Jordaniens Außenminister Ayman Safadi der britischen Zeitung The Guardian vor dem Treffen. Das israelische Außenministerium wies die Vorwürfe zurück. Die Erklärung sei unzutreffend. Jerusalem sei "noch nie so offen und für Gläubige aller Religionen so zugänglich gewesen".

Warum ist die Al-Aksa-Moschee so bedeutend?

Al-Aksa gilt nach Mekka und Medina in Saudi-Arabien als drittheiligste Stätte des Islam. Das Gelände, das Juden als Tempelberg bezeichnen, ist zugleich die heiligste Stätte des Judentums. Dort sollen einst zwei jüdische Tempel gestanden haben. Wegen seiner biblischen Verbindung zum Leben Jesu Christi ist der Ort auch für Christen von Bedeutung.

Al-Aksa hat zudem enormes politisches Gewicht. Die Moschee gilt vielen als Symbol palästinensischer Identität. Zugleich liegt sie in dem Teil der Stadt, den die Palästinenser als Hauptstadt eines künftigen palästinensischen Staates beanspruchen.

Nach der israelischen Besetzung Ost-Jerusalems 1967 sollten Muslime auch aus israelischen Sicherheitsinteressen heraus weiterhin auf dem Gelände beten können. Juden durften den Ort zwar besuchen, dort jedoch nicht beten. Jüdische Gläubige verrichten ihre Gebete stattdessen an der unterhalb des Geländes gelegenen Klagemauer.

Jordanien behielt zudem seine seit rund einem Jahrhundert bestehende Rolle als Hüter der heiligen Stätte. Heute wird die Moschee von der islamischen Stiftung Waqf verwaltet, die Jordanien jährlich mit rund 20 Millionen Dollar - etwa 17 Millionen Euro - finanziert. Für die Sicherheit auf dem Gelände sind weiterhin die israelischen Behörden zuständig.

Diese fragile Regelung wird als "Status quo" bezeichnet. Doch jüngste Berichte legen nahe, dass sie zunehmend ausgehöhlt wird. Einwohner Jerusalems berichten, dass in diesem Jahr Dutzenden von Jordanien beschäftigten Mitarbeitern der Moschee der Zugang zum Gelände verweigert worden sei.

Nach Angaben von Beobachtern - wie der israelischen Organisation Ir Amim aus Jerusalem -  hat sich die Zahl der muslimischen Gläubigen dort 2025 halbiert. Gleichzeitig erhalten immer mehr jüdische Besucher Zugang zum Gelände und vollziehen dort zunehmend offen religiöse Rituale - obwohl dies jahrzehntelang untersagt war und auch von jüdischen Religionsautoritäten abgelehnt wurde. Im Januar berichtete Times of Israel, dass die Polizei jüdischen Besuchern erstmals ausdrücklich gestattete, ausgedruckte Gebetsblätter mit auf das Gelände zu nehmen.

Israel Jerusalem 2026 | Palästinensische Familien feiern Eid al-Adha an der Al-Aqsa-Moschee
Muslime glauben, dass der Prophet Mohammed von Al-Aksa aus in den Himmel aufgestiegen istBild: Sinan Abu Mayzer/REUTERS

Im Juni sorgten zudem Berichte über einen israelisch-US-amerikanischen Plan für Aufsehen, das Moscheegelände in ein "interreligiöses Zentrum" umzuwandeln. US-Außenminister Marco Rubio erklärte später allerdings, von einem solchen Vorhaben nichts zu wissen.

Warum spitzt sich die Lage auf dem Al-Aksa-Gelände gerade jetzt zu?

Es ist nicht das erste Mal, dass Regierungen muslimisch geprägter Staaten und Aktivisten in Jerusalem vor Veränderungen an der Al-Aksa-Moschee warnen.

Seit Jahrzehnten fordern jüdische Randgruppen, die der sogenannten Tempelberg-Bewegung zugerechnet werden, auf dem Gelände beten zu dürfen. Die Extremen unter ihnen wollen die Moschee abreißen und an ihrer Stelle einen neuen jüdischen Tempel errichten.

Lange Zeit seien diese Gruppen weitgehend ignoriert worden, schrieb der Jerusalemer Anwalt Daniel Seidemann 2025. Seidemann ist Gründer der Organisation Terrestrial Jerusalem, die politische und städtebauliche Entwicklungen in Jerusalem beobachtet. Inzwischen jedoch sei diese "radikale Randgruppe" zunehmend in den politischen Mainstream vorgedrungen.

"Mit der Zeit wurden die Tempelberg-Bewegungen, unterstützt von mehr als 100 Rabbinern aus dem Umfeld der Siedlerbewegung im Westjordanland, sichtbarer, lauter und provokanter", sagte Seidemann.

"Diese Krise hat sich über Jahrzehnte aufgebaut", sagt Omar Rahman vom Middle East Council on Global Affairs. "Spätestens seit den 1980er-Jahren gibt es Bestrebungen religiöser Extremisten, die Al-Aksa-Moschee zu zerstören; damals wurden entsprechende Pläne aufgedeckt. Heute sind diese Gruppen und Ideologien jedoch deutlich stärker in der israelischen Knesset vertreten."

Ein Bericht der israelischen Organisation Ir Amim vom Oktober 2025 kam zu dem Schluss, dass Politiker - auch aus der nationalkonservativen Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu - regelmäßig gegen die Regeln des Status quo an Al-Aksa verstoßen, ohne dass die Behörden Konsequenzen ziehen.

"In der Praxis erlaubt und normalisiert Netanjahu schwerwiegende Verstöße gegen den Status quo", heißt es in dem Bericht. Gleichzeitig erklärt Netanjahu weiterhin, "dass seine Regierung am Status quo festhält und sich nichts geändert hat".

Was passiert, wenn der Status quo weiter ausgehöhlt wird?

"Es wäre äußerst unklug, irgendeine Prognose abzugeben", sagt Joost Hiltermann, Sonderberater für den Nahen Osten und Nordafrika bei der Denkfabrik Crisis Group, der DW.

Entscheidend sei jedoch, so Hiltermann: "Während das Schicksal Jerusalems als Stadt vor allem ein zentrales palästinensisches Anliegen sein mag, ist das Schicksal der islamischen heiligen Stätten in Jerusalem ein dauerhaftes Anliegen von Muslimen weltweit. Nicht nur in der arabischen Welt, sondern auch in den größten muslimischen Ländern: Indonesien, Pakistan, Bangladesch. Jeder israelische Versuch, den Status quo zu verändern, würde daher weltweit Gegenreaktionen hervorrufen."

Israel Jerusalem 2026 | Juden beten auf dem Tempelberg an Tischa beAw
Im Juli 2026 beteten Tausende Juden auf dem Gelände der Al-Aksa-Moschee entgegen der Status-quo-RegelungBild: Debbie Hill/UPI Photo/Newscom/picture alliance

Schon in der Vergangenheit führten Veränderungen an der heiligen Stätte zu Gewalt. Im Jahr 2000 besuchte Ariel Sharon, damals israelischer Oppositionsführer der Rechten, das Al-Aksa Gelände. Der Besuch gilt als einer der Auslöser des palästinensischen Aufstands, der als Zweite Intifada bekannt wurde. Als israelische Behörden 2017 Kameras und Metalldetektoren auf dem Gelände installierten, kam es zu Protesten mit Todesopfern.

Weitere Verstöße gegen den Status quo könnten zu Protesten in muslimisch geprägten Ländern führen. "Während die arabischen Regime nur ungern irgendeine Form der Konfrontation mit Israel eingehen würden, wird die Bevölkerung empört sein", sagt Joost Hiltermann. "Die Regierungen werden damit umgehen müssen und versuchen, dies durch scharfe Kritik an Israel zu tun, die keine Reaktion hervorruft - darin sind sie inzwischen sehr gut geworden. Das Gleiche wird für Indonesien und andere gelten. Aber sie alle könnten Schwierigkeiten haben, die Wut im eigenen Land unter Kontrolle zu halten."

Welche Folgen weitere israelische Eingriffe hätten, hänge davon ab, wie grundlegend die Veränderungen an Al-Aksa ausfielen, so Omar Rahman. "Es würde eine ziemlich erhebliche Reaktion auslösen, aber wie weit sie gehen würde, ist schwer zu sagen", sagt Rahman. "Es könnte einen katastrophalen Religionskrieg auslösen, vielleicht aber auch nur eine diplomatische Reaktion - oder einfach den Groll gegen Israel weiter verstärken."

Weil Al-Aksa im Islam eine so große Bedeutung hat, könnte es einigen Staaten zudem schwerfallen, einer wachsenden anti-israelischen Stimmung entgegenzutreten, selbst wenn sie dies wollten, so Rahman. Länder wie Marokko und die Vereinigten Arabischen Emirate, die ihre Beziehungen zu Israel normalisiert haben, könnten diesen Schritt rückgängig machen.

Wegen der Bedeutung von Al-Aksa für die palästinensische Identität erklärt auch die im Gazastreifen ansässige Terrorgruppe Hamas regelmäßig, sie verteidige die Moschee. Auch extremistische Gruppen mit islamistischem Hintergrund haben die angebliche Verteidigung von Al-Aksa genutzt, um neue Mitglieder zu rekrutieren.

Der Artikel ist im Original auf Englisch erschienen.